Es gibt kein authentisches Bild des historischen Jesus, da die Theologen der frühen Kirche Bilder des Gottessohns ablehnten. Ernst Jandl wandelte dies genüsslich sprachlich ab zu "him hanflang war das wort . . ." Da Jesus Christus bald halb göttliche und halb menschliche Natur in Nachfolge der antiken Gottkönige und Pharaonen zugeschrieben wurde, keimten erst nach Jahrhunderten Porträt-Darstellungen auf, nachdem zuvor Zeichen wie der Fisch oder das Christus-Monogramm als Verständigung der Glaubensgemeinschaft an geheimen Treffpunkten in Rom wie der Katakombe unter S. Sebastiano dienten. Nach dem Toleranzedikt für die Christen 311 und vor der Anerkennung als Staatsreligion im Jahr 380 entwickelte sich die Bildkunst langsam als didaktische Aufgabe zur Verbreitung des Glaubens, wohl auch, weil nur wenige Menschen schriftkundig waren.

Die Missionierung mittels Bildern startete Kaiser Konstantin, wobei sein Sieg über Maxentius im Zeichen des Kreuzes und die Auffindung des Kreuzes durch die Kaiserinmutter Helena in Jerusalem den Kreuzeskult anfachten. Auch Arme, Frauen und Kinder sollten die Passionsgeschichte in Bildern verstehen und nicht wie
in der Mithras-Religion nur Männer der Glaubensgemeinschaft angehören. Das waren die Gründe der enormen Verbreitung. Mit Bau von Alt-St. Peter in Rom auf dem Grundriss eines T-Kreuzes begann der Märtyrerkult, Passion und Auferstehung zu Ostern wurden neben der weihnachtlichen Geburt die christlichen Hauptfeste.

Der altorientalische Typus
des "Guten Hirten"

Veronika" von El Greco mit dem "wahren Abbild". - © Museo de Santa Cruz / Toledo
Veronika" von El Greco mit dem "wahren Abbild". - © Museo de Santa Cruz / Toledo

Die ältesten Bilder von Jesus in den Katakomben zeigen wie das Fresko der Lucina-Gruft in der Callixtus-Katakombe einen jungen Mann mit hellen Locken, der ein Lamm auf der Schulter trägt - der altorientalische Typus des "Guten Hirten" wurde auf Jesus übertragen, seine Anhänger sahen sich als die von ihm behütete Herde. Wenige Christusfiguren in den Katakomben haben Gloriolen, sie waren nur für Eingeweihte erkennbar, das Thema "Guter Hirte" gibt es auch in der Priscilla- und der SS. Marcellino e Pietro-Katakombe, und neben Malerei auch auf Marmorsarkophagen. In SS. Marcellino e Pietro sitzt Christus (mit der Bedeutung: der Gesalbte) auf einem Katakomben-Fresko schon als später dominanter Messias-Typus (königlicher endzeitlicher Weltenrichter) mit Heiligenschein zwischen Petrus und Paulus.

Guido Renis leidender Christus mit Dornenkrone. - © Herwig Zens
Guido Renis leidender Christus mit Dornenkrone. - © Herwig Zens

Das bekannteste Beispiel eines bartlosen jungen Hirten in römischer Toga mit Kreuznimbus findet sich um 450 in einem Mosaik in Ravenna im Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia und im Baptisterium der Arianer in Ravenna (6. Jh.) ist der recht teigige Jüngling bei der Taufe im Jordan erstmals nackt.

Zum Mithraskult korrespondiert ein anderer wichtiger Bildtyp. Unter Alt-St. Peter in Rom befindet sich der Friedhof mit dem Petrusgrab und in der dortigen Julier-Gruft neben dem Hirtenmotiv an der Decke ein Mosaik, das Christus vor Gold und Weinranken, gleich dem antiken Sonnengott, im Wagen zum Himmel hochfahrend wiedergibt. Der Kreuznimbus macht ihn zu "Christus-Sol", einer Kombination zwischen den Religionen aus konstantinischer Zeit, später tauchen Sol und Luna in den gemalten byzantinischen Evangelien-Texten über den Heiligengestalten klein am Himmel auf. Im Rabular-Evangeliar oder jenem von Rossano ist Jesus aber vor 600 bereits der uns bekannte Mann mit Bart und langen Haaren in mittlerem Alter. Er trägt Purpurrot, ein Farbstoff, der nur dem Kaiser und den Päpsten zustand. Obwohl auch in den vielen Kirchen von Ravenna kein festgelegtes Antlitz existiert, hat sich der bärtige und langhaarige Jesus, laut Hiltgart Keller (im Lexikon der heiligen Gestalten), der syrische Bartträger, durchgesetzt. Bis zu Jesus Christ Superstar der Hippiezeit blickt uns der majestätische Typus ("Majestas Domini") bei seiner Wiederkehr zum Jüngsten Gericht streng und frontal an.

Syrischer Typus mit
Bart und Langhaar

Christus Sol in der Juliergruft in der Nekropole unter dem Petersdom. - © bereitgestellt von Wikimedia Commons
Christus Sol in der Juliergruft in der Nekropole unter dem Petersdom. - © bereitgestellt von Wikimedia Commons

Mit dem Anspruch der Ikonen auf die Gegenwart der Heiligen im Bild erfand die Ostkirche eine weitere Legende zur Festigung des syrischen Typus mit Bart und Langhaar, das Abgar-Bild. Jesus sandte es als Stoff mit Gesichts-Abdruck auf dessen Verlangen an den König. Als Legende des Schweißtuchs der Veronika ging dieses wahre Abbild (Vera Ikon) um 500 in die Reliquienverehrung ein. Als "Mandylion" aus Edessa existieren heute zahlreiche, wohl meist im 7. Jahrhundert gefertigte Fälschungen, also textile Kunstwerke. Sie kulminieren im spätmittelalterlichen Leichentuch von Turin mit eingebrannter Ganzkörperdarstellung (in Art eines Vorläufers der Fotografie) eines großen Mannes mit Bart, langen Haaren und Wundmalen.

In der Spätgotik wandelte sich der Glaube und aus dem strengen Pantokrator der Byzantiner und dem stoischen romanischen Königs-Typus wurde ein schöner, wieder jüngerer Mann, weicher, sogar oft mit weiblichen Zügen. Die Legenden wurden gefühlsmäßig aufgerüstet, Schmerz und Wunden wichtig. Geißelung, Beweinung und der Typus der Pietà erregten Mitleid mit viel Blut aus der Seitenwunde, Schweiß und Tränen: Denn die Qualen vermitteln die Erlösung der Menschheit und Überwindung von Adams Erbschuld.

Weil die Schönheit Erlösung verspricht, wurde Christus zum schönsten aller Männer nach antikem Vorbild und von vielen Künstlern auch nackt dargestellt. Seine Menschlichkeit machte die Scham-Tücher zum Verdecken der Männlichkeit in der Renaissance überflüssig. Bestes Beispiel ist die Skulptur Michelangelos in S. Maria sopra Minerva in Rom. Sie ist heute immer noch mit einem Lendentuch verunstaltet, wie in der Sixtinischen Kapelle sein endzeitlicher Jesus von einem Hosenmaler. Viele haben die Fleischwerdung des schönen Christus-Körpers durch erotische Gestaltung hervorgehoben, direkte Gesten und gebauschte Schamtücher weisen auf das Fleisch, das hier die Sünde ohne Sünde bedeutet. Zum männlichen Phallus kommt als "weibliches" Pendant die Seitenwunde mit ihrer Blutspende - wie die Brust der Gottesmutter für ihr Kind ist es die Nahrung der Gläubigen.

Maler bekamen Vorschrift, welches "Decorum" erlaubt war

Erst Luthers neuerliche Bildfeindlichkeit und die genauen Anweisungen für Kleidervorschriften in Heiligengemälden in den Schriften der Gegenreformation beendeten diese menschliche Sinnlichkeit des Christusbilds. Doch haben Künstler wie El Greco und Guido Reni besonders schöne Porträts von Christus geschaffen: leidend zwar nach Dornenkrönung in den ausgeschmückten Bildlegenden der Passion, die das 13. Jahrhundert voll Gefühl des Mitleidens angereichert hat. Der schönste aller Männer wurde aber dem neuen Schamgefühl und den Dogmen entsprechend bekleidet, die Maler bekamen eine Vorschrift, welches "Decorum" diesen Körper umhüllen darf. Michelangelos Auferstandener durfte nicht nackt in S. Maria sopra Minerva stehen, er wurde mit einem barocken Lendentuch ergänzt. Bis heute wurde er nur noch einmal davon befreit, um ein schöner Mann zu sein: in den 1960er Jahren unter Papst Johannes XXIII., der nackte Körper in der Kunst nicht anstößig empfand. Wir haben seine aufgeklärte Haltung auf Augenhöhe mit Michelangelo im 21. Jahrhundert in der christlichen Kunst nicht wieder erreicht.