Im Jahr 1902 traf Alfred Kubin (1877 bis 1959) Edvard Munch in Berlin und sah in dem nervösen Norweger einen Seelenverwandten. In seiner Kunst gibt es darauf Hinweise durch Munchs weibliche Vampir- und Harpyien-Albträume, die in seiner Druckgrafik ab 1894 das misogyne Frauenbild der Ära Arthur Schopenhauers und Otto Weiningers widerspiegeln, das auch Kubin voll erfasste. Bei ihm ist selbst der Tod weiblich, oft schwanger wie seine schreckliche Vision von "Die Fruchtbarkeit", reitend als Vorbotin des Ersten Weltkrieges oder als schöner weiblicher Tod, eine maskierte Tödin, die den Zeichner aus dem Atelier holt. Unruhige Striche in Tusche wechseln mit Sprühtechnik oder dunklen, nächtlichen Lavierungen, flackernd in "Jede Nacht besucht uns ein Traum".

Bewältigung von Traumata

Kurator Hans-Peter Wipplinger, beraten vom Tiefenpsychologen August Ruhs, der neben Burghart Schmidt und Annegret Hoberg auch im Katalog schreibt, holt zu den internationalen Vergleichen, ausgehend von Francisco de Goya bis James Ensor, der Kubin in seinem Anwesen in Zwickledt bei Passau besuchte, auch die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit und das lange Scheitern in Schule, Akademien und als Soldat mit in die Betrachtungen. Auslöser von Kubins Ängsten waren die frühen Toten, Mutter und Geliebte, aber auch die Verführung als Elfjähriger durch eine schwangere Frau. Auslöser seiner primär in grafischem Schwarzweiß startenden Kunstproduktion war der um 1900 gefeierte Star Max Klinger und dessen fantastischer Grafikzyklus "Paraphrase über den Fund eines Handschuhs" von 1880/81.

Die Menschen gehen sehenden Auges ins Maul des Monsters: "Ins Unbekannte" (ca. 1901). 
- © Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Die Menschen gehen sehenden Auges ins Maul des Monsters: "Ins Unbekannte" (ca. 1901).

- © Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Der Philosoph Burghart Schmidt, der den letzten Text vor seinem Tod über Kubin geschrieben hat, weist auf die Ursprünge des Fantastischen im Manierismus hin und verschweigt auch die Lust an der Angst nicht, die Kubin stets bewusst war als besondere Begabung. Wenn ein exotisch anmutender Ritter in "Das letzte Abenteuer" auf eine Schlangenfrau mir heller Haarmähne stößt, wird es fast ironisch, und auch der hörige Mann ist mit auf ihm reitender Frau ein eher lächerliches Wesen, ganz anders als die aufgeblasenen Sphingen eines Fidus (Hugo Höppner) oder "Die Sünde" des Franz von Stuck.

Monströse Wesen wie aus Alpträumen: "Epidemie" (Blatt 7 aus der Hans von Weber-Mappe, 1903). 
- © Leopold Privatsammlung / Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Monströse Wesen wie aus Alpträumen: "Epidemie" (Blatt 7 aus der Hans von Weber-Mappe, 1903).

- © Leopold Privatsammlung / Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Die Wiener Secession hat Kubin gerne aufgenommen wie auch die Gruppe "Der blaue Reiter" in München. Wirklich dazugehört hat er aber nie. Sein Stil ist zu eigenwillig, seine Verbundenheit zum Literarischen groß. Als Doppelbegabung schrieb er 1908/1909, nach dem Tod des Vaters in neuerlicher Lebenskrise, den düsteren Untergangsroman "Die andere Seite", der durch heutige Krisen wieder Aktualität bekommt. Er illustrierte ihn wie auch die Werke von Gustav Meyrink, Edgar Allen Poe und Wilhelm Hauff.

Von 1912 bis 1940 stand Kubin, nach einer zweiten Ausstellung in München, mit dem "Blauen Reiter" und dabei Paul Klee in Briefkontakt, er kannte Wassily Kandinsky, Gabriele Münter oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando, mit dem er nach Dalmatien reiste.

Begegnung mit dem Entsetzen: "Das Grausen" (um 1902). 
- © Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Begegnung mit dem Entsetzen: "Das Grausen" (um 1902).

- © Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Sümpfe und Gespenster

Nach dem ersten Schaffensrausch geriet Kubin wieder in eine Krise. Koloman Moser inspirierte ihn dann zu einer neuen Technik, der nun auch Farben einbeziehenden Kleisterfarbenmalerei, mit der Kubin neue Tiefsee- und Flugmonster schuf. Sie haben Bezüge zu Odilon Redon, die sündhaften Frauen zu Stuck, Gustav Klimt oder Félicien Rops. Bis zuletzt sind der Sumpf und tiefe Wasser als undurchdringlicher weiblicher Bereich (nach Johann Jakob Bachofen und später Klaus Theweleit) Kubins Themen, obendrein, wie bei Karl Mediz oder Fernand Khnopff, die Nacht der Gespenster. Dazu kommen die Zerstörung von Städten und das sinnlose Treiben von Menschenmassen in den Tod: "Ins Unbekannte" oder "Das Zeichen" zeigen sie wie Lemminge dahintreibend ins Dunkel oder in das Maul eines Drachens: der Mensch als "Der Narr der Welt".

Auch Farben nützt Alfred Kubin nur zur Darstellung seelischer Düsternisse: "Der Tod als Reiter" (1906). 
- © Leopold Privatsammlung / Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Auch Farben nützt Alfred Kubin nur zur Darstellung seelischer Düsternisse: "Der Tod als Reiter" (1906).

- © Leopold Privatsammlung / Leopold Museum / Eberhard Spangenberg / Bildrecht, Wien 2022

Sogar "Unser aller Mutter Erde" hat über ein Dutzend Männer geköpft, ein einsamer Mensch rast auf einer Art Hochschaubahn nackt ins Nichts. Vor einem Schiff in hohem Seegang taucht ein riesiger Totenkopf mit einem noch größeren linken Augapfel auf. In der Hans-von-Weber-Mappe des Leopold Museums gibt es zudem das Blatt "Epidemie" von 1903. Kubins letzte Freundin Emmy Haesele zeigt sich zudem als interessante Fotografin um 1935. Ein weiter Blick auf großen österreichischen Pessimisten.