Der Ausstellungstitel verheißt ja schon einmal Visionäres: "A World Beyond." Wie der Science-Fiction-Film aus dem Paralleluniversum namens Disney World? Wo das Tomorrowland die Heimat einer "besseren Zukunft" sein soll? George Clooney habe ich allerdings nirgends in der Galerie Gans gesichtet. Oder einen humanoiden Roboter. Weder auf den Leinwänden und den auf Holz kaschierten Papieren von Robert Bosisio noch auf Peter Niedertscheiders Flachreliefs.

Andererseits: Der Witz an einem Androiden oder der weiblichen Form von diesem, einem Gynoiden, ist es doch gerade, dass man ihn von einem "richtigen" Menschen nimmer so leicht unterscheiden kann. Eine komplexe Vielschichtigkeit zeichnet jedenfalls das Werk der beiden Künstler aus, die die Schaulust mit ihren an sich klassischen Motiven (Figuratives und Architektonisches) jeweils auf ihre Weise wecken. (Und sie vor allem wachhalten.) 

Das Weiche muss man sich hart erarbeiten

Eine Welt jenseits. Jenseits wovon überhaupt? Jenseits des Raumteilers zum Beispiel. Oder hinter einem Schleier des Mysteriösen, der sich mit zunehmender Entfernung des betrachtendes Auges mehr und mehr lüftet, freilich niemals komplett. Robert Bosisios atmosphärische Malerei unter dem zart glänzenden Alkydharz-Firnis ist tatsächlich ein diffuses Drüben, ein diesiges Jenseits, das sein Geheimnis nie völlig enthüllt, sich einen letzten Rest davon stets bewahrt. Manchmal öffnet sich sogar eine Tür in diese parallele Welt, in diese kontemplativen Gefilde.

Scharf gemalte Unschärfe von Robert Bosisio. 
- © Galerie Gans

Scharf gemalte Unschärfe von Robert Bosisio.

- © Galerie Gans

Ja, warum sind die Bilder des Südtirolers eigentlich unscharf? Seine Antwort: "Sie sind gar nicht unscharf. Die Pinselstriche sind scharf." Nachsatz: "Es ist eine scharfe Unschärfe." Also nicht wie beim Gerhard Richter in seiner "Abmal"-Phase, die geprägt war von einem verschwommenen oder eher verwischten Fotorealismus. Okay, Bosisios Ölgemälde sind vielleicht nicht unscharf, aber sie sehen definitiv so aus. Selbst wenn der Pinsel total fokussiert ist. Und diese nebulose sinnliche Weichheit ist hart erarbeitet. Mit "ganz, ganz vielen Schichten".

Noch dazu wird die Leinwand mitten im Malprozess vom Keilrahmen abgenommen, zerknittert und wieder aufgespannt. So kriegt die Fläche, die förmlich vibriert, Struktur. Zufallsfalten. Und abschließend wird mitunter noch mit einem Sprühregen abgeschmeckt, nieselt es etwa schwarzen Kaffee (der selbstverständlich in Wahrheit braun ist, sonst würde er ja grau werden, wenn man Milch hineinschüttet), bevor quasi der Nebel, das Sfumato, die ruhige Stimmung, mit einem synthetischen Harz und einem dezenten Glanz versiegelt wird. Licht und Schatten führen hier eine dramatische symbiotische Beziehung, ergänzen und tratzen einander, sind konfliktreich harmonisch verbunden. Sind "wie Yin und Yang", wie der Maler es beschreibt, der die Abwechslung schätzt und die transparente lichte Leichtigkeit gekonnt mit einer sich verdichtenden düsteren Schwere kontrastiert. 

Die Mickymaus ist trotzdem nicht mit Wim Wenders verwandt

Bosisio führt uns generell gern hinters Licht (oder Alice hinter den beschlagenen Spiegel), lässt uns rätseln. Mandl oder Weibl? Spielt mit Ambivalenzen. Würde einen der Bildtitel nicht darüber aufklären, dass man es mit dem Porträt einer Person mit einer Pigmentstörung zu tun hat ("Albino"), sähe man keinen weißen Schwarzafrikaner, sondern einen äußerst blassen Weißen. Und wegen der roten Haare eventuell einen Iren.

Schaust du noch oder siehst du schon? Nicht jeder erkennt, wen oder was Robert Bosisio hier gemalt hat. Titel gibt's ebenfalls keinen, der es einem verraten könnte. (Auflösung im Artikel.) 
- © Galerie Gans

Schaust du noch oder siehst du schon? Nicht jeder erkennt, wen oder was Robert Bosisio hier gemalt hat. Titel gibt's ebenfalls keinen, der es einem verraten könnte. (Auflösung im Artikel.)

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Ein Opus, bei dem einem kein Titel die Lösung einsagt (was ohnedies der Regelfall ist), sorgt für wilde Spekulationen. Fast eineinhalb Quadratmeter Mysterium. Ein bei der Vernissage anwesender Künstlerkollege tippt auf "die linke Hand von der Mickymaus, sich auf einer Couch abstützend". Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Doch nun, wo er’s sagt . . .

Das ist ein "Albino" (2017/2022), stellt der Bildtitel klar. Und das titellose "Loch" links davon? Ein Nabel. Beides gemalt von Robert Bosisio. 
- © Galerie Gans

Das ist ein "Albino" (2017/2022), stellt der Bildtitel klar. Und das titellose "Loch" links davon? Ein Nabel. Beides gemalt von Robert Bosisio.

- © Galerie Gans

Gut, der Martin Krammer ist Designer (nebst seiner bildhauerischen und malerischen Tätigkeit). Der sieht vermutlich überall Möbel. Und hat er recht mit der Mickymaus? Nicht ganz. Es handelt sich vielmehr um die Tochter der Tochter des Bruders von Wim Wenders. Und das ist nicht ihre Hand, das ist die untere Hälfte ihres Gesichts. Ein auf der Seite liegendes Kinderköpfchen demnach. Ja, die fehlende bzw. von einem Schatten gefressene Nase irritiert ein wenig. Womöglich deshalb die Mickymaus. Momenterl: "Der" Wim Wenders? Der Regisseur von "Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin"? Genau. Der. "Wim Wenders ist mein größter Sammler", erläutert Bosisio, der lange in Berlin gelebt hat.

Nicht, dass man einen Titel als Krücke immer bräuchte. Den mit zärtlicher Hingabe in seiner erotischen Nacktheit und Wärme geschilderten weiblichen Oberkörper, der sich aus der Finsternis schält und wölbt, erkennt man auf Anhieb. Das kleinste für bildwürdig befundene Körperdetail sowieso, dieses unzweideutige Bildnis einer Intimregion: des Nabels nämlich. In den kann man sich wirklich meditativ versenken.

Fast so intim wie Gustave Courbets "Der Ursprung der Welt": Robert Bosisios Nabel (2022). 
- © Galerie Gans

Fast so intim wie Gustave Courbets "Der Ursprung der Welt": Robert Bosisios Nabel (2022).

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Dieser winzige geschlechtsneutrale Punkt, diese rundliche, plastisch gemalte Vertiefung, in der sich die Dunkelheit konzentriert und die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht wie ein schwarzes Loch, macht aus einer abstrakten, feinsinnig monochromen Malerei eine realistische, fleischliche, verwandelt das auf eine Holztafel montierte Papier in Haut.

Ob diese witzigerweise auf Bauchhöhe gehängte Mischtechnik Bosisios Antwort auf Gustave Courbets pikanten Unterleibsakt ist, auf dessen Skandalbild "L’Origine du monde"? Entdeckt er, nachdem der Franzose zwischen lasziv gespreizten Frauenbeinen den Ursprung der Welt verortet hat, im Zentrum des Bauches das Wunder des Lebens? Hab ihn nicht gefragt.

Und weshalb ist eine Galeriewand plötzlich grau? Weil sie extra für den Peter Niedertscheider so gestrichen wurde. Damit seine Marmor- und Kalkstein-Reliefs mit ihrer delikaten Farbigkeit besser zur Geltung kommen als vor einem bleichen Weiß, das sie zu absorbieren versucht. 

Die Kunstgeschichte zeigt ihre Muskeln

Der eine übersetzt also Fotos (selbstgemachte und aufgeschnappte) in Malerei, ohne mit dem Pinsel jedoch zu fotografieren, der andere, 1972 in Lienz geboren, wo er nach wie vor wohnt, geht von der Zeichnung aus und zeichnet dann wiederum wie ein Bildhauer. ("Ich verwende den Meißel wie einen Bleistift.")

Peter Niedertscheider räumt seine Raumteiler so ordentlich ein wie Mondrian SEINE Raster. Nur halt nicht mit Primärfarben. Hier: Untersberger Marmor. 
- © Galerie Gans

Peter Niedertscheider räumt seine Raumteiler so ordentlich ein wie Mondrian SEINE Raster. Nur halt nicht mit Primärfarben. Hier: Untersberger Marmor.

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Neuerdings legt sich ein Raster über die zentralperspektivisch konstruierten Interieurs des Osttirolers, trennt Letzterer, der an der Angewandten in Wien bei Hrdlicka und Kowanz studiert hat, seine fiktiven Wohnzimmer mittels Raumteilern vom realen Galerieraum (oder dem des potenziellen Käufers, der potenziellen Käuferin). Wie ein Voyeur (no na, Betrachter sind Voyeure) spechtelt man durch die mit diversen Dekoartikeln und Büchern lose gefüllten Regale ohne Rückwand. (Die Arbeiten des Südtirolers daneben haben ja ebenso ein bissl einen Sichtschutz, ihre Privatsphäre. Durch die Unschärfe, die keine ist.)

Da ist wohl einer ordnungsliebend wie Mondrian. Nur dass der Niedertscheider keine Primärfarben in seine Gerüste einschlichtet wie der niederländische Konstruktivist und Konkrete Künstler, bei ihm sind’s Pflanzen, die aufs Topferl gehen (sogenannte Topfpflanzen), Gläser, Obstschalen oder – alte Bekannte. Wie Michelangelos David, der Barberinische Faun (ein schlaftrunkener antiker Satyr) oder die Venus von Milo, die umgekippt ist, sich hingelegt hat, weil sie anscheinend auch trunken war, müde. Souvenirs aus Museumsshops, die das aktuelle Werk mit der altehrwürdigen Kunstgeschichte verknüpfen, die Gegenwart des Materials (Stein) mit dessen Vergangenheit. Jeder Muskel von dieser Vergangenheit wird ausformuliert in diesem Zwischenreich zwischen Flachware und Skulptur. 

Das Hinten ist eh auch vorne

Mit unglaublicher Raffinesse verschränkt Niedertscheider schabend, kratzend, meißelnd die verschiedenen Ebenen, 2 und 3D, abstrakte Geometrie und Realismus, lässt das Vorne und Hinten verschmelzen. Sitzt die junge Frau auf dem Sofa oder ist sie eine Figurine im Regal? Auch sonst wird die Szene im Illusionsraum dahinter von den Waagrechten und Senkrechten im Vordergrund zerstückelt, portioniert. Frau mit Hund wird als intimer Moment eingerahmt. Ein wahrer Könner. Präzisionsarbeiten ("Man schlägt nicht so", und er holt mit dem Arm weit aus, "man schlägt mit vielen kleinen Schlägen"), die trotzdem nicht seelenlos sind.

Da nutzt einer nicht bloß den Stauraum optimal, er holt aus dem Stein außerdem alle Töne heraus: Relief von Peter Niedertscheider. 
- © Galerie Gans

Da nutzt einer nicht bloß den Stauraum optimal, er holt aus dem Stein außerdem alle Töne heraus: Relief von Peter Niedertscheider.

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Hat er die Dinger übrigens eingefärbt? Weiß gehöht? Nein, sämtliche Beige- und Weißtöne, hat er aus dem Stein rausgeholt. Rausgeschliffen. "Das kann man ein bissl vergleichen", erklärt der Künstler, "mit einem Stein, den du ins Wasser legst. Dann wird er dunkel." Abgesehen davon, dass ein haptisches Relief außerdem noch echte Schatten wirft. Dass das echte Licht mitmodelliert.

Ein Relief verzichtet auf den Raumteiler. Rahmen gibt’s dennoch einen: um Botticellis "Beweinung Christi" herum. Und man schaut da drei Besuchern der Alten Pinakothek in München beim Betrachten dieses Gemäldes aus der Frührenaissance zu. Und wie hat der Niedertscheider den Botticelli so malerisch hingekriegt? Modernste Lasergravur. Der Laser hat den Botticelli geradezu gepinselt. Er ist Botticelli. Und ich bin begeistert.