Es malten einmal – und sie tun es noch immer – zwei Maler. Gut, das klingt jetzt wie ein Märchen. Dabei handelt es sich um eine wahre Begebenheit mit echten Menschen, von denen man sogar weiß, wie sie heißen: Thomas Riess und Christoph Rode. Letzterer wurde in der DDR geboren (in Berlin, wenige Jahre vor dem Mauerfall), Ersterer im Westen. In Tirol. (Das bekanntlich nicht in Westdeutschland liegt.)

Und nun treffen sie im Osten von Österreich aufeinander, in Wien, um gemeinsam ein "Déjà-vu" zu haben. Nach dieser Erinnerungstäuschung ist zumindest ihre Ausstellung in der Galerie Gans benannt. (Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, die Arbeiten bereits gesehen zu haben.) 

Die Hyperperfektion stören

Gestik statt Mimik: Unverkennbar vom Thomas Riess. ("Idol", 2021.) 
- © Courtesy: Galerie Gans

Gestik statt Mimik: Unverkennbar vom Thomas Riess. ("Idol", 2021.)

- © Courtesy: Galerie Gans

Das Auffälligste ist aber wohl, dass die Gesichter auf den Leinwänden der beiden mit uns Verstecken spielen. Bzw. sind die Züge längst abgefahren. Endgültig. Nicht, dass sie in der Remise wären. Das sind sie eher bei Pokerspielern. Der eine, der Tiroler, verwischt sie vielmehr bis zur Unkenntlichkeit, während der andere, der Berliner, seine Figuren gleich überhaupt köpft, wobei es keinen Sinn hat, die fehlenden Körperteile wie die Ostereier zu suchen, denn: Sie sind nicht auf dem Bild. (Kopflastig ist seine Kunst demnach definitiv nicht.)

Die figurative, konkret: figürliche, und da speziell die Porträtmalerei ist ja in der Regel sehr "gesichtsträchtig". Braucht man freilich wirklich unbedingt eine Physiognomie, um fesch zu sein? Oder wie viel Visage benötigt man? Die Ölmalerei vom Thomas Riess ist jedenfalls äußerst attraktiv, auch wenn der Blick höchstens ein Auge erspäht oder in einem scheu hervorlugenden Nasenloch herumstochern kann. Dafür schildert der mittlerweile in Wien lebende und pinselnde Maler (Jahrgang 1970), der am Salzburger Mozarteum die Klasse für Grafik und visuelle Medien besucht hat, den Rest seiner modisch gekleideten Modelle umso akribischer. Die Haut, die stoffliche Beschaffenheit der Textilien, die Sinnlichkeit der unterschiedlichen Oberflächen.

Laut Thomas Riess eine Göttin. ("Diva II, 2020.) Schaut nach einem Bad-Hair-Day aus. Und was hat sie in ihrem Gesicht? Ölfarbe. 
- © Courtesy: Galerie Gans

Laut Thomas Riess eine Göttin. ("Diva II, 2020.) Schaut nach einem Bad-Hair-Day aus. Und was hat sie in ihrem Gesicht? Ölfarbe.

- © Courtesy: Galerie Gans

Sein Pinsel ist sichtlich HD-fähig. Bis hin zum Fotorealismus. Immer wieder muss man sich aus der Nähe vergewissern, ob es sich eh um Malerei handelt und nicht in Wahrheit um eine Fotografie. Und da sind die expressiv zerstörten, ausgelöschten Gesichter durchaus hilfreich. Okay, streng genommen sind das Secondhand-Modelle. Üblicherweise greift der Künstler nämlich auf gefundenes Bildmaterial zurück. Und wie in seiner Serie "Idols", die "die Gottheiten der heutigen Zeit" (Riess) in typischen Modelposen aufmarschieren lässt ("Die müssen mi triggern"), verfremdet er dann den Photoshop-Realismus mit seinen abstrakten Irritationen, stört die Hyperperfektion. ("Die sind schöner, als man je sein könnt‘.") Macht aus den Heroes dieser Konsumwelt identitätslose, wie er sagt, "Subwesen". Dennoch kein ikonoklastischer Vandalenakt. Dazu sind die Spuren zu "ästhetisch".

"Wir leben ja", präzisiert er, "heute vollkommen ohne Identität. Entweder wir haben eine Maske auf oder wir haben einen Filter, dass wir ausschauen wie 20." Für ihn dagegen sind "die spannendsten Leute die, die ma googelt und die nicht zu finden sind". Haben die nicht ebenfalls keine Identität? Oder lediglich eine für sich selbst und für eine Schar von Eingeweihten? 

Magritte hätte halt einen Apfel genommen

Gut gekleidet, gut gemalt - und Gesichter werden sowieso überbewertet. (Thomas Riess: "Idol", Öl auf Leinwand.) 
- © Courtesy: Galerie Gans

Gut gekleidet, gut gemalt - und Gesichter werden sowieso überbewertet. (Thomas Riess: "Idol", Öl auf Leinwand.)

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Natürlich ist der Riess nicht der Erste und Einzige, der seine Figuren quasi im Inkognito-Modus auftreten lässt. Na ja, René Magritte hat sich bei einem Selbstbildnis dereinst mit einem Apfel beholfen, ihn vor sich schweben lassen. Ein andermal war’s eine weiße Taube, die just in dem Moment vorbeigeflattert ist. Den Belgier kann man allerdings ohnedies anhand der Melone (der Kopfbedeckung, nicht der Frucht) einwandfrei identifizieren. (He, zufällig der Sohn einer Hutmacherin!)

Beim Österreicher wiederum erhöht die Anonymität der dargestellten Personen paradoxerweise den Wiedererkennungswert. Outet die Bilder als die seinen. Die mit andächtiger Hingabe gemalten Ikonen der Gegenwartsidole und -diven haben halt kein Obst im (oder vorm) Gesicht (schließlich ist ihr Schöpfer kein Surrealist), sondern die sogenannte Künstlerhand. Ceci n’est pas un Magritte (Das ist kein Magritte), das ist ein Riess!

Der Ersatz der Mimik durch die Gestik, dass also Erstere energisch von der individuellen Geste des Malers weggewischt und in pure Expression aufgelöst wird, ist immerhin sein Markenzeichen. Das die modernen Andachtsbilder außerdem rätselhafter macht, geradezu mystisch. Und zugleich vertrauter. Oder ist das Wischen über ein Bild respektive einen Bildschirm etwa nicht die inzwischen womöglich alltäglichste aller Handbewegungen? 

Vorsicht vor dem "Blur"!

Und NOCH ein "Idol" vom Thomas Riess. Diesmal ein männliches. Quasi eine moderne Ikone. 
- © Courtesy: Galerie Gans

Und NOCH ein "Idol" vom Thomas Riess. Diesmal ein männliches. Quasi eine moderne Ikone.

- © Courtesy: Galerie Gans

Oder der "Blur" hat die physiognomischen Details gefressen. Dieses diffuse Etwas. (Blur: englisch für "Unschärfe, verschwommener Fleck".) Der irrlichternde Geist der abstrakten Malerei, der diesen gschmackigen Realismus heimsucht? Auf alle Fälle nicht der Geist von Mr. Bean, der aus dem "ultimativen Katastrophenfilm" ausgebrochen ist. Obwohl: Was der dort (oder nicht sein Geist, sondern der Mr. Bean leibhaftig) mit Whistlers Mutter, gemalt von ihrem Sohn, aufführt, die er nach und nach in eine Mater dolorosa verwandelt, das hat schon eine gewisse Ähnlichkeit mit den Taten des Blur. Diese Behandlung wünscht man andererseits nicht einmal seinem schönsten Feind. Kurzfassung: Hatschi – wischi, wischi – hoppala! – noch einmal wischi – oh mein Gogh! Aber bei dem ist wenigstens nur ein Teil vom Ohr ab und nicht gleich das komplette Gfrieß . . .

Zuerst muss er, der Bean, der in dieser Situationskomödie ein patscherter Museumswärter ist, niesen und verteilt seine DNA auf dem mütterlichen Konterfei, das er daraufhin mit seinem Taschentuch "säubert", in das sich blöderweise vorher eine Füllfeder "hineingeschnäuzt" hat. In Panik will er die "blaue Periode" mit einem Lösungsmittel wegmachen, rubbelt dabei der betagten Dame das gesamte Gesicht aus dem Gesicht, bevor er dieses (und ab da enden die Parallelen) in einem frühkindlichen Retrostil restauriert und ihm zum Schluss nix anderes mehr übrigbleibt, als aus einem Poster und viel Eiklar eine Fälschung anzufertigen. Wurscht. Beim Riess tut das Wischen der Schönheit sowieso keinen Abbruch.

Das werden doch nicht insgeheim Porträts der Malerei selbst sein? Klassische Themen wie Faltenwurf und Stofflichkeit beschäftigen ihn ja genauso wie Licht und Schatten. Mitunter beleuchtet er die Leiber gar wie Caravaggio und modelliert das Fleisch (und das, was es anhat) dramatisch aus der Finsternis heraus. 

Klone tragen keine Karos

Hier ist jeder einzigartig (mit seinen superstylischen Designerklamotten) und hat die Leinwand für sich allein, beim Christoph Rode daneben: Uniformen (Businessanzug, schickes Ausgehsakko, Butler-Outfit) und Klone. So gesehen müssen die das Bild ebenso mit niemandem sonst teilen (außer mit sich selbst). Und überall in diesen komplex konstruierten, verschachtelten, kulissenhaften Räumen mit Ostblockflair herrscht kopflose Geschäftigkeit.

Kopflastigkeit kann man der Kunst vom Christoph Rode gewiss nicht vorwerfen. Und der Titel ist so kryptisch wie das Bild rätselhaft: "Verringerung." 
- © Courtesy: Galerie Gans

Kopflastigkeit kann man der Kunst vom Christoph Rode gewiss nicht vorwerfen. Und der Titel ist so kryptisch wie das Bild rätselhaft: "Verringerung."

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Apropos: Weshalb rennen die eigentlich "oben ohne" herum? "Weil die Köpfe Mimiken hätten und die Mimiken das Bild in Richtungen lenken würden, die ich nicht haben möchte." (Mimiken? Nicht zwangsläufig. Noch nie was vom Blur gehört?) Nachsatz: "Es gibt ja eh genug Köpfe jeden Tag auf der Straße. Da muss man sie nicht auch noch malen." Ist ein Argument.

Christoph Rode klont einen Butler: "Auflösung III", 2022. 
- © Courtesy: Galerie Gans

Christoph Rode klont einen Butler: "Auflösung III", 2022.

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Selber zerbricht man sich hingegen seinen beim Versuch, das enigmatische Geschehen zu durchschauen, das der 1984 geborene Deutsche auf seinen multidimensionalen, vielschichtigen Bühnen inszeniert, auf denen man sich gleichermaßen erst zurechtfinden muss. Alles greift und fließt in diesen fulminant komponierten und am Computer mit unzähligen Fotos vorbereiteten gemalten Collagen ineinander: Architektur und Natur, Drinnen und Draußen, und die gegenständliche Malerei geht schier organisch in eine stimmige Abstraktion über. Tapetenmuster wiederholen sich wie die Kugellampen, wie die Gestirne dieser künstlichen Habitate mit dem "morbiden Charme von damals" (Rode). Derweil schwelgt der Pinsel im Non-finito, kostet den Reiz des Unfertigen aus.

Thomas Riess und Christoph Rode scheinen sich einig zu sein: Realismus ist eine Illusion und relativ. (Und mit ein bissl Abstraktem gewürzt, wird er interessanter.)