Schon im Ausstellungstitel taucht das erste Tier auf: "Mit der Vogel kannst Du mich jagen." Heißt das nicht "mit dem Vogel"? Nicht, wenn der Nachname der Künstlerin ein geflügeltes Wort ist, also Vogel lautet. (Vorname: Raphaela.) Künstlerinnen sind selbstverständlich Menschen, aber sind Menschen vielleicht keine Tiere? Einen regelrechten Zoo beherbergt die Galerie MEYER*KAINER. Mit Löwen, Giraffen, einem Pegasus und einem . . . sehr animalischen Körperteil.

In der imposanten zentralen Installation "Müssen und Können", die den Hauptraum komplett einnimmt, "kann" einer definitiv nimmer. Da braucht ein riesiger Penis offensichtlich Starthilfe (hat ein Schwellkörperimplantat mit Pumpe, leidet anscheinend an einer erektilen Dysfunktion). Außerdem wird er, der auf ein Wagerl montiert ist, gleich von zehn Paarhufern förmlich abgeschleppt. Das mag jetzt schweinisch klingen, dennoch ziehen keine Schweine, die ja ebenfalls Paarhufer sind, an der indisponierten Männlichkeit, sondern jene mit dem längsten . . . Hals im Tierreich und dem höchsten Blutdruck aller Säuger (ungefähr 280 zu 180): Giraffen nämlich. Geisterhafte Erscheinungen, leere, löchrige PU-Elastomerhäute. Gespenstisch bleich. 

Die Männlichkeit krebst herum

Akrobatischer Balanceakt: Raphaela Vogel hängt ihren Bronzelöwen auch noch den geballten Sound an die Nasen (Kugellautsprecher). Teil eins der Multimedia-Installation "Für uns" (2021). 
- © Kati Göttfried / Courtesy MEYER*KAINER, Wien

Akrobatischer Balanceakt: Raphaela Vogel hängt ihren Bronzelöwen auch noch den geballten Sound an die Nasen (Kugellautsprecher). Teil eins der Multimedia-Installation "Für uns" (2021).

- © Kati Göttfried / Courtesy MEYER*KAINER, Wien

Der "Kutscher" ist auch nicht gerade in vitaler Bestform. Das anatomische Penismodell klärt durchaus auf (und das äußerst detailliert), freilich weniger über Bienchen und Blümchen. Die Dippel stammen jedenfalls nicht von Insektenstichen, das sind Genitalwarzen. Und überall Karzinome: in der Prostata, der Blase, einem Hoden. Und als hätte das nicht bereits gereicht, hat sich obendrein noch irgendwo ein Polyp eingenistet. Na servas. Einen Penisneid krieg ich sicher nicht davon.

Eine Allegorie des morbiden, schwächelnden Patriarchats? Triumphwagen ist das Gefährt mit den zehn GS (Giraffenstärken), ist der Zehnspänner zumindest keiner. Andererseits wurde gemutmaßt, die Zugtiere, die mit der goldfarbenen Kette angespannt worden sind, die den Harnstrahl darstellen soll, das wären "Spermagiraffen". (Und das wäre dann doch eine enorme Leistung.)

Flankiert wird die surreale Vision zwischen lustvollem Ekel und sinnlicher Materialerotik von der zweiteiligen Installation "Für uns", die wiederum auf den Vorraum und das Mezzanin aufgeteilt ist. Und mit allerlei Paarungen aufwarten kann: Löwen, Amphoren . . . nein, ich hab mich da nicht verschrieben. Hier sollte nicht "Amphibien" stehen. Gemeint sind tatsächlich die Vasen und nicht die Frösche. Die vereinigen sich ja nicht sexuell. Mehr ästhetisch. Sind zudem die Lautsprecherhalter. (Nicht, dass das eine das andere ausschließen würde.) 

Tunnelblick ohne Saugkraftverlust

In Teil eins "paart" die Vogel (1988 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet in Berlin) zwei Bronzelöwen Tatze an Tatze zu einem symmetrischen Gebilde, einer leibhaftigen Spiegelung. Hängt die stolzen Leiber (Fundstücke) mit Gurten an ein pyramidenförmiges Gerüst, bringt sie in einen austarierten Schwebezustand, während von den Nasenringen Gewichte baumeln: Kugellautsprecher. Und in Letzteren ballt sich der Sound, der mindestens genauso schwer und kraftstrotzend ist. Eine Collage aus Stadiongesängen, sprich dem Grölen der Masse, aus elektronischen Klängen, Schuberts einsamer "Winterreise" und Vogelstimme (der Stimme der Künstlerin, die Schlussmachbriefe vorsingt).

Der Installation zweiter Teil: die romantischste Szene (Filmkuss zwischen Künstlerin und Kamel). Detail aus "Für uns" von Raphaela Vogel. 
- © Kati Göttfried / Courtesy MEYER*KAINER, Wien

Der Installation zweiter Teil: die romantischste Szene (Filmkuss zwischen Künstlerin und Kamel). Detail aus "Für uns" von Raphaela Vogel.

- © Kati Göttfried / Courtesy MEYER*KAINER, Wien

In der Fortsetzung einen Halbstock höher werden, eingebettet in ein skulpturales Ambiente mit Pegasus und Patina, zusammengeschnittene Filmsequenzen auf ein Stück Leder (bekanntlich Tierhaut) projiziert. Wobei der Projektor irgendwie mit dem geflügelten Bronzepferd verbandelt und verkabelt ist, quasi ein PS hat (eine Pegasusstärke). Ein Pfau schlägt ein Rad, Vogel (die) küsst ein Kamel (oder das Kamel sie?), Vogel (die) pinkelt, eine Katze frisst einen, äh: Werbeprospekt? Eine Drohne schwirrt umher, die Perspektive verzerrt, die Kamera hat einen Tunnelblick, die Schaulust irrt durchs konfuse Geschehen.

Man weiß zwar nicht immer, was man sieht, wegschauen ist trotzdem keine Option. Dafür haben die Bilder eine zu starke Saugkraft. Wild.