Dass Kraftwerke in Museen umfunktioniert werden, ist keine Neuigkeit: Das Tate Modern in London etwa war zuvor die Bankside Power Station, bis es 2000 als Galerie eröffnet wurde. Das Phänomen der Kraftwerke als Kunsttempel zieht sich von Toronto bis Shanghai und von Istanbul bis Sydney. Doch produzieren diese Galerien auch weiterhin Strom? Vielleicht sogar Energie, die aus den Kunstwerken entsteht? Oder sogar Energie, die wiederum Kunst und Kultur fördert?

Im deutschen Luckenwalde mit seinen 20.800 Einwohnern, 30 Kilometer von Berlin entfernt, ist es möglich: Das denkmalgeschützte ehemalige Braunkohlekraftwerk wurde vom Künstlerpaar Pablo Wendel und Helen Turner in ein autarkes Kunstzentrum verwandelt, das Strom ins Netz einspeist. Im Herbst 2019 wurde das 1913 errichtete Werk wiedereröffnet. "Wir können das Gebäude komplett versorgen, die Ateliers, die Ausstellungsräume, die Turbinenhalle, das Kesselhaus, die Außenbereiche und die Produktionswerkstätten, die der größte Energiefresser sind, mit 3D-Drucker und Metall-, sowie Holz-Bearbeitungsgeräten", sagt Pablo Wendl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Immerhin sind es 10.000 Quadratmeter Fläche. Ausschließlich mit Strom, den Kunstwerke herstellen, ist dies natürlich nicht möglich: Das E-Werk erzeugt durch einen Prozess namens Biomasse-Pyrolyse Strom. Dafür werden Kiefernholzspäne auf Temperaturen von mehr als 300 Grad Celsius erhitzt und dann abgekühlt. "Wir verbinden Strom mit Kunst. Wir gehen damit über zeitgenössische Kunst hinaus und verschmelzen Funktion mit Metapher. Schließlich ist Energie die reinste Metapher für Kunst, die es gibt", so Wendl.

Die Ästhetik der Photovoltaik

Pablo Wendl, 1980 in Tieringen geboren, ist Performance-, Installations- und Videokünstler. "Ich habe mich auf die Themen des Nicht-Greifbaren spezialisiert, auf das Dekonstruktive und das Sich-Auflösende." Nach seinem Kunststudium musste er sich die Frage stellen, wie er denn davon leben könnte. "Menschen sind doch materialistisch orientiert: Eine Skulptur, ein Bild an der Wand kann man verkaufen, da ist ein Markt da," so der gelernte Steinbildhauer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in eine Krise stürzte, die auch eine finanzielle war. "Da ich auch handwerklich begabt bin und mich mit Technik beschäftigt habe, stand die Frage im Raum, weshalb ich mich nicht autonom mache? Warum baue ich nicht meine eigenen Räume? Warum produziere ich nicht meine eigene Energie, um Kunst herzustellen?" Das wäre sehr klein gedacht gewesen, passend für seinen Mikrokosmos. Worauf sich Wendl Projekten widmete, die mit Photovoltaik und anderen Techniken Strom herstellten. "Und dieser Strom war plötzlich da!"

Das bunte Glasfenster über dem Haupteingang des E-Werks zeigt schon seit seiner Entstehung die Kraft der Energie. - © E-Werk Luckenwalde / Ben Westoby
Das bunte Glasfenster über dem Haupteingang des E-Werks zeigt schon seit seiner Entstehung die Kraft der Energie. - © E-Werk Luckenwalde / Ben Westoby

Gerade Photovoltaik würde immer sehr rationell betrachtet werden, nämlich nach Wirkungsgrad, Wirtschaftlichkeit und Effizienz. Die Frage nach der ästhetischen Erscheinung wird, ist irrelevant. "Die stelle ich mir als Künstler natürlich schon. Wenn es nun ein Kunstwerk gibt, das Energie herstellt, welche Art von Strom ist es dann? Das war die Geburtsstunde des Kunststroms", erzählt er.

Und als der Strom mehr wurde, mehr als Wendl verbrauchen konnte, kam ihm die Idee, selbst Stromanbieter zu werden. "Das war die Gründung der Performance Electrics GmbH", des Künstlerkollektivs, das 2017 das E-Werk erwarb. Dieser Prozess klingt für Wendl zurückblickend sehr einfach, es sei jedoch ein langer bürokratischer Weg gewesen. Und künstlerisch betrachtet der Ursprung zahlreicher Fragen: "Denn wo fängt jetzt das Kunstwerk an und wo endet es? Ist es der Moment, wo die Skulptur Strom produziert, oder ist es das Energie-Kabel, das zur Steckdose vom Kunstwerk aus zum Zähler geht und eingespeist wird? Oder ist es das Netz selbst, das zu einer aufgeladenen metaphorischen Idee wird?", gibt der Künstler zu bedenken. Er nennt es auch eine homöopathische Menge an Strom, die im Vergleich zum globalen Markt eingespeist wird. Homöopathisch vielleicht, aber nicht nutzlos: Denn die Stromkonsumenten fördern mit dem Bedienen ihrer Waschmaschine Kunst und Kultur. "Die Idee geht somit noch weiter bis zum Endverbraucher, denn dieser ist letztlich wieder Teil des gesamten Kunstwerks", so Wendl weiter. Fragen, die bis heute nicht klar zu beantworten sind, aber ihm großen Spaß machen: "Nachhaltigkeit ist keine Verzichtserklärung, wir amüsieren uns auch dabei."

Kunstwerk Feuerwehrauto

Helen Turner und Pablo Wendl, die beiden Gründer des E-Werks Luckenwalde. - © Diana Pfammatter
Helen Turner und Pablo Wendl, die beiden Gründer des E-Werks Luckenwalde. - © Diana Pfammatter

Wie vielleicht bei Wendls aktuellem Kunstprojekt: "Super Duty" ist eine Forschungsaufgabe von Performance Electrics, die sich mit den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der Mobilität beschäftigt. Dazu wurde ein ehemals mit Benzin betriebenes Feuerwehrauto aus dem Jahre 1969 zu einem 100-prozentig CO2-neutralen Fahrzeug umgebaut. Genutzt wird auch die Wärme des Motors, die entsteht. Auf Basis eines Pyrolyseprozesses wird im Reformer aus Holzresten Holzgas erzeugt, das den bestehenden Verbrennungsmotor im Fahrzeug antreibt. "Auf dem Auto gibt es eine Bühne für Veranstaltungen und wir könnten damit autonom ein Festival oder ein Museum komplett mit Wärme und Strom versorgen. Ein mobiles Kraftwerk sozusagen, das zwischen Kunstwerk und Technologie positioniert ist", erklärt der Künstler. "Vielleicht kommen wir auch nach Wien", meint er lachend.

Einfach tun!

Das Projekt "Super Duty": Ein ehemaliges Feuerwehrauto (Ford C850, Baujahr 1969) wird zumCO2-neutralen Fahrzeug mit Holzgas-Antrieb umgebaut. - © E-Werk Luckenwalde
Das Projekt "Super Duty": Ein ehemaliges Feuerwehrauto (Ford C850, Baujahr 1969) wird zumCO2-neutralen Fahrzeug mit Holzgas-Antrieb umgebaut. - © E-Werk Luckenwalde

Wendl ist ein Pragmatiker, der schon von Kindheit an auf verschiedenen Ebenen sehr unzufrieden mit unserer Welt war. "Ich frage mich immer, weshalb wir nicht zu den erneuerbaren Energien wechseln. Die Technologien sind ja da." Energie würde sich in alle Lebensbereiche bis in die Kunst hineinziehen. "Wir merken es ja gerade in der Ukraine-Krise, wie alles voneinander abhängt und wie schnell alles zusammenbrechen kann", sagt Wendl. Darin sieht er auch einen Vorteil des Kunststroms: "Man wird ein Stück weit auch autonomer. Hier, vor Ort in Luckenwalde, ist es uns in einem größeren Maßstab gelungen", zeigt er sich zufrieden. Man müsse sich für solch einen Prozess von gesellschaftlichen Hürden und Hindernissen lösen, befreien. "Diese Freiheit muss man sich als Künstler nehmen, auch wenn man sich da in einer gesetzlichen oder sozialen Grauzone bewegt. Und nicht in der Theorie verharren! Einfach tun!"

Würde man mit diesem Ansatz einfach starten, ohne lange zu diskutieren, denn das habe man in den letzten 30 Jahren erlebt, "dann könnten wir in den nächsten drei bis vier Jahren in Bezug auf erneuerbare Energien und Klimakrise ganz anders dastehen".