Schwarzschild – noch nie gehört. Der oder das? Schwarzschild, der! Dem Hessam Samavatian sagt der Schwarzschild aber natürlich schon was. Sonst würde seine Schau im Bildraum 01 doch wohl kaum so heißen. Und dieser Titel ("Schwarzschild" eben) hat quasi einen unausgesprochenen Vornamen: Karl. Der ihn weniger kryptisch macht.

Denn dieser Karl Schwarzschild (1873 – 1916) war ein deutscher Astronom und Physiker, nach dem bereits früher so einiges benannt worden ist, also nicht erst die aktuelle Ausstellung des gebürtigen Iraners mit Wohnsitz in Wien (und einem Atelier im 16. Bezirk). Diverse Eigenschaften von Schwarzen Löchern zum Beispiel (die Schwarzschild-Metrik, der Schwarzschild-Radius, die Schwarzschild-Singularität . . .). Oder ein Effekt: der Schwarzschild-Effekt.

Der tritt in der Fotografie jedenfalls bei Belichtungen über einer Sekunde auf, und wenn man den nicht berücksichtigt, kommt es anscheinend zu Unterbelichtungen. Irgendwas mit der Lichtintensität und der Belichtungszeit und dass sich diese beiden plötzlich nimmer an die reziproke Proportionalität halten würden, wo man bei Verdoppelung der einen Größe die andere halbieren muss, um dieselbe "Schwärzung" zu erreichen. Und Samavatians Fotokunst bewegt sich in diesem Bereich. Dem Eins-plus-Bereich. Mit viel Plus. 

Das fotografische Paradoxon

Außerdem kommt das Gezeigte, das von wenigen Minuten bis zu mehreren Monaten belichtet worden sind (sprich: deutlich länger als eine Sekunde), komplett ohne Kamera aus. Ja, für zwei Arbeiten hat der Künstler Negative seines verstorbenen Großvaters verwendet, hat die Reiseimpressionen auf Gipsabgüsse von leeren Fotopapierschachteln belichtet. Und sein Großvater hat das jeweilige Motiv selbstverständlich mit Fotoapparat festgehalten.

Es werde Licht - und dann ist alles schwarz. Für seine Installation "Licht der Dunkelkammer" hat Hessam Samavatian Fotoemulsion auf die Wand aufgetragen. Das rote Lamperl ist aber unschuldig am Schwarz. 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Es werde Licht - und dann ist alles schwarz. Für seine Installation "Licht der Dunkelkammer" hat Hessam Samavatian Fotoemulsion auf die Wand aufgetragen. Das rote Lamperl ist aber unschuldig am Schwarz.

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Ohne auf einen Auslöser zu drücken, hat Samavatian aber etwa ein Schwarzes Loch erzeugt. (Zu Ehren vom Herrn Schwarzschild? Eine Hommage an die Schwarzschild-Singularität?) Oder eigentlich soll die minimalistische Installation eine Dunkelkammer darstellen. Rote Fäden, beschwert mit Negativgewichten (und die sind nicht so was wie negative Kalorien, vielmehr werden an ihnen üblicherweise die entwickelten Negativstreifen zum Trocknen aufgehängt), diese Schnüre zeichnen da eine Art Zelt, das sich zur Finsternis öffnet. Ein Stück weiße Wand ist nämlich mit Fotoemulsion behandelt und vom einwirkenden Licht (altgriechisch "phos", Genitiv "photós") total geschwärzt worden. Der Tag hat gleichsam eine stockdunkle Nacht geboren.

Das Paradox der analogen Fotografie: Wenn das Licht angeht, wird’s finster (das fotosensible Material). Und wie bei einem Schwarzen Loch kann das Licht diesen Bereich nicht mehr verlassen. Bzw. werden von der kohlpechrabenschwarzen Fläche so gut wie keine Lichtwellen reflektiert. Und davor baumelt das Zentralgestirn der Dunkelkammer, dieses Rotlichtmilieus: das nackte rote Birndl. Nicht von ungefähr ist das vielschichtige Opus "Licht der Dunkelkammer" betitelt. Und witzigerweise wird die historische Lochkamera, dieses primitive Gerät zum Einfangen der Außenwelt, diese "Blackbox" mit einer Miniöffnung, ebenfalls als dunkle Kammer bezeichnet (Camera obscura).

Experimentierfreudig studiert Samavatian die Fotografie mithilfe von dieser selbst, betreibt eine verspielt konzeptuelle Grundlagenforschung, übersetzt den analytischen Blick auf die Elemente und Geschichte des Mediums in Ästhetik, in etwas zum Einrahmen und Aufhängen. 

Die Erschaffung des Horizonts

Dass dasselbe nicht zwangsläufig immer gleich aussieht, belegen die "Blätter 1 – 69", die eine alte kameralose Technik und die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Blatt" vorführen. 69-mal Blätter (vom Baum) auf Blättern (Papier, Fotopapier). Und während die botanischen Exemplare die Sonne für ihre Photosynthese benötigen, braucht Samavatian sie für seine Fotogramme, die ja auch mittels Solarenergie angefertigt werden. Ein und dasselbe belaubte Ästchen geistert jetzt durch die Belichtungszeiten und allerlei Farbnuancen. Durch ein blasses Rosé, durch Brauntöne. Durch eine Farb- und Zeitpalette. Und die Hängung? Zufällig. Weder chronologisch noch farblich geordnet, sondern intuitiv. Aus dem Bauch heraus.

Der Künstler mit seinem Langzeitprojekt: Seit 2019 (bis unmittelbar vor der Eröffnung dieser Schau) fertigt Hessam Samavatian nämlich Fotogramme vom selben Motiv an ("Blätter 1 - 69"). 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Der Künstler mit seinem Langzeitprojekt: Seit 2019 (bis unmittelbar vor der Eröffnung dieser Schau) fertigt Hessam Samavatian nämlich Fotogramme vom selben Motiv an ("Blätter 1 - 69").

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Die fiktive Stimmungs-Landschaft gegenüber (Himmel in Romantikrosa über "plätscherndem" Horizont) ist dem Entwicklerbad entstiegen wie die Venus dem Meer. Bis zur Grenze zwischen Erde und Himmel hat der Künstler sie wieder und wieder eingetaucht. In die Fotochemie, von der sie erschaffen worden ist.

"Galaxie 21B1": Ach, die unendlichen Weiten, erspäht vom Hubble-Teleskop? I wo. Die Sterne sind gefakt. Sind das Resultat einer irdischen Spritzerei. Ihr Schöpfer hat "mit dem Finger oder mit der Zahnbürste" Stoppflüssigkeit versprengt. Bevor wiederum der Entwickler drangewesen ist. 

Die Milchstraße – das erste Drip Painting?

He, ein galaktisches Dripping wie die Milchstraße! Und die ist laut der mythologischen Kosmologie der griechischen Antike folgendermaßen entstanden: Zeus, der unschlagbare Goldmedaillengewinner in der olympischen Disziplin des Seitensprungs (okay, er hat ein bissl geschummelt, seine Geliebten oft durch Tarnen und Täuschen rumgekriegt), der oberste Olympier also hat seinen unehelichen Spross Herakles, den er mit einer Sterblichen gezeugt hatte, seiner ahnungslosen, schlafenden Ehefrau Hera kurzerhand an der Brust deponiert, auf dass der Gschrapp einen großen Schluck nähme und von der Göttinnenmilch, die offenbar magische Kräfte besaß wie heutige Funktionsnahrung, das ewige Leben erhalten möge.

Reine Fotochemie: Hessam Samavatians "Galaxie 21B1" (links) und ein Exemplar seiner "Photographical Landscapes" (rechts). 
- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Reine Fotochemie: Hessam Samavatians "Galaxie 21B1" (links) und ein Exemplar seiner "Photographical Landscapes" (rechts).

- © Eva Kelety / Bildrecht, Wien 2022

Der Baby-Herakles hat allerdings dermaßen gierig genuckelt, dass er die Hera aufgeweckt und diese ihn auf der Stelle brutal abgestillt und weggeschleudert hat. Und dabei hat sie ihre göttliche Milch, den Unsterblichkeitstrank, über den ganzen Himmel verspritzt. (Jackson Pollock hat das Action-Painting ja gar nicht erfunden. Eine Göttin war’s. Und eine Gattin.)

Und in Samavatians Kosmos? Da stimmt die Chemie.