Kürzlich hat Hermann Nitsch verlautbart, nach der Pandemie seine 6-Tage-Spiele in Schloss Prinzendorf, der Heimat seines seit 1957 immer weiter ausgeschmückten "Orgien-Mysterien-Theaters", wieder aufzunehmen. Doch der Tod kam Ostermontag am Abend dazwischen. Hermann Nitsch hat als einer der wenigen österreichischen Künstler alles erreicht, was in diesem Land an Ehren möglich ist: Er bespielte Burgtheater und Oper, wurde in allen Wiener Museen gezeigt, er bekam den Staatspreis und 2007 ein eigenes Museum im niederösterreichischen Mistelbach, wenig später noch eins in Italien nahe Neapel. 1971 hielt sich Nitsch noch in München auf, als seine zweite Frau Beate Schloss Prinzendorf erwarb, damals noch als Gemeinschaftsatelier mit Arnulf Rainer, später zog dieser in ein eigenes Anwesen um. Prinzendorf wurde Wohnort und Wallfahrtstätte für das Gesamtkunstwerk Nitschs neben dem Museum. 2021 konnte er sich noch einen speziellen Traum verwirklichen: ein Bühnenbild für Richard Wagners "Walküre" in Bayreuth.

Seine Schüttbilder, die er seit 1980 wieder mit dem Blut beigemischter Farbe in großen Bahnen mit einer ganzen Crew an Mitarbeitern in Prinzendorf oder bei Aktionen in Museen, beispielsweise in Klosterneuburg im Essl Museum, mit dem Einsatz des ganzen Körpers herstellte, erzielen nach wie vor hohe Preise am Kunstmarkt. Viele kombinierte er mit Malhemden, zu anfangs ausschließlich roter Farbe kamen zuerst die liturgischen Farben Schwarz und Lila, später aber auch frühlingshaftes Grün, Gelb und erdiges Braun. Synästhetisch wollte der Künstler alle Sinne ansprechen, deshalb komponierte er zur bildenden Kunst; die Grenzen zum Theater hatte er mit seinen Aktionisten-Kollegen ohnehin von Anfang an niedergerissen. In Kassel mischte er die documeta VII 1982 bereits mit einem Geruchslabor in einer Art Krypta auf.

Unabgeschlossenes Werk

Sein musikalisches Repertoire wandelte sich schnell von reiner Lärmkulisse zu den ersten Aktionen mit Lammzerreißungen und Blutschüttungen zu (postmodernen) Collagen von Fragmenten aus dem Werk des besonders verehrten Alexander Nikolajewitsch Skrjabin, dessen Farbenklavier, "Mysterien" und "Prometheus" auch inhaltlich besondere Anregungen gaben. Zuletzt schrieb Nitsch eigenen Symphonien wie seine "Ägyptische", die im Museum in Mistelbach uraufgeführt wurden. Trotz eines riesigen und diversen Werkkomplexes beharrte er in jedem Interview darauf, dass seine Arbeit nicht abgeschlossen werden kann. Seine Anfänge lösten Kunstskandale aus, die sich noch bis zur Tatsache perpetuierten, dass Bundespräsident Thomas Klestil 1992 auf der Weltausstellung in Sevilla verweigerte, eine Schau von Nitsch zu eröffnen. Hermann Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren. Sein Vater, ein Ingenieur, fiel im Zweiten Weltkrieg und so wuchs er mit seiner Mutter auf, die später bis zu ihrem Tod mit ihm auf Schloss Prinzendorf lebte. Einer seiner Großväter hatte eine Bibliothek, aus der erste Anregungen wie Stefan George kamen; diesen Dichter imitierte er in Sachen Kleinschreibung, schwarzer Kleidung und im Scharen von Jüngern um sich.

Seine frühen Zeichnungen drehten sich um religiöse Themen, auch Werke der Kunstgeschichte von El Greco über Rembrandt bis zu Leonardo da Vinci. 1953 bis 1958 besuchte Nitsch die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, wo er mit Rudolf Schwarzkogler zusammentraf, den er später als seinen Antipoden bezeichnete – anlässlich einer Ausstellung in Prag, die sein Freund Wolfgang Denk kuratierte. Tatsächlich gingen die beiden nicht nur in Sachen Farbe und Selbstanalyse andere Wege; nachdem die Wiener Aktionisten 1969 in Folge des Skandals der Aktion "Kunst und Revolution" im NIG der Universität Wien nach Berlin und München auswanderten, um Haftstrafen zu entgehen, blieb Schwarzkogler allein und ohne Möglichkeiten auszustellen oder zu verkaufen in Wien zurück, was zu seinem frühen Tod führte.

Nitsch hatte ihn, während er noch am Technischen Museum vier Jahre als Grafiker tätig war, mit Günter Brus und Otto Muehl bekannt gemacht. Bereits damals arbeitete er an der visionären Idee seines Gesamtkunstwerks im "Orgien-Mysterien-Theater". 1962 kam es zur Einmauerungsaktion von Nitsch, Muehl und Adolf Frohner in einem Kelleratelier – die mönchische Askese sollte besondere Kunst hervorbringen, Nitschs erste "Lammzerreißung" inbegriffen. 1963 nannte er es mit Muehl "Fest des psycho-physischen Naturalismus". Bei seiner Kombination von österlicher Opferung des Lammes und antikem Ritus des exzessiven Gottes Dionysos wurden die Kollegen beim Entsorgen des Tierkadavers in die Donau beobachtet und angezeigt, Mordverdacht war in der konservativen Bürgerlichkeit schnell am Tapet. In der Folge häufte sich der Vorwurf der Tabuübertretung, aber auch der Bekanntheitsgrad. Auf berechtigte Kritik, seitens des Kunsthistorikers Werner Hofmann etwa, wollten die Aktionisten nicht hören.

Bluttaufe

Hofmann warf ihnen zu Recht vor, destruktive und damit "…durchaus dem faschistischen Terror vergleichbare Methoden" anzuwenden. Nitschs Gebrauch eines Panzers bei einer Aktion war Auslöser. Der weibliche Part kam immer zu kurz – Frauen gab sein Drehbuch meist die Rollen des Modells und der Muse. Wohl weil der Rückblick auf die Antike und das Christentum so stark in seinem Konzept verankert ist. Vor allem der legendäre syrische Kaiser Elagabal, der sich in Rom nach seinem Sonnenkult Heliogabal nannte, und die Mysterienreligionen mit ihren Bluttaufen von Gläubigen sowie die exzessiven Dionysosfeste mit Wein, Blut und Fleischzerreißung geben wenig her für zeitgemäße Gesellschafts- und Geschlechterbilder. Eher Wien um 1900 mit Schiele, Kokoschka und davor die Romantik mit Hölderlin. Die Zerstörung des Staates und damit der Demokratie ließ die anarchistische Schiene der Aktionisten bald absurd wirken, denn seit 1970 regierte Bruno Kreisky, der mit Bundespräsident Rudolf Kirchschläger sofort eine Amnestie für die verfolgten Künstler aussprechen ließ. 

Aktionskünstler Hermann Nitsch 83-jährig gestorben.

Als Privatperson war Nitsch immer in weiblicher Begleitung, seine erste Frau, eine Lehrerin, verließ ihn nach einem Jahr Ehe 1966 wegen der Skandale. Beate Nitsch war Professorin für Psychologie in München und gab ihm viele Anregungen auf Augenhöhe, leider starb sie schon 1977 bei einem Autounfall. Nach einigen Jahren mit einer bekannten Wiener Galeristin an seiner Seite trat Rita Leitenbor in sein Leben, die er 1988 heiratete. Nitsch unterrichtete an der Städelschule in Frankfurt, den USA und Italien. Ausstellungen, Vorträge und Aktionen gingen in die ganze Welt wie auch seine Werke in zahlreiche Museen.