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Privatsphäre

Fred Sandback: Die Linie in den Raum einfädeln

Gespannt und spannend zugleich: Fred Sandbacks Fäden in der Galerie Hubert Winter.

von Claudia Aigner

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist bekanntlich die Gerade. Was die kürzeste Verbindung zwischen zwei Löchern ist (gebohrten Punkten), das wird einem jetzt in der Galerie Hubert Winter anschaulich beantwortet: die straff gezogene Schnur. Der Umweg ist wahrlich nicht das Ziel vom Fred Sandback (1943 – 2003) gewesen.

Mit imposanter Schlichtheit erzeugen seine farbigen Fäden Spannung im Raum. Spannen sich nun, fast 20 Jahre nach seinem Tod und streng nach seinen peniblen Entwürfen, zwischen Boden und Decke, Boden und Wand, Wand und Wand . . . 

Kunst kommt nicht von Wolle, sondern von Acryl

Sein Galerist und Freund, der Hubert Winter eben, beschreibt Sandbacks Ritual wie folgt: Ein Raum, ein Stuhl, ein Musterkoffer mit diversen Fäden. Stumm soll sich der Künstler hingesetzt und geschaut haben, irgendwann rausgegangen und einen Spaziergang gemacht haben, zurückgekehrt sein, wieder Platz genommen, geschaut und geschwiegen haben, und wenn er endlich so weit war, sei er mit Klebeband auf eine Leiter gestiegen. Mit Klebeband ist aktuell freilich nichts befestigt. Alles ist feinsäuberlich in die Architektur eingefädelt (bzw. in versenkte Metallröhrchen).

Eine "Sculptural Study" von Fred Sandback aus der Nähe: Kirschrotes und schwarzes Acrylgarn "marschiert" auf das Licht zu.

(© SIMON VERES, Courtesy: Fred Sandback Archive and Galerie Hubert Winter)

Es handelt sich übrigens nicht um Wollfäden, auch wenn man das auf den ersten Blick vermuten würde. Kunst kommt schließlich nicht von Wolle, die kommt von Können. (Zumindest etymologisch.) Oder kommt sie vielmehr nicht von Wolle-n? Weil sie sonst angeblich "Wulst" hieße? Egal. Die Technik des US-Amerikaners war jedenfalls nix mit Wolle, sondern was mit Acryl. Und natürlich nicht Acryl auf Leinwand. Der Sandback hat sich als Bildhauer verstanden. Hat Bildhauerei sogar studiert. Drum: Acrylgarn im Raum. Und das besteht wiederum aus künstlichen Fasern (na ja, Kunst ist künstlich – selbst die Land-Art auf ihre Weise). Wärmende Eigenschaften sollen die besitzen.

Nicht, dass die Senkrechten, die sich wie die Saiten einer Harfe parallel aneinanderreihen (man kann es sich kaum verkneifen, an ihnen zu zupfen), oder die zwei schrägen Geraden, die sich dynamisch offenbar in dasselbe Bohrloch im Parkett stürzen und sich dort zur Spitze eines Dreiecks vereinen, nicht, dass die also ein vollgültiger Ersatz für die Heizung wären. (Da müsste man schon einen Schal, eine Haube oder Handschuhe daraus stricken.) Obwohl Rot eine warme Farbe ist. In "Cherry Red" durchschreiten besagte "Saiten" den Raum musikalisch. 

Das Dreieck ist kamerascheu

Man ist versucht, das Ganze als Installation zu titulieren. Die Preisliste führt die zum Minimalismus formierten Fäden allerdings als "Sculptural Studies" (Skulpturenstudien) an. Schwarze Vertikalen, zwischen Boden und Plafond geklemmt und in Dreiergruppen angeordnet: ein Wäldchen aus neun tanzenden Linien, die die Leere rhythmisieren? Oder drei Dreieckssäulen, die ihr Volumen skizzierend andeuten? Beides? Draußen und Drinnen, Linie und Raum – das eine schlägt unentwegt in das andere um.

Dreiecksgeschichten: Beim Fred Sandback sind die Fäden definitiv keine Einzelkämpfer. Drei angedeutete Dreieckssäulen? "Untitled (Sculptural Study, Volumes in Dialogue/Oppositions)."

(© SIMON VERES, Courtesy: Fred Sandback Archive and Galerie Hubert Winter)

Und das Dreieck, das in eine Ecke hineinkonstruiert worden ist? Welche Farbe hat es? Immerhin wird seine imaginäre Fläche von zwei gelben und einer zartgrünen Seite konturiert. Mein Handy behauptet aber sowieso, es würde gar nicht existieren. Ich hab nämlich ein Foto gemacht und auf dem war die Galerieecke nackt. Mit keiner geometrischen Form bekleidet, von keinen Acrylfäden gewärmt.

Nicht alle textilen Linien sind so kamerascheu. Und sie haben "Körper". Einen schlanken zwar, dafür sind sie nicht seelenlos drahtig und glatt. Haben Struktur. Ein bissl "Fett" am eindimensionalen Leib. Die fransen dezent aus. Wie Tinte. Oder wie die Pastellkreidestriche auf dem Papier, das klassisch gerahmt an den Wänden hängt.

Nicht vom Raum, sondern KLASSISCH gerahmt: Auf Papier hat er ebenfalls gezeichnet, der Fred Sandback. Hier: zwei Pastelle.

(© SIMON VERES, Courtesy: Fred Sandback Archive and Galerie Hubert Winter)

Nicht von ungefähr hat Sandback seine subtilen Eingriffe einmal "eine Zeichnung, die man bewohnen kann" genannt. Für achtsame Bewohner sichtlich. Ständig hat man Angst, dass man versehentlich zum "Radiergummi" wird. Eine markant spartanische Zeichnung, die direkt aus dem Raum zu wachsen scheint, aus seinen flächigen Begrenzungen. Mit ihm verschmolzen ist. Uns was über ihn erzählt.



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