Die Waldbewohner, um die es hier geht, sind die wohl essentiellsten von allen. Ohne sie gäbe es überhaupt keinen Wald. Sie sind der Wald. (Wobei man Letzteren aufgrund ihrer Überzahl angeblich mitunter gar nimmer sehen kann.) Und die aktuelle Ausstellung in der Galerie Reinthaler würde auch nicht existieren. Bzw. würde sie anders heißen. Jedenfalls nicht "Trees" (nach der Werkserie, für die Regina Hügli durch die Botanik gestreift ist, im speziellen durch die Augebiete rund um Wien, um diese besonderen Organismen, die CO2 ein- und Sauerstoff ausatmen, "besser kennenzulernen": die Bäume eben).

Ein "optischer Aufheller" spielt aber ebenfalls eine zentrale Rolle: das Licht. Schließlich ist eine Fotografin (oder die Fotografie, in der ja das altgriechische Wort "phos", Genitiv "photós" = Licht drinsteckt) genauso lichthungrig wie eine Pflanze, die wiederum Photosynthese betreibt und die ohne diese sogenannte "alternative" Energiequelle (zu der sie allerdings eh keine Alternative hätte) früher oder später eingehen würde. 

Die Dunkelheit ist lichtempfindlich

Glühendes Treibholz: Regina Hügli färbt für ihre Fotogramme das Licht ein. Mit Farbfiltern. 
- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Glühendes Treibholz: Regina Hügli färbt für ihre Fotogramme das Licht ein. Mit Farbfiltern.

- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Und streng genommen sind das keine Fotos, mit einer einzigen Ausnahme, sondern Fotogramme. Falls jemand keine Ahnung hat, was das ist: Er weiß lediglich nicht, dass er es doch weiß. Hellhäutige Menschen sind da freilich klar im Vorteil. Haben vermutlich bereits selber das eine oder andere Mal kameralos fotografiert, wenn sie vergessen haben, sich mit Sonnencreme einzuschmieren, und beim Sonnenbaden die Armbanduhr oben gelassen haben oder die ganze Zeit das Handy vorm Gesicht hatten.

Das Prinzip kurz erklärt: Das lichtempfindliche Material (in dem Fall die Haut) "belichten", und wo sich die darauf platzierten Gegenstände befinden, bleibt alles kasig, während sich die exponierten Stellen röten respektive schwärzen (wenn man stattdessen lieber ein beschichtetes Fotopapier verwendet). Denn paradoxerweise ist es dort, wo es am hellsten gewesen ist, nachher am dunkelsten, erzeugt ausgerechnet das Licht die Finsternis.

Hüglis Fotogramme sind selbstverständlich nicht schmerzhaft wie ein Sonnenbrand. Obwohl sie einem poppig ins Auge stechen. Doch das tun sie auf angenehmste Art. Die in freier Wildbahn gefundenen Äste, meist kahl, entblättert (oder mit Dornen), verzweigen sich zu einer ästhetisch höchst ansprechenden, fast kitschigen Buntheit mit sanften Verläufen, die gewachsenen Formen werfen quasi Schatten in den attraktivsten Spektren. 

Die Lebensadern der Kunst

Na ja, es handelt sich halt nicht um irgendwelche Fotogramme, das sind Farbfotogramme. Aufwändig und experimentierfreudig in der Dunkelkammer kreiert unter Zuhilfenahme von Farbfilterfolien zwecks Einfärbung des Lichts und von Fotopapier, das auf die Temperatur, die Farbe von ebendiesem empfindlich reagiert. "Es ist Papier, das normalerweise verwendet wird, um Abzüge von Farbnegativen zu machen", erläutert die Künstlerin das genauer. "Das heißt, es ist Umkehrpapier. Grünes Licht zum Beispiel wird pink wiedergegeben."

Pretty in Pink: Regina Hügli weiß, wie dieser Strauch heißt, nämlich Hartriegel. ("Trees Nr. 5", 2021.) 
- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Pretty in Pink: Regina Hügli weiß, wie dieser Strauch heißt, nämlich Hartriegel. ("Trees Nr. 5", 2021.)

- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Es grünt so pink. Der Hartriegel (mehr ein Strauch) "pinkelt" etwa, während die Waldrebe (diese Kletterpflanze) errötet wie ein Blutgefäß, wohingegen sich ein Stück Treibholz bläut wie der Fluss, von dem es ausgespuckt worden ist (zumindest sagt ein gewisser Walzer der Donau nach, sie sei "schön blau"), und am Ende gabelt es sich obendrein in ein Mündungsdelta. Tatsächlich wecken die Arbeiten, in denen Hügli den "inneren Energieflüssen der Pflanzen" nachspürt (dem "Fluss von Wasser, Zucker, Wachstum"), Assoziationen mit allerlei anderen verästelten Leitungen und Transportwegen aus dem Makro- und Mikrokosmos.

Die unwiderstehlichsten, "unrealistischsten" Farben bahnen sich ihren Weg durch die schemenhaften Lebensadern der Kunst wie das Blut durch den Körper, das Wasser durch die Landschaft oder wie die Reize und Signale durch das Nervensystem. Und erhöhen außerdem den Abstraktionsgrad, die Künstlichkeit. Verunklären die Quelle, das hölzerne Fundstück aus der Natur, nachdem vor allem das Treibholz ja an sich schon vom Wasser, diesem beharrlichen Bildhauer, bearbeitet und verwesentlicht worden ist. (Abgeleckt und –geschliffen und an einem Strand der Donauinsel angeschwemmt oder irgendwo in der Au.) 

Wie man einem Baum Beine macht

Regina Hügli schlägt eine neue Farbe fürs Herbstlaub vor: Türkis. Würde mir gefallen. ("Trees (Nr. 20/4)", 2022.) 
- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Regina Hügli schlägt eine neue Farbe fürs Herbstlaub vor: Türkis. Würde mir gefallen. ("Trees (Nr. 20/4)", 2022.)

- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Und das zerfressene Blatt, das sich im Schaufenster ätherisch türkis und filigran wie ein Spitzendeckerl auf ein beschaulich ins Violett hinüberdriftendes Magenta legt? Ein Memento mori? Spechtelt da die barocke Vergänglichkeit durch jedes Loch? Im Grunde unbemerkter Abfall, dessen nichtsdestotrotz bemerkenswerte Schönheit die Fotokünstlerin exquisit hervorhebt, indem sie sie ins geradezu Übernatürliche steigert? Nein, war nicht so intendiert. ("Wobei ich nichts dagegen habe, wenn es jemand so empfindet." – Okay, dann bin ich so frei.) Die Hügli sieht mehr die Äderung, die der Zerfall deutlicher herausarbeitet, herausskelettiert, wenn er sie abnagt wie der Herbst das Geäst im Großen.

Daneben machen die geflügelten Früchte des Ahorns (diese "Nasenzwicker") eine Metamorphose zum Schmetterling durch, verwandeln sich auf dem Fotopapier in flatterhafte Edelfalter. In nachtaktive. Die aus dem satten Dunkel blau rausleuchten. Der Ahorn ist erdverbunden, bodenständig, seine – potentiellen – Kinder können fliegen.

Nur vereinzelt hat Hügli in die Natur eingegriffen, sich nicht mit dem Aufklauben begnügt. ("Ein paar knospende Äste habe ich abgeschnitten. Das aber in einer Zeit, wo das Schneiden von Bäumen/Sträuchern üblich ist: Januar/Februar.") Ansonsten hat sie sich der Flora eher noninvasiv genähert. Dafür war eine ihrer Interventionen (Stichwort Kurt) umso radikaler. Als sie einem Baum nämlich Beine gemacht hat.

Kurt zweigt, nein: zeigt seine "Baumbeine". Die Regina Hügli hat ihm seine Männerhaxen jedenfalls nicht mit Photoshop modelliert. 
- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Kurt zweigt, nein: zeigt seine "Baumbeine". Die Regina Hügli hat ihm seine Männerhaxen jedenfalls nicht mit Photoshop modelliert.

- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Wie, bitte, hat sie den in einen Zweibeiner umgemodelt, in einen Kurt? (Inoffizieller Name.) Kettensäge? Photoshop? I wo. Sie hat das Foto einfach verkehrt herum aufgehängt, auf den Kopf gestellt. (Diesmal ein klassisches. Mit der Kamera geschossenes. In Schwarzweiß.) Die dünnen, irritierend menschlichen Männerhaxen mit den schorfigen Knien sind folglich nicht das Ergebnis einer kosmetischen Behandlung mit einem Bildbearbeitungsprogramm (oder mit Bildhauerwerkzeug), die verdanken sich einem veränderten Blickwinkel (und markantem Wuchs).

Und damit der Mostviertler nicht so im Abseits herumsteht, der unbunte Außenseiter ist, integriert ihn das vanillige Gelb (Farbton "Pudding"), in dem seine Galeriewand und die ums Eck gestrichen sind, unaufdringlich in die Farbenfreude. Wärmt zudem das kühle Weiß des Ausstellungsraums ein bissl auf.

Metaphorisch ist der Mensch sowieso eine Pflanze. Oder behauptet man von ihm etwa nicht, er besäße Wurzeln? Ungeachtet dessen, dass sie 1975 in Oxford geboren worden ist, ist Regina Hügli beispielsweise eine Fotografin mit Schweizer Wurzeln, die, nach ihrem Studium der vergleichenden Religionswissenschaften und Kunstgeschichte an den Unis Bern und Zürich, an der Zürcher Hochschule der Künste studiert hat und sich mittlerweile nach Wien umgetopft (oder verpflanzt) hat, wo sie lebt, arbeitet und lehrt. 

Ozeanische Gefühle im Wienerwald

Sehr feminin: Kein Wunder, dass die Kornelkirsche auch "Dirndlstrauch" genannt wird. Ein Fotogramm wie eine gepresste Blume. Regina Hüglis "Trees (Nr. 11)", 2021. 
- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Sehr feminin: Kein Wunder, dass die Kornelkirsche auch "Dirndlstrauch" genannt wird. Ein Fotogramm wie eine gepresste Blume. Regina Hüglis "Trees (Nr. 11)", 2021.

- © Regina Hügli, Courtesy: Galerie Reinthaler

Geheimnisvoll und unheimlich faszinierend (oder faszinierend unheimlich?): ihr mitgefilmtes nächtliches Eintauchen in den Wienerwald bei der Sophienalpe. Wirklich mehr ein Tauch- als ein Spaziergang. Immerhin begegnet sie da plötzlich einem – Wal. Gewissermaßen. Im Schein der Taschenlampe, deren Strahl die Dunkelheit abtastet, eine fremdartige Welt, modelliert sich zwar ein ausgesprochen kreatürlicher, sehr fleischlicher Baum heraus (bzw. ein eigenwillig zusammengewachsenes Baumpärchen, das letzte, das noch übrig war – Hügli: "Leider waren Holzfäller ein paar Tage früher dort gewesen"), setzt man allerdings den Kopfhörer auf, lauscht man einsamen Walgesängen. Nebst raschelndem Laub.

Die Tiefen des Waldes und die des Ozeans verschwimmen in diesem Video zu einem hybriden Biotop mit ebensolchem Sound. Baumriese und gigantischer Meeressäuger verschmelzen miteinander. "Es sind riesige, aber freundliche Lebewesen, die bei vielen Menschen ähnliche Ehrfurcht und Sympathie auslösen", meint die "Taucherin". Die "Fische des Waldes" mögen die Vögel sein, Wale sind freilich keine Fische, sie sind aquatische Säugetiere. Die verfügen über keine Kiemen. Bäume genauso wenig. Nicht, dass das beweisen würde, dass Bäume wahrhaftig die Wale des Waldes wären.

Hügli versteht sich darauf, subtil Bezüge herzustellen und Verwandtschaften zu veranschaulichen, und beherrscht nicht zuletzt die Kunst der ungewohnten Sicht auf das Vertraute. (Und ich kann jetzt nicht anders, als mir vorzustellen, wie der Goldfisch in seinem Glas zwitschert wie ein Kanari.)