16 mal 12. Äh, 192 – wieso? Aber eigentlich ist das eh keine Rechenaufgabe. Das ist ein Format. Die Bilder, die der Michael Ornauer derzeit bei Suppan Fine Arts herzeigt, sind nämlich ausgesprochen handlich. Malereikonzentrate für die intime Nähe. Grad eine Spur größer als das Handy, mit dem ich sie im Vorbeigehen fotografiert (oder schnappgeschossen) habe. In dem hätten sie freilich so oder so Platz. Selbst wenn sie die Maße von Klimts "Kuss" hätten.

Und weshalb sind sie so "mickrig"? Damit etwaige willige Käufer keine Ausrede mehr haben? ("Sorry, meine Wände sind leider schon voll!") Weil irgendwo können sie doch bestimmt noch ein paar "Kleinigkeiten" reinquetschen, oder? Oder weil sich das kleine Bunte wunderbar eignet für den kleinen Sammlerappetit zwischendurch? Als Snack? Oder sollen die "Babys" vielmehr den Beschützerinstinkt wecken? (Und im Auge behalten kann man sie eben am besten bei sich zu Hause.) 

Die Farbe "abladen"

Okay, sonderlich diebstahlsicher sind solche Miniaturen nicht. Schwupps – und sie sind im Handtascherl. Dafür passen sie problemlos in jeden Wandsafe. Außerdem: Kunst, Wertanlage, hallo? Die Bilder gehören möglicherweise in den Safe. Andererseits meint ihr Schöpfer, ein Bild wäre an der Wand "in seiner natürlichsten Umgebung". Wurscht. Einen Picasso müsste man jedenfalls wahrscheinlich vor den Wandsafe hängen.

Michael Ornauers buntes Gedränge ist fast eine soziologische Studie: Manche Farben sind geselliger und tauschen sich mit den andern aus, mischen sich ein, andere wiederum bleiben lieber für sich (so gut es eben geht). 
- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Michael Ornauers buntes Gedränge ist fast eine soziologische Studie: Manche Farben sind geselliger und tauschen sich mit den andern aus, mischen sich ein, andere wiederum bleiben lieber für sich (so gut es eben geht).

- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Der Grund für die "Schrumpfung" ist trotzdem viel pragmatischer: Kleine Bilder sind leichter. Auch gefühlsmäßig. Eine Frühjahrsdiät? Blödsinn. Noch kein Jahr ist’s allerdings her, dass der gebürtige Wiener, der 1979 auf die Welt gekommen ist, in derselben Galerie eine farbwuchtige Ausstellung hatte mit dem bezeichnenden Titel: "Das Gewicht der Farbe."

Gewichtig sind die Arbeiten nach wie vor. (Ornauer, der definitiv kein Homöopath ist: "Im Verhältnis ist da jetzt oft noch mehr drauf." Und er deutet auf ein drei Monate altes, geradezu übergewichtiges Opus, das zwar noch immer nicht ganz trocken ist, doch: "Es fällt nix mehr runter.") Schließlich handelt es sich um reine Malerei. Bei der die Ölfarbe pur aufgetragen wird. Unverdünnt. Ohne Terpentin. (Das hat der Künstler lediglich gebraucht, "um die Geräte zu reinigen". Lösungsmittelschnüffler kommen demzufolge nicht auf ihre Kosten. Moment: Welche Geräte denn? Die, die er zum "Abladen" der Farbe verwendet hat.) Die bescheidenere Größe hat hingegen angeblich was Kathartisches. Und entspannt. (Besonders wenn man parallel dazu noch eine zweite Schau fertigkriegen muss. Mit normalgroßen Exponaten. Obwohl: Was ist "normal"?) 

Malen wie ein Maurer

Ein Einheitsformat zum Einheitspreis (680 Euro), das heißt: Alle Bilder sind gleichwertig. Aber nicht gleichartig. Artig sind sie sowieso nicht. Also brav. Unter anderem weil der experimentierlustige Ornauer seine im üppigsten Sinne des Wortes gehaltvolle Malerei, wo er mit ungebremstem Spieltrieb so einiges auf der rohen Jute oder Leinwand ausprobiert, nicht mit dem "anachronistischen" Pinsel füttert.

Nacktschnecken mit Senf? Nichtsdestotrotz sieht Michael Ornauers titel-, aber definitv nicht farbloses Opus g'schmackig aus. 
- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Nacktschnecken mit Senf? Nichtsdestotrotz sieht Michael Ornauers titel-, aber definitv nicht farbloses Opus g'schmackig aus.

- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

"Wenn ich einen Pinsel in die Hand nehme, denke ich an Renaissance oder Impressionismus und dann schüttelt’s mich." Nicht, dass er prinzipiell was gegen die Renaissance oder den Impressionismus hätte. Sein Stil ist’s halt nicht. Der ist impulsiv und intuitiv. Weil Feinmaler ist der Besucher zweier Meisterklassen an der Kunstakademie in Wien (zuerst war er in der vom Hubert Schmalix, danach ist er in die von Amelie von Wulffen gewechselt) keiner.

Und vor allem: "Du kannst auf einem Pinsel nicht so viel Farbe abladen wie auf einer Spachtel." (Oder einem Palettenmesser, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Tortenheber hat.) Dementsprechend malt er "eher wie ein Maurer", die Farbe wird zur Spachtelmasse. Oder wie ein Konditor. Nur nicht zu süß und kitschig. Die heile, banale Schönheit muss gebrochen werden, auf dem zarten Farbverlauf ein glitschiger fetter Patzen picken wie eine Nacktschnecke. Pastose Kleckse mischen sich in eine sanfte Wellenstruktur ein, Schichten reißen wie Häute auf und legen Untertöne frei. ("Mir fallen immer neue Methoden ein, wie ich diese Werkzeuge verwende – und missbrauche.")

Man isst ja angeblich auch mit den Augen. Und die finden diese Farben (und wie der Michael Ornauer sie aufgetragen hat) jedenfalls zum Abschlecken. (Schaut eh ein bissl so aus, als hätte da eine riesige Zunge einmal von links nach rechts drübergewischt.) 
- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Man isst ja angeblich auch mit den Augen. Und die finden diese Farben (und wie der Michael Ornauer sie aufgetragen hat) jedenfalls zum Abschlecken. (Schaut eh ein bissl so aus, als hätte da eine riesige Zunge einmal von links nach rechts drübergewischt.)

- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Zuckerlfarbene Klümpchen summieren sich zu einem Teig, einem Farbkuchen, Gelb und Rot lodern feurig und haptisch aufgewühlt in die dritte Dimension hinein, haben ebenfalls Substanz. Und hinter einem molligen Schwarz verbirgt sich ein Rosa, während ein weißes Trio nicht akzentfrei Monochrom spricht, sondern von markanten Gupfen betont (eben akzentuiert) wird, und in Wirklichkeit ist das kein Weiß, das ist Perlmutt. Schimmert wie das Innere einer Muschel. Gern lässt sich der Maler selber vom Zufall überraschen. ("Es ist jedes Mal wie Lottospielen.") 

Das Bild als pinselfreie Zone

Ist eine pinselfreie Malerei überhaupt noch eine solche, eine Malerei? Ja, warum nicht? Malerei wird definiert als das Aufbringen von Farbe auf einen Malgrund. Womit man das bewerkstelligt, tut nichts zur Sache. Die einen essen nun einmal mit Messer und Gabel, die andern mit Stäbchen und die Dritten mit den Fingern. Hauptsache, man wird satt. Und quasi wie Teller liegen die mit Jute bespannten Holztäfelchen flach auf dem Tisch. Staffelei benutzt er ja generell keine, der Ornauer. Unabhängig vom Format. ("Um Gottes willen. Das ist das, was als Erstes rausgeflogen ist." Aus dem Atelier. Weil: "Eine Staffelei steht mir nur im Weg.")

Sie wurden zwar einzeln gemalt (vom Michael Ornauer), doch jetzt erzählen diese fünf Bilder gemeinsam eine Geschichte. Eine mit einem ziemlich dramatischen Ende. 
- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Sie wurden zwar einzeln gemalt (vom Michael Ornauer), doch jetzt erzählen diese fünf Bilder gemeinsam eine Geschichte. Eine mit einem ziemlich dramatischen Ende.

- © Foto: Michael Ornauer, Courtesy: SUPPAN, Wien

Serien und Verwandtschaften haben sich mitunter erst beim Aufhängen herauskristallisiert. Zwei Grüns ordnen sich nachträglich zu einem Diptychon, gesellen sich zueinander wie diese Vorher-Nachher-Bildchen aus der Werbung für ein Abnehmwundermittel. Links mit ein bissl Speck, rechts entschlackt und erschlankt. Sinnliche abstrakte Geschichten, die von der Malerei selbst erzählen. Auf knappstem Raum, in Summe jedoch sehr ausführlich und abwechslungsreich. (Und sättigend.)

16 mal 12 – eine Signatur geht sich da nimmer aus. Auf der Vorderseite. Abgesehen davon, dass der Ornauer es peinlich fände, seinen Namen "vorne hinzuknallen". Der kommt deshalb diskret hinten hin. "Die Einzigen, die das stört, sind die Sammler." (Zu verachten ist die Künstlersignatur dennoch nicht. Zwecks Orientierung. Die zeigt einem an, wo unten ist. Wie die Kompassnadel, die permanent nach Norden weist. Praktisch. Speziell wenn man es mit ungegenständlicher Kunst zu tun hat.)