Als Joseph Beuys 1986 starb, meinte Bazon Brock, es sollten alle seine Aktions-Relikte sowie ein Großteil seiner Werke verschrottet werden, denn ohne die Person gäbe es kein Fortleben dieser Artefakte. Ganz so schlimm ist es nicht gekommen, viele Ausstellungen und Museen präsentieren seine Installationen und erfreuen damit das Publikum. In manchen Nachrufen wurde Hermann Nitschs Kunst mit der von Beuys verglichen, das stimmt bezogen auf ihre Generation, deren Kunstauffassung und Methode, nicht aber auf die Werke, die sie hinterlassen haben. Das "Orgien-Mysterien-Theater" kann diesen Frühsommer sicher mit einem gelungen Abschieds-Event für seinen Erfinder aufwarten, die Abläufe sind von der Schar an Assistenten in Prinzendorf eingespielt und bis zuletzt von ihm in jedes Detail konzipiert worden, auf die Dauer wird es aber kaum ohne seinen Regisseur und Dirigenten weitergehen.

Nitsch und Beuys sind Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sie reflektierten erfolgreich auf den Genie-Kult des 19. Jahrhunderts als neue Gurus, blicken zurück bis in die Prähistorie und auf die Geburt des Theaters in Griechenland. Ihre Anbindung an die Gegenwart lief über die Wendung zum Performativen und die den Raum einbeziehende Installation, zudem war Beuys ein großer Zeichner und Nitsch konnte ab 1980 einen wesentlichen Beitrag zur expressiven Malerei leisten. Die Wende zu Ironie der Aneignungskunst ab den 1980er Jahren konnten aber beide nicht mehr mit vollziehen, die "Wiener Aktionisten" sahen etwa im vermeintlich mangelnden Ernst des Reenactments der Gruppe G.R.A.M. (Günther Holler-Schuster, Martin Behr, anfangs mit Ronald Walter und Armin Ranner) einen Angriff und drohten mit Klage. Die berechtigte Einseitigkeit der "Männerschmiede" deckten auch Künstlerinnen wie Renate Bertlmann, Birgit Jürgenssen und etwas später auch Carola Dertnig auf, ihre subversiven Angriffe wurden aber wieder als Tabubrüche gesehen und erst sehr spät als zeitgemäße künstlerische Reflexionen verstanden.

Schärfung der Sinne

Nitsch übernahm von der jüngeren Generation die positive postmoderne Taktik, auch den Kitsch als ironische Methode in die Rückkehr zur Malerei nach Körperkunst und Raumkonzept einzubeziehen. Es ist dabei Klaus Schröders Kommentar zu folgen, der nach seinem Tod meinte, Nitschs Malerei bleibt wesentlich durch ihre Qualität. Der Umgang mit sinnlichen Erweiterungen hin zu Tasten (Malen mit Händen und Füßen statt mit Pinsel), Riechen, Schmecken ist dabei wesentlich. Der Künstler konnte von der Verwendung der Blutfarbe Rot bis zu Frühlingsfarben vordringen, die Strenge der liturgischen Farben Schwarz und Lila bis zur erdigen Urmaterie brauner Erde erweitern. Der Einbezug des Publikums brachte für alle eine Schärfung der Sinne, aber auch die Möglichkeit psychischer Abreaktion und Überwindung der nach wie vor engen Schamgrenzen. Jedoch blieb der Weg zur Katharsis in allen Aktionen von ihm vorgegeben, man war halb frei und musste sich seinen Vorgaben anpassen: Eventuelle ekstatische Liebesakte im Gebüsch oder selbständiges Werfen von Blumen auf seinen ausrangierten Bundesheerpanzer duldete der Meister nicht.

Nitsch und Beuys standen an der Schwelle, kurz vor dem Paradigmenwechsel in der Kunst, der das Ende rein westlich orientierter Sicht einläutete, postkoloniale und Genderthematik (später queere) in den Vordergrund rückte. Die Art Brut war hier genauso Vorläufer wie die Tabubrüche der Aktionisten, doch die Rückkehr zur Kunst als Ritus war beider innovativer Ansatz in eine neue Richtung.

Was bleibt von Nitsch, ist außerdem die Erinnerung an einen liebenswerten Menschen, der jede Lauheit im Leben ablehnte, seinen Alltag als Kunst feierte, keine kleinbürgerlichen Allüren kannte. Andere Menschen oder Tiere zu verletzen war ihm fremd, sein Theater war nicht so grausam gedacht wie jenes von Antonin Artaud, sondern er wollte wie Beuys mit Kunst zur Verbesserung der Welt gelangen. Peter Gorsen erklärte seine Aktionen 1970: "Die Darstellung der destruktiven Phantasie verfolgt keinen anderen therapeutischen Zweck, als von jener Blindheit des faschistischen Bewußtseins zu kurieren, das Krieg und Aggression für Naturqualitäten hält und Lust sich nur vorstellen kann als kriegerische Lust an der Vernichtung des anderen."