An Rundungen mangelt es dieser Ausstellung, kuratiert von Daniel Grúň, jedenfalls nicht. Na ja, das liegt wohl an den vielen, nein, nicht Frauen. An den Ufos vielmehr. Július Koller (1939 – 2007) war nämlich ein "U.F.O.-Naut". Ein Alien? Nicht unbedingt. Wobei: In der Kunstwelt war er durchaus ein bissl außerirdisch, dieser Erzeuger von "Antikunst" (seine Schau im Mumok 2016 war bezeichnenderweise eine "One Man Anti Show") und Schöpfer "kultureller Situationen".

U, F und O, allgegenwärtig im Werk des slowakischen Künstlers mit der Antihaltung (also kein Künstler, ein Anti-Künstler?), das steht freilich nicht für "unidentifiziertes Flugobjekt" (wenngleich Koller andauernd mit der Form der "fliegenden Untertasse" spielt). Sondern? Immer wieder für etwas anderes. Für "Univerzálna Fyzkultúrna Operácia" beispielsweise. (Universelle physiokulturelle Operation.) 

Pingpongpingpongping . . .

Das meiste von dem, was in der Galerie Martin Janda unter dem Titel "Plus Minus U.F.O." versammelt ist (plus/minus – wie Veränderung? Polarisierung?), der Großteil des in Kooperation mit der Július Koller Society Gezeigten (Collagen, Zeichnungen, Fotos, überarbeitete Fundstücke, Installatives) ist übrigens noch hinterm Eisernen Vorhang entstanden. Auf allerlei Alltagsgegenständen finden sich da die magischen drei Buchstaben (und die zwei der Signatur: J. K.). Auf diversen Tellern oder einem Blechschild fürs Auto (mit dem Ländercode "CS" für die Tschechoslowakei, die damals noch existiert hat, intakt war). Lauter "universelle futurologische Objekte", kurz Ufos.

Ebenfalls ein Ufo. Allerdings keines, das ins All fliegen kann. Vielmehr ein "Univerzálny Futurologicky Objekt / Universal Futurological Object" (1980) von Július Koller. Und 1980 hat die Tschechoslowakei ja noch existiert. 
- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Ebenfalls ein Ufo. Allerdings keines, das ins All fliegen kann. Vielmehr ein "Univerzálny Futurologicky Objekt / Universal Futurological Object" (1980) von Július Koller. Und 1980 hat die Tschechoslowakei ja noch existiert.

- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Auf ein weißes Unterleiberl wird die Abkürzung ebenso draufgemalt (umrahmt von einem Kreis) wie auf den abflugbereiten Pappteller ("Utópie – Fakty – Originály" – Utopie – Fakten – Originale), den Koller auf einem Foto von 1971 aus dem Fenster seiner Wohnung in Bratislava ins Freie hinaushält. Und wenn mit geschlossenen Augen über ein gekritzeltes Oval sinniert wird (1983), ist das selbstverständlich eine U.F.O.-Meditation. (Abheben in die unendlichen Weiten der Gedankenwelt?)

Nicht zu übersehen: das installative "Velké UFO (U.F.O.) / Big UFO (U.F.O.)" aus einer Zeit, in der der Ostblock längst Geschichte war (1995). Unweigerlich zappeln in diesem imposanten raumgreifenden Netz sämtliche anwesende Blicke, weil sie nicht anders können, als durch die Maschen zu spähen und den Fang zu begutachten: ein gemaltes Netz auf einer Hartfaserplatte. Ein Tafelbild, das waagrecht über dem Boden schwebt (wie eine Tischplatte), statt wie üblich senkrecht an der Wand zu hängen. Okay, die Tafel ist eckig, dafür ist aber der Tischtennisball rund, den Koller auf der Fotomontage dahinter im Mund hat. Und der Schläger ist sowieso was flaches Rundes am Stiel. Eine uneckige Scheibe mit Griff.

Zwei Spiegel beim Pingpong-Spielen. Nur dass IHR Ball halt das eigene Spiegelbild ist. Július Kollers "Objekt (zrkadlovy)" aus dem Jahr 1963. 
- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Zwei Spiegel beim Pingpong-Spielen. Nur dass IHR Ball halt das eigene Spiegelbild ist. Július Kollers "Objekt (zrkadlovy)" aus dem Jahr 1963.

- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Nicht, dass sich das gefangene Bild (oder Antibild?) als Tischtennistisch eignen würde, ein Netz ist beim Pingpong allerdings ebenfalls zentral. Als Abgrenzung der Territorien, die während dieses kommunikativen Akts überspielt wird. Dieser Sport ist ja eine Form von Dialog, eine geregelte Auseinandersetzung. Im Idealfall Fair Play. Und Koller war immerhin ein passionierter Tennisspieler. Im Großen wie im Kleinen (Pingpong!). (Witzig: Die zwei handlichen runden Spiegelchen im Souterrain, die sich quasi gegenseitig ihre Spiegelbilder zuwerfen wie Pingpong-Bälle.) Irgendwann hat der Slowake gar Pingpongtische in einer Galerie auf- bzw. AUS-gestellt. Als interaktive Exponate. 

Wer ist mit dem Tüpferl unterm Fragezeichen abgehaut?

Das sind die 500 Glasln auf dem Boden, die man zunächst leicht übersehen kann, auch. (Interaktiv.) Warum? Was soll man mit denen machen? Sie austrinken zumindest nicht. (Sie sind leer, hallo?) In fünf Reihen formieren sie sich zu einem schwungvollen Fragezeichen. (Kollers Markenzeichen, Ausdruck seiner generellen Skepsis. Menschen hat er einmal genauso arrangiert. Als "?".) Völlig schutzlos stehen die Tringläser einem vor den Füßen herum. Nirgends ein Warnhinweis, keine gelbe Linie, keine rote Absperrkordel, kein Annäherungsalarm.

Leicht zu übersehen, wenn man nicht aufpasst: die Welle aus 500 Trinkgläsern. Drum schaut sie längst nimmer so wohlgeformt aus. Aber keine Sorge: Sie ist "interaktiv". ("Nová Váznost (U.F.O.) / New Seriousness (U.F.O.)", konzipiert 1990 von Július Koller.) 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Leicht zu übersehen, wenn man nicht aufpasst: die Welle aus 500 Trinkgläsern. Drum schaut sie längst nimmer so wohlgeformt aus. Aber keine Sorge: Sie ist "interaktiv". ("Nová Váznost (U.F.O.) / New Seriousness (U.F.O.)", konzipiert 1990 von Július Koller.)

- © kunst-dokumentation.com / Manuel, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Da muss man doch drüberstolpern, reinsteigen, was umwerfen. (Eh. Das ist ja grad das Interaktive.) Besonders weil man abgelenkt ist. Von den Collagen geradeaus. Erbsen, Bohnen, eine Orangenhälfte, eine Torte, das wird alles für das "Projekt realistického UFO (U.F.O.) / Project of Realistic UFO (U.F.O.)" jeweils an Bord eines Ufos gebeamt respektive aus einer Lebensmittelverpackung in Ufoform ausgeschnitten, in einen ikonisch ovalen Umriss gequetscht.

Július Koller beim Meditieren: "Meditácia / Meditation (U.F.O.)" (1983). 
- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Július Koller beim Meditieren: "Meditácia / Meditation (U.F.O.)" (1983).

- © kunst-dokumentation.com, Courtesy: Galerie Martin Janda, Vienna

Eigentlich logisch, dass nimmer alle Gläser aufrecht stehen und ein paar bereits zerbrochen sind. Und das Tüpferl unterm Fragezeichen? Hat das jemand mitgehen lassen? Das 501. Glas? Blödsinn. Das hat es nie gegeben. Denn das ist kein Fragezeichen, das ist in Wahrheit eine Welle. Die Leute, die unabsichtlich durchgetrampelt sind, haben sich trotzdem erschreckt (das mit der Interaktivität hatte ihnen schließlich keiner im Vorfeld mitgeteilt) und haben sich reflexartig entschuldigt, befürchtet, sie müssten für den Schaden aufkommen. Oder haben sich darüber aufgeregt, dass sie nicht vorgewarnt worden sind. Doch wie gesagt: Ohnedies kein Problem. (Stichwort: interaktiv.)

Die fragile Grenze, die sich nach und nach verwischt, auflöst, unscharf wird? Eine Gesellschaft im Umbruch? Ein gekonnt subtiler Eingriff auf alle Fälle. Und aktuell wie zur Entstehungszeit (1990).

Sperrig das Ganze? Ja, schon. Aber Kollers Humor (oder Anti-Humor?) erleichtert den Zugang zu diesem komplexen Kosmos voller ??? ungemein. Und der konnte ziemlich visionär sein, sein Humor. Etwa als er sich ausgerechnet einen Gipfel der Hohen Tatra ausgesucht hat, um dort droben eine fiktive Galerie zu eröffnen. Eine Ufo-Galerie natürlich. Die "U.F.O. Galerie Ganek".