Hm. Kommt das lediglich mir komisch vor? Unser Planet ist der sogenannte blaue (wegen dem vielen Wasser, weil er also zu rund zwei Dritteln damit bedeckt ist) und heißt trotzdem genauso wie eine braune Substanz: Erde. Geerdet sind die kraftvollen Bilder von der Albana Ejupi, 1994 in Pristina geboren, eindeutig ebenfalls (selbst die, die blau sind). Oder eigentlich ist der Sand gestrandet. In ihrer Malerei. Und das eh schon vor ein paar Jahren.

Die Kosovarin mit Wohnsitz in Wien lässt sich ja immer welchen von daheim mitbringen (bzw. stammt er vielmehr von einem albanischen Strand), um der Heimatmaterie dann, in einem sehr physischen Schöpfungsakt, Leiber abzuringen. 

Gefühlsechter Sand

Beste Freundinnen: "Anezka und Mia" (von Albana Ejupi mit "gestrandetem Sand", Acryl und Gaze auf die Leinwand gebracht). 
- © Rene Huemer, Lukas Feichtner Galerie

Beste Freundinnen: "Anezka und Mia" (von Albana Ejupi mit "gestrandetem Sand", Acryl und Gaze auf die Leinwand gebracht).

- © Rene Huemer, Lukas Feichtner Galerie

An den Spuren kann man unschwer ablesen, wie leidenschaftlich das Verhältnis der Künstlerin zu ihrer Kunst ist, dass sie diese teils mit bloßen Händen beackert, sich ins Fleisch der Erde eingräbt. (Mit einem Spezialkleber wird Letzteres übrigens auf der Leinwand fixiert, wo es mit der vorher aufgebrachten Gaze, die dem Sand zusätzlich Struktur gibt, verschmilzt wie ein Verband mit der Verletzlichkeit des Lebens.)

"Nude on Sand" (nackt oder Akt auf Sand) – der Titel ihrer aktuellen Ausstellung in der Lukas Feichtner Galerie weckt Assoziationen mit Sex on the beach. Dabei erwischt man den Strand selber in flagranti bei der Erregung öffentlicher Erregung, verklumpt sein Sand zu Liebespaaren, die kaum noch in Individuen auseinanderzudividieren sind. Man zählt die miteinander verschlungenen Gliedmaßen, versucht sie zuzuordnen, den einzelnen schemenhaften Partnern, den Spezies.

Spezies? Ja. Mensch oder sein angeblich bester Freund. Die animalischste Werkgruppe, die die Zwei- und ihre Vierbeiner innig vereint (Ejupi: "In der Pandemiezeit haben wir nicht so viel Kontakt mit Menschen gehabt."), ist freilich nix "Schweinisches". Nicht bloß, weil sich da eben Hunde und keine Schweine zu ihren Besitzern, ihren Besitzerinnen gesellen (noch dazu in zurückhaltendem, naturbelassenem Kolorit), sondern weil für den ungefärbten Sand außerdem die Unschuldsvermutung gilt. "Anezka and Mia": Wer ist das Frauerl, wer die Hündin? Sind beides weibliche Vornamen. Anezka (von Agnes) soll auf das altgriechische "hagnos" zurückgehen und witzigerweise "rein, keusch, unbefleckt, heilig" bedeuten. 

Frauenpower mit Powerspeck

Doppelte Frauenpower: Albana Ejupis "Women's Power" (2022). 
- © Rene Huemer, Lukas Feichtner Galerie

Doppelte Frauenpower: Albana Ejupis "Women's Power" (2022).

- © Rene Huemer, Lukas Feichtner Galerie

Unstrittig unkeusch ist dagegen der Mann-Frau-Koitus in Blau. Sogar diese kühle Farbe glüht. Vielleicht mehr noch als das Ekstase-Rot, das sich im nächsten Raum förmlich in die Wand einbrennt. Intime Momente, Umarmungen, in extrovertierter, offensiver Monochromie. Und die "Blue Feelings" haben sowieso nichts Melancholisches an sich ("blue": schwermütig, traurig), geschweige denn was Obszönes (umgangssprachlich kann "blue" ja obendrein "unanständig, schlüpfrig, ordinär" meinen; ein "Blue movie" zum Beispiel ist ein Porno). Ein Blau mit emotionaler Tiefe und Wärme sozusagen. Ein kuscheliges Geborgenheitsblau.

Auch sonst: intensive zwischenmenschliche Gefühle und klare, frische Farben und Kontraste in grafischer Reduktion. Großzügige Flächen, eine markante Perspektive. Lauter Beziehungsgeschichten. Zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Tier, der zweiten und dritten Dimension. Weniger brutal real als früher. Weniger Schmerz. Beinah abgeklärt grob.

Und Powerfrauen präsentieren selbstbewusst ihren Powerspeck und ihre Hängebrüste. Ehrliche Akte, die nicht bei ihrem Alter oder ihrer Figur schummeln. Das Selfie der Künstlerin mit Kamera vorm Spiegel (jener Kamera, mit der sie ihre Modelle studiert, bevor sie wiederum die Fotos zu Skizzen weiterverarbeitet), das lügt aber ebenso wenig. Ejupi ist so schlank. Eine noch dünnere Linie fungiert neuerdings als einfassender, die Komposition abrundender Rahmen – den diese haptische, materialsinnliche, existenzielle Malerei nur zu gern sprengt.