Hatakama – klingt japanisch. Wie Origami. Oder Haiku. Und dieses Hatakama hat sogar eine Postleitzahl (436-0117). Und ein Wetter. Für Donnerstag sind zum Beispiel 15 Grad vorhergesagt, wobei sich Wolken und Sonne abwechseln sollen, am Freitag wird es, wenn die Prognose richtig ist, bei 18 Grad "sonnig und angenehm" sein.

Trotzdem hat der Ort in der Präfektur Shizuoka nicht das Geringste mit dem zu tun, was gerade in der Galerie nächst St. Stephan los ist. Weil ich mich schlichtweg verlesen habe. "Hatakma" lautet das Wort nämlich in Wahrheit. Ohne a nach dem k. Hört sich zwar immer noch ziemlich japanisch an, stammt aber aus Polen. 

Unbunt hat auch viele Farben

Es stammt aus Polen, wohlgemerkt. Ohne allerdings Polnisch zu sein. Der Michal Budny, ein gebürtiger Pole (geboren 1976 in Leszno), der heute in Warschau lebt und arbeitet, hat es jedenfalls erfunden, als er 17 war. Eine Erzählung so benannt. Und jetzt hat er es, das Wort, das so mysteriös ist wie seine skulpturalen Gebilde, so kryptisch, aus der Vergangenheit und dem Vergessen wieder ausgegraben, um seine aktuelle Ausstellung mit ihm zu betiteln. "Hatakma" also.

Rätselhafte "Möbel": Michal Budny weiß Auge und Verstand mit seinem maximalen Minimalismus zu beschäftigen. 
- © Markus Woergoetter

Rätselhafte "Möbel": Michal Budny weiß Auge und Verstand mit seinem maximalen Minimalismus zu beschäftigen.

- © Markus Woergoetter

Unten im LOGIN ("Login" wie: Anmeldung?), dem ebenerdigen Schaufensterraum: das Vorspiel. Ein zugezogener schwarzer Vorhang, der sich glänzend wellt, sich der Neugier, die durch die Auslagenscheibe spechtelt, blickdicht verschließt und dabei alles und nichts verheißt. Die Schaulust muss draußen bleiben, rutscht an der Kunstfaserglätte ständig ab und ergötzt sich halt notgedrungen an dieser. Oben im zweiten Stock spaziert man dann durch eine abstrakte Geschichte, die offenbar von der Farbe Grau handelt. Unter anderem. Oder von den Farbe-n Grau. Plural. Und den Farbe-n Schwarz. Und was ist Schwarz anderes als ein sehr dunkles Grau, ein superdunkles (bzw. ein stark abgedunkeltes Weiß)?

Wuchtig und so selbstbewusst, dass das imposante Ding (von Michal Budny) nicht einmal einen Titel benötigt. 
- © Markus Woergoetter

Wuchtig und so selbstbewusst, dass das imposante Ding (von Michal Budny) nicht einmal einen Titel benötigt.

- © Markus Woergoetter

Während man über die unbunte Bühne schreitet, fasziniert von den rätselhaften Objekten, die da herumstehen und -hängen, knarren unterm anthrazitfarbenen Kunststoffboden, mit dem das Parkett abgedeckt worden ist, die Bretter, die hier die Welt bedeuten, weil auf diesen Budnys verspielte Strenge ihren Auftritt hat. Sein Minimalismus mit maximaler Präsenz und Ausstrahlung. Wiederholungen, formale Echos, Variationen, Drehungen. Der Künstler spielt mit Form, Oberfläche, Material. Mit Rundungen und Kanten, konvexen und konkaven Krümmungen, mit Holz (niemals nackt, stets "schwarz" beschichtet), mit Gummi, mit Metall. 

Nur weil der Reifen sagt: "Spring!" . . .

Manches fordert einen regelrecht heraus, dass man sich dazu positioniert, sich körperlich damit auseinandersetzt. Durch den Reifen im ersten Raum kann man theoretisch springen. Groß genug wäre er. In der Praxis wird man das logischerweise nicht tun, da kann er noch so viel Leere einkreisen, in der wiederum zwei Kugeln, an den Rand gedrängt, jeweils ihre Masse ballen und für ein Gleichgewicht sorgen, die Symmetrie austarieren.

Durchkomponiert bis zum überraschenden Ende: Das ist nämlich rot. (Einblick in den letzten Raum von Michal Budnys sehens- und begehenswerter Ausstellung. Stahl trifft Gummi.) 
- © Markus Woergoetter

Durchkomponiert bis zum überraschenden Ende: Das ist nämlich rot. (Einblick in den letzten Raum von Michal Budnys sehens- und begehenswerter Ausstellung. Stahl trifft Gummi.)

- © Markus Woergoetter

Eine Konstruktion aus Vertikalen und Horizontalen wuchtet sich sperrig in den zweiten Raum wie ein Klettergerüst (nicht, dass man tatsächlich darauf herumkraxeln sollte), und am Ende lockt das einzige Rot: Lackierter Stahl zieht raffiniert einfache Linien im Raum (dem dritten), zeichnet zwei Torbögen (einer ist richtig herum, einer steht auf dem Kopf) und verstrebt die beiden notdürftig miteinander. Die – symbolische – Pforte in eine verkehrte Welt und wieder zurück?

Ein bissl fühlt man sich wie in der stimmig eingerichteten Wohnung der geometrischen Abstraktion höchstpersönlich. (Oder wie auf dem Spielplatz eines Minimalisten.)