Hat die denn gar keinen Genierer? Offenbar nicht. Sondern lieber Spaß bei der Arbeit. Und ihr Metier ist eben die Kunst. (Oder sind bei dieser neuerdings Dresscode-Regeln zu befolgen?) Wikipedia-Eintrag existiert von ihr seltsamerweise keiner ("Seite nicht vorhanden"). Erwähnt wird sie allerdings schon. "Süßmilch ist der Familienname folgender Personen: . . ." Und an sechster und letzter Stelle endlich: "Sophia Süßmilch (*1983), deutsche Künstlerin."

Malerin ist sie, die Sophia Süßmilch. Und Videokünstlerin. Objekte macht sie ebenfalls, hat in München ja Bildhauerei studiert (und in Wien kontextuelle Malerei). Und als Performerin, die sie obendrein (und oben ohne) ist, zelebriert sie alles andere als die Schmerzen der frühen Aktionisten und –innen, deren Leidenspathos.

Sie ist nämlich definitiv keine Märtyrerin ihrer eigenen Kunst (okay, ab und zu muss sie einen Shitstorm über sich ergehen lassen, eckt sie mit ihren entblößten weiblichen Rundungen an), vielmehr lebt sie vor Publikum oder der Kamera oder beidem die Lust am Kindischsein, am Herumblödeln, am Absurden aus. Fertigt für sich zum Beispiel Brust-Extensions an. Richtige "Alphörner". (Wie Hängebrüste von ihr generell gern und medienübergreifend thematisiert werden. Die sind geradezu ihr Markenzeichen.) In der Galerie Krobath ist sie nun mit großen Brüsten und dem kleinen Mann zu Gast: "Sophia Süßmilch und die Ausstellung des kleinen Mannes." 

Von Flugratten und Arschlochvögeln

In eine farbenfrohe, eigenwillige Welt tritt man da ein, in der die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur, Performance und Kitsch, zwischen den Gattungen und Spezies unentwegt verwischen.

Die Leinwand ist nicht genug: Die "Asshole Birds" (aus lufttrocknendem Ton, Ölfarbe und Lack) umschwirren das "göttliche Chaos". (Beides von Sophia Süßmilch.) 
- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Die Leinwand ist nicht genug: Die "Asshole Birds" (aus lufttrocknendem Ton, Ölfarbe und Lack) umschwirren das "göttliche Chaos". (Beides von Sophia Süßmilch.)

- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Aus dem (in naiver Manier) gemalten "göttlichen Chaos" scheinen die "Asshole Birds" (Keramiken mit langen Schnäbeln) entkommen zu sein, und die schwärmen jetzt aus, tummeln sich auf einer Galeriewand, der kleine Mann wiederum trägt auf einer Leinwand genau dieselben regenbogenbunten Schnabelschuhe, die hier überall handfest (3D-geprintet) rumstehen, während er sich selber in einen Birdman verwandelt (Tschuldigung: Little Birdman). Tanzt der etwa den Vogerltanz? (Immerhin sind das "Discobird shoes", oder?) Und die Zopferlmaid, die zwischen dem Menschlichen und Animalischen, das diese gut gefüllten Bilder bevölkert, regelmäßig auftaucht, hat sowieso frappante Ähnlichkeit mit der Künstlerin im barbusigen Performance-Modus.

Beengte Verhältnisse (auf dem Bild von Sophia Süßmilch): "Der Kleine Mann geht Tauben vergiften im Park" - und leidet offensichtlich nicht an Klaustrophobie, die Malerin dafür möglicherweise an einem Horror vacui. 
- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Beengte Verhältnisse (auf dem Bild von Sophia Süßmilch): "Der Kleine Mann geht Tauben vergiften im Park" - und leidet offensichtlich nicht an Klaustrophobie, die Malerin dafür möglicherweise an einem Horror vacui.

- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Gemälde sind bekanntlich Flachware, und die Fläche nutzt die in Dachau geborene Deutsche, die zwischen München und Wien pendelt, wirklich aus. Bis die Bilder randvoll sind. Leidet sie demnach an einem Horror vacui? Schaut so aus. Das ist, nebenbei bemerkt, nicht das, wo man kaum sitzen kann und sich irrsinnig geniert, wenn man sich in der Apotheke eine Salbe dagegen holt, vor allem gegen den nervenden Juckreiz, nein, das ist eine in der Kunstgeschichte öfter beobachtete Angststörung, bei der man vor einer leeren Fläche panikt. Horror vacui: Lateinisch für "die Scheu vor der Leere".

Zu entdecken gibt’s jedenfalls eine Menge. Einen getigerten Löwen, ein Äffchen, eine elefantenrüsselige Mutter Natur, psychotrope Pilze, reptilische . . . äh: Hängebrust-Genien? Und mittendrin den kleinen Mann und seine große Freundin. Hm. Und wie ist das, was die Süßmilch macht, einzuordnen? Als erwachsener Kinderstil? Reifer Infantilismus?

Ein Opus heißt zwar überaus konkret und unzweideutig "Der kleine Mann geht Tauben vergiften im Park", eindeutig ist da aber nix. Die Malerei illustriert den Titel prinzipiell nicht, und im Gegenzug erklärt der Titel das Bild nicht. Dafür ist parallel zur Ausstellung ein Büchl erschienen ("Sophia Süßmilch und die Geschichten des kleinen Mannes"), ein Katalögchen (Wort und Bild: Süßmilch) mit der Widmung "Für den kleinen Mann in uns" und ziemlich lyrischen Prosatexten, für die die einzelnen Arbeiten die Inspirationsquelle waren. Kurze Erzählungen, die durchaus für sich allein bestehen könnten. 

Gibt es ein Lachen nach dem Tod?

"Der Kleine Mann und der verlorene Zahn": He, ich SEH die beiden. Und von wem sind die ANDEREN Körperteile? Sehr aufgeräumtes Bild von Sophia Süßmilch. 
- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

"Der Kleine Mann und der verlorene Zahn": He, ich SEH die beiden. Und von wem sind die ANDEREN Körperteile? Sehr aufgeräumtes Bild von Sophia Süßmilch.

- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Da reicht’s dem kleinen Mann, der unzufrieden ist mit seinem unbedeutenden Dasein als Plebs, irgendwann und er sucht sich selber Opfer, lässt seine unterdrückte Wut an den Ratten der Lüfte aus, am Fluggesindel ("Das Gift der Gesellschaft, er gibt es weiter"), bevor er daheim doch den Tod der vergifteten Tauben (und sein eigenes Leben) betrauert.

"Der kleine Mann und der verlorene Zahn": Das gleichnamige Bild, auf dem der kleine oder eher bereits klitzekleine Mann von übermächtigen weiblichen Körperteilen und krallenbewehrten Gliedmaßen bedrängt wird, ist das wohl ordentlichste, aufgeräumteste. Und der dazugehörige Text (der knappste übrigens) verdient es, vollständig zitiert zu werden: "Einmal, als der kleine Mann tot war, da lag er im dunkeln Nichts und hat geträumt. Dass er seinen Backenzahn verliert. Das bedeutet Verlust, hat die zu ihm gesagt, die neben ihm im Grab lag. Wieso Verlust, ich bin doch tot, sagte der kleine Mann. Guter Punkt, hat sie gesagt. Sie haben herzlich gelacht über die Gesamtsituation: Und haben sich dann einfach weiter zersetzt." Dead End.

Zum Schluss wird sie sehr persönlich, die Künstlerin ("Pain, Oida. So einen Pain wie diese Sophia Süßmilch in ihrem Kopf musst du erst mal haben."), spricht markig über das Funktionierenmüssen auf dem Kunstmarkt, den Zwang, herauszustechen "aus der grauen Masse der Individualistensäue". ("Bäm Bäm Bäm, Süßmilch, komm / hau die Brüste raus, ist dieses painting / schon verkauft.") Um zu enden mit einem "Je suis Der kleine Mann". 

Die Atombomben kugelgrillen herum

Mit nackter Haut geizt sie dementsprechend nicht. Hängt diese sogar wie Vorhänge vor die Wand. Oder ist Leder vielleicht keine Haut? Oh, das ist lediglich Kunstleder. Wurscht. In der schwarz verhüllten Raumecke drückt sich "Die kritische Masse" herum, bestehend aus drei dreibeinigen Kopffüßern mit pummeliger Kugelgrillstatur. Die bemalten und mit Harz überzogenen Papiermaché-Gfrießerln wirken an sich total harmlos. Nicht so, als könnten sie jeden Moment hochgehen. (Und keines hat eine "Putin-Physiognomie".)

"Die kritische Masse" ist bei Sophia Süßmilch zu dritt: Fat Man, Little Boy und Cosmic Person. Weil aller guten Dinge drei sind. (Steht irgendwo auf dem schwarzen Kunstleder.) 
- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

"Die kritische Masse" ist bei Sophia Süßmilch zu dritt: Fat Man, Little Boy und Cosmic Person. Weil aller guten Dinge drei sind. (Steht irgendwo auf dem schwarzen Kunstleder.)

- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Trotzdem sind die ersten beiden nach den Atombomben Fat Man und Little Boy benannt. Und die Dritte im Bunde? Big Mama? Wird die nächste, die abgeworfen wird, also wenigstens eine Frau sein? Nein, eine geschlechtsneutrale "Cosmic Person". Keine toxische Männlichkeit, eine giftige (oder verstrahlende) Persönlichkeit schwebt da jemandem vor. Unterschwellig böse. (Wie der unscheinbare, kaum lesbare Spruch im Kunstnappa: "Aller guten Dinge sind drei.") So gesehen eine gesellschaftskritische Masse. 

Die Windel für Erwachsene ist eine Zeitmaschine

Im Hinterkammerl schließlich: der reine Horror. Zumindest der Teil mit der Zahnfee. (Das ist die, an die die Gschrappen ihre ausgefallenen Milchzähne verscherbeln.) Gruselig, wie die auf dem Flokati ihre Mähne ausbreitet und sich darin lauter Beißerchen verfangen, verbissen haben. Was hat die überhaupt im "Kabinett des kleinen Mannes" zu suchen? Na ja, eventuell, weil hier Letzterer die performative Sau rauslässt (zusammen mit der Sophia Süßmilch) und solches die Leute in der Regel amüsiert, die daraufhin selber Zähne zeigen (außer sie lachen hinter einer FFP2-Maske).

Hab ich mir irgendwie kinderlieber vorgestellt (jedenfalls nicht mit Zähnen in den Haaren): die Zahnfee in der Version von Sophia Süßmilch. 
- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Hab ich mir irgendwie kinderlieber vorgestellt (jedenfalls nicht mit Zähnen in den Haaren): die Zahnfee in der Version von Sophia Süßmilch.

- © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

He, trägt der Felix Burger, der den kleinen Mann mimt, in dem einen Video so einen HH über seiner Hose, wie ihn die Süßmilch, die "Radikalfeministin" (Eigendefinition), in einem vermutlich ironischen Text fordert? ("Trag deinen Hodenhalter! Bei dem Gebaumel kommt mir das Kotzen.") I wo. Das ist eine Windel. Quasi eine Zeitmaschine für eine Reise in die Vergangenheit. In ein frühkindliches Stadium. Benehmen tut er sich, der kleine Mann, auf alle Fälle wie das personifizierte Kleinkind im Manne.

Und die Süßmilch? Ist nackt oder eigentlich nicht nackt. Bekennt Farbe, hat einen grün-blauen Anstrich. Lässt nur die Brüste blank herausleuchten. Springt gewissermaßen als leibhaftige Malerei mit der Haut als Leinwand und einer barocken roten Perücke hinter einem Baum hervor. Als schrilles Echo des kleinen Mannes, der ihr was vorsingt ("War einmal ein kleiner Mann, / So fängt die Geschichte an. / Setzt sich unter einen Baum, / trommelt, was er trommeln kann.") und dann auf ihren Truthahn trommelt. ("Truthahn" ist keine Metapher.)

Kleiner Mann trommelt auf Sophia Süßmilchs Truthahn. (Kann man den nachher noch essen?) Aus dem Video "War einmal ein kleiner Mann" (mit Felix Burger). 
- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Kleiner Mann trommelt auf Sophia Süßmilchs Truthahn. (Kann man den nachher noch essen?) Aus dem Video "War einmal ein kleiner Mann" (mit Felix Burger).

- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Brachialklamauk. Die ganzen 47 Sekunden war ich hin- und hergerissen: Soll ich lachen oder peinlich berührt sein? Handelt es sich um grenzgenialen Dadaismus oder einen selbstmörderischen Kamikaze-Humor? Und entgeht mir womöglich grad irgendein Tiefsinn? Der unbekleidete weibliche Körper ist ja nie unpolitisch. Entweder hat man einen "männlichen Blick" drauf oder man versucht, ihn von ebendiesem zu befreien.

Außerdem: Mit dem Essen spielt man nicht. Andererseits hat den Joseph Beuys wahrscheinlich niemand gefragt, ob er den toten Hasen eh brav aufgegessen hat, nachdem er diesem "die Bilder erklärt" hatte. Der Süßmilch hingegen hat man Lebensmittelverschwendung vorgeworfen, als sie sich einmal mit ihrer Mutter (und darauf reimt sich Butter) für ein Foto komplett "einbuttern" und mit Blumen dekorieren hat lassen. Wie viele Brote man mit dieser Butter, die in Wirklichkeit eine Margarine war, schmieren hätte können . . . 

Frauen legen keine Eier (sie werfen sie)

Und die Eier vom "Lustigen Ostereiersuchen" am Eröffnungsabend (featuring die Mama als Osterhäsin und Vito Baumüller als Eierbecher), die hat bestimmt auch keiner im Anschluss geschält und verspeist. Nicht weniger als 45 Eier wurden in den 20 Minuten ein zweites Mal gelegt (das erste Mal irgendwann davor von einer Henne), bzw. hat die Süßmilch die Dinger, die ihr der kleine Mann (Felix Burger) zuerst reingesteckt hat, aus ihrer Vagina geradezu rauskatapultiert. Quittiert wurde jeder Auswurf mit einem "Huiii!" und einem katholisch-patriarchalischen Preisgesang, der diesen matriarchalischen Fruchtbarkeitskult konterkariert hat ("Alles, was atmen kann, lobe den Herrn . . .!"), derweil ein nackter Jüngling, militärisch stramm und mit Eierbecher auf dem Haupt, das gewandelte Eitscherl einem Zuschauer, einer Zuschauerin dargereicht hat.

Felix Burger in voller Eisbärenmontur; Sophia Süßmilch muss sich im schneeweißen Zwei-Minuten-Film "Der Kleine Mann und Das Wintervergnügen" (2022) ANDERS wärmen. 
- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Felix Burger in voller Eisbärenmontur; Sophia Süßmilch muss sich im schneeweißen Zwei-Minuten-Film "Der Kleine Mann und Das Wintervergnügen" (2022) ANDERS wärmen.

- © Courtesy: Sophia Süßmilch und Krobath Wien

Bitte, knie di ned vor mi hin, hab ich jedes Mal hinter meiner Maske gemurmelt. (Und mich damit beruhigt, dass ich im schlimmsten Fall was zum Händedesinfizieren in meiner Tasche hätte. Und sicherlich ohnedies nicht auserwählt würde, zumal ich nicht die passende rituelle Kopfbedeckung aufhatte: ein Partyhütchen.) Ja, beeindruckt hat mich diese Frauenpower schon, aber hygienisch war sie halt nicht. Und irgendwann ist es ein bissl langweilig geworden zuzusehen, wie der dunkle Kontinent ungeheuer viele Eier gebiert. Nach dem letzten "Huiii!": Kleiner Mann klatscht auf die Hinterbacken der Mitagierenden, das jubelnde Publikum in die eigenen Hände.

Muss das sein? Ist aktionistisches Provozieren (Süßmilch: "In meiner Welt ist das überhaupt nicht provokant.") nicht mittlerweile anachronistisch? Sichtlich ist es das nicht mehr. Anscheinend braucht man das jetzt also wieder. Sonst würde es doch keinen aufregen, oder? Da macht eine schamlos Kunst, die noch Emotionen zu wecken vermag, indem sie sich selbst nicht tierisch ernst nimmt.