Die verspielteste aller geometrischen Formen? Das Dreieck natürlich. Sofern seine Spitze nach rechts zeigt. Dann steht es nämlich für "Play", und das bedeutet "spielen". "Let’s Play" nennt der Clemens Wolf seine dem Spiel- und ABspieltrieb huldigende Schau entsprechend, in der nicht weniger als acht Dreiecke vorkommen.

Schon der Untertitel, der gleich mit drei Alliterationen aufwarten kann (das ist, wenn sich die Wörter nicht hinten, sondern vorne reimen, stabreimen, denselben Anlaut haben), bereits der enthält eine kleine Sprachspielerei (oder –blödelei): "form follows fonction." Fonk-, Tschuldigung: funktioniert im Deutschen genauso: "Die Form folgt der Fonktion." Fo-fo-Fo. Oh, war lediglich ein (inzwischen ausgebesserter) Rechtschreibfehler. Heißt eh längst wieder "function". Mit u. Schade. Ich hab’s jedenfalls witzig gefunden. 

Ein Kreis ist ein Kreis ist ein Kreis ist nicht nur einer

Ein Bild muss also nicht unbedingt viereckig sein. Nicht einmal eckig. Die meisten hier in der Silvia Steinek Galerie sind sogar rund. Und auch wenn sich ihre Formen im Wesentlichen an den einfachen ebenen Figuren der euklidischen Geometrie orientieren, handelt es sich trotzdem keineswegs um figurative Malerei. Vielmehr um eine abstrakte monochrome. Und nicht, dass ihre jeweilige Gestalt für sich genommen auf eine ominöse Funktion schließen ließe. Oder auf irgendwas.

Das superblaue Diptychon von Clemens Wolf spricht mir aus der Seele: "Fast Forward." Schnell vorspulen, bitte. Damit die Pandemie und der Krieg in der Ukraine endlich vorbei sind. (Oder lieber schnell zurückspulen? Denn besser wird's ja meistens nicht.) 
- © Silvia Steinek Galerie

Das superblaue Diptychon von Clemens Wolf spricht mir aus der Seele: "Fast Forward." Schnell vorspulen, bitte. Damit die Pandemie und der Krieg in der Ukraine endlich vorbei sind. (Oder lieber schnell zurückspulen? Denn besser wird's ja meistens nicht.)

- © Silvia Steinek Galerie

Wolf, der an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, kurz: an der dortigen Kunstuni, Malerei studiert hat: "Wenn ich einen Kreis allein an die Wand häng’, ist er nur ein Kreis." In dem Moment allerdings, wo der Kreis von einem Quadrat und einem Dreieck flankiert wird, ergibt er quasi plötzlich Sinn. Quadrat, Kreis, Dreieck: Stop, Record, Play. Symbole einer vertrauten Zeichensprache, die dem Wiener (geboren 1981) wahrscheinlich sein Walk- oder sein Discman beigebracht hat.

Ergo sind die zwei schlanken, senkrechten Tafeln kein "nichtssagendes", bedeutungsloses Diptychon (oder ein Andachtsbild zum Gedenken an 9/11, an die bei einem Terroranschlag zerstörten Zwillingstürme des World Trade Centers in New York), sondern das Pausenzeichen. Schnelles Zurück- und Vorspulen (zwei nach links bzw. nach rechts weisende Dreiecke) finden sich ebenfalls im Sortiment. 

Ground Control an Wassermann

Na, erkannt? Ich zwar nicht, trotzdem ist das das wohlbekannte Sternbild Wassermann, mit Powerpigmenten und Ölfarbe interpretiert von Clemens Wolf. ("Aquarius", 2022.) 
- © Silvia Steinek Galerie

Na, erkannt? Ich zwar nicht, trotzdem ist das das wohlbekannte Sternbild Wassermann, mit Powerpigmenten und Ölfarbe interpretiert von Clemens Wolf. ("Aquarius", 2022.)

- © Silvia Steinek Galerie

Und was versuchen uns diese chaotisch über die Wand verteilten blauen Kreise (15 an der Zahl) mitzuteilen? Dass der Künstler auf Yves Klein abfährt, der sich sein Ultramarinblau dereinst patentieren hat lassen? Nein, dass er sich mit der "Star Walk"-App gespielt hat, mit der man durch Wände und nachher in die unendlichen Weiten sehen kann. Und beim Sternderlschauen ist er halt draufgekommen, dass an jenem bestimmten Tag um 14.16 Uhr ("Daumen mal Pi") der Himmel in ziemlich exakt dieser Richtung mit dem Sternbild Wassermann aufwarten hat können. Die orts- und zeitspezifische Arbeit (das ist kein Chaos, das ist Astronomie) ist außerdem autobiografisch. ("Komischerweise bin ich auch Wassermann.")

Das eine Mal repräsentiert der Kreis somit das sehr irdische "Record" (aufnehmen), das andere Mal ein Gestirn. Das Sternbild "Malerstaffelei" ist übrigens keine Wolfsche Erfindung. Das existiert in echt. Selbst die "Luftpumpe" gibt’s irgendwo da oben. Und damit meine ich nicht bloß: im Mezzanin der Galerie. (Wo die drei "himmlischen" Scheiben, von einer Schwarzlichtlampe angestrahlt, unwirklich fluoreszieren wie über-, ach was: außerirdische Wandleuchten.)

Und das grüne Dreieck, der rote Kreis, das blaue Kreuzl und das rosige Quadrat? Formieren die sich zum Sternbild "Playstation"? So ähnlich. Das ist die Anordnung der Tasten auf dem Joypad, dem Playstation-Controller. In den Originalfarben. Die Gamer unter den Galeriebesuchern erkennt man deshalb logischerweise am bunten rechten Daumen. Weil für die müssen diese stark aufgeblasenen fetischisierten Symbole ja Superreize darstellen, auf die sie reflexartig draufdrücken. Ich hingegen hatte nach meinem Aufenthalt einen blauen Zeigefinger. Vom Betrachten des superblauen Diptychons "Fast Forward". Die pigmentschweren Dinger mit der verkrusteten Oberfläche, die vor der Wand regelrecht zu schweben scheinen, färben definitiv ab.

Aber DAS hab ich jetzt erkannt (obwohl ich nie eine Playstation besessen habe): Clemens Wolf macht aus den ikonischen Symbolen auf dem Spielkonsolen-Controller ein Andachtsbild. 
- © Silvia Steinek Galerie

Aber DAS hab ich jetzt erkannt (obwohl ich nie eine Playstation besessen habe): Clemens Wolf macht aus den ikonischen Symbolen auf dem Spielkonsolen-Controller ein Andachtsbild.

- © Silvia Steinek Galerie

Auf der Preisliste liest sich die sinnlich haptische Maltechnik noch relativ klassisch: "Öl und Pigmente auf Aluminium." Bis auf den Teil mit dem Aluminium. Eine Leinwand wäre zumindest "klassischer". Unterschwellig, förmlich ins Unterbewusstsein dieser Malerei, hat sich ein Raster eingeprägt, ein Netzmuster, Wolfs Leitmotiv, das ihn seit seiner Zeit als Streetart-Künstler ("Das is ganz lang her") begleitet: der Zaun. Die Revierabgrenzung. ("Zäune waren immer den Ruinen, Industrieruinen, vorgelagert. Dem Unort, der zugleich ein romantischer Ort war.")

Das rautenmaschige Streckmetall (ein Blech, speziell geschnitten und zu einem Netz auseinandergezogen) wird in die Ölfarbe gedrückt ("Den Zaun verwend ich als Pinsel"), bevor tüchtig mit Pigment "bestäubt" und die Farbe zu maximaler Intensität konzentriert wird. Zu einem Powerblau, Powerrot, Powergrün. Und woher kommen die dunklen Flecken wie auf dem Mond? Von größeren Ölvorkommen. (Öl und Pigmente auf Aluminium, wie gesagt.)

Mit einer Handvoll Geometrie so viele Grenzen zu überschreiten (und von der abstrakten Kunst in die Realität und bis in den Weltraum zu kommen), ist durchaus eine Leistung. Oder Chuzpe.