Walter Pichler, das war doch dieser Häuslbauer. Der für seine Skulpturen – na ja, eben Häusln gebaut hat. Behausungen errichtet. Und seine Tochter, Anna Tripamer, und Galerist Thomas Krinzinger haben jetzt eine materialreiche, aber nicht überfüllte, sondern durchaus übersichtliche Schau zusammengestellt, die den Fokus auf die 1960er und 70er Jahre des Gratwanderers zwischen Skulptur und Architektur legt: "Walter Pichler."

Der Untertitel verheißt "Prototypen, Skulpturen, Zeichnungen". Die Fotos unterschlägt dieser allerdings, auf denen der 1936 im Südtiroler Deutschnofen geborene und 2012 in Wien verstorbene Architekt, Bildhauer und Gestalter von Büchern in seinen Kosmos voller Prototypen abtaucht und sich mit ihnen in einer symbiotischen Beziehung inszeniert. Sich den technoid futuristischen "TV-Helm" aufsetzt, beispielsweise. Dieses "tragbare Wohnzimmer". Utopisch. Oder dystopisch? Eine visionäre Gesellschaftskritik? Eine televisionäre? Heute zieht man sich halt mit der VR-Brille in seine Parallelwelt zurück. In eine virtuelle Privatsphäre. 

Der Weltraumflaneur ruht sich galaktisch aus

Kosmonaut? Nein, Walter Pichler. Mit einem Helm, der nicht für den großen Weltraum gedacht ist, sondern SELBER ein Raum ist: "Kleiner Raum (Prototyp 4)", 1967. 
- © Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Kosmonaut? Nein, Walter Pichler. Mit einem Helm, der nicht für den großen Weltraum gedacht ist, sondern SELBER ein Raum ist: "Kleiner Raum (Prototyp 4)", 1967.

- © Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Und der leibhaftig anwesende "Prototyp 1" aus Aluminium und verchromtem Messing ginge locker als Stehtischerl aus der Zukunft durch. Bzw. als Glasabstellfläche für die Stehparty in einer zukünftigen Vergangenheit. Ein isoliertes Detail dieses Urprototypen wiederum, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem künstlichen Gelenk hat, wurde, und das belegen die Beweisfotos an der Wand, mit Verbandszeug umwickelt. Als wäre das ein Prototyp für den Wiener Aktionismus. "Da wird’s sehr wienerisch", soll ein Besucher das kommentiert haben. Und die Wiener haben/hatten anscheinend einen Hang zum Verarzten.

Der spacige "Galaxy Chair". Darf man auf dem science-fiction-film-tauglichen Möbel Platz nehmen? Schließlich steht der Stuhl auf keinem Podest, vielmehr auf derselben Ebene wie man selber. Wie eine unausgesprochene Aufforderung. ("Setz dich!") Lisa Pehnelt von der Galerie Krinzinger: "An sich sollte man’s eher nicht." Nachsatz, der ebenfalls fast wie eine Einladung ans Sitzfleisch geklungen hat: "Aber wenn wir’s ned sehen, kömma nix machen."

Dass den Abdruck in der roten Lederpolsterung der Alexej Leonow hinterlassen hätte, wäre jedoch ein verlockender Gedanke. Dass jener Kosmonaut also, der am 18. März 1965 als erster Mensch im All ausgestiegen ist (aus einem Raumschiff, aus der Woschod 2), sich just auf diesem Exemplar des "Galaxy Chairs" niedergelassen hätte. Eine fotografische Abbildung in einer der "Schmökervitrinen" zeigt die zwei Legenden jedenfalls vereint: den galaktischen Stuhl und den Weltraumspaziergänger. Der Begleittext präzisiert, diese historische Sitzung hätte "anläßlich einer Ausstellung der ersten UNO-Weltraumkonferenz in Wien (August 1968)" stattgefunden.

Und was kann "Prototyp 7" (1967)? Auf jeden Fall zusammen mit seinem Schöpfer Walter Pichler eine gute, möglicherweise nicht ganz jugendfreie Figur machen. 
- © Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Und was kann "Prototyp 7" (1967)? Auf jeden Fall zusammen mit seinem Schöpfer Walter Pichler eine gute, möglicherweise nicht ganz jugendfreie Figur machen.

- © Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

In einem ORF-Beitrag von 1967 über eine skulpturenparkmäßige Freiluftpräsentation diverser Objekte im Rahmen der damaligen 10. Kapfenberger Kulturtage (auf einem Monitor in der Galerie zu konsumieren, aber auch auf Vimeo: https://vimeo.com/541577046) werden Hans Hollein und Walter Pichler vor ihren imposanten pneumatischen Gebilden zu ihrer radikalen, gattungsübergriffigen Auffassung von Architektur interviewt.

Ersterer schwärmt vom Haus aus dem Kofferraum ("Ich kann praktisch ein ganzes Bauwerk in den Kofferraum eines Autos stecken und jederzeit irgendwo mit Hilfe einer Pressluftflasche wieder aufblasen und hab also eine, wie wir hier sehen, eine acht Meter hohe Säule, die in eine Aktentasche hineingeht."), während der Walter Pichler im Innern seines betretbaren "Prototypen 3", einer Kugel aus PVC-Folie, über die wünschenswerte Kurzlebigkeit seiner Konstruktion sinniert: "Ich finde, dass eigentlich Sachen, die sehr lange dauern, ganz uninteressant sind. Sie sollen eine gewisse Action zeigen, am Anfang, und dann sollten sie eigentlich vernichtet werden." Zum Glück war er später offenbar nimmer dieser Meinung. Oder hat sich das mit der Vernichtung zumindest verkniffen. 

Die Männlichkeit pflügt die Geschichte

Und weiter mit den frühen 70ern, wo einen die weiße Baumwolle mit den ausgebreiteten "Armen", der der Künstler sein Blut gespendet hat, reflexartig an den Hermann Nitsch und sein Orgien-Mysterien-Theater denken lässt. Die Blutung auf dem "Hemd" ist freilich weniger exzessiv, schweift nicht aus. Bleibt auf die linke Brusthälfte beschränkt, mehr oder weniger auf die Herzregion.

Auch Walter Pichler hatte offenkundig eine aktionistische Ader. Und die hat für diesen "Reliquienschrein (Beschreibung einer Reiseroute)", 1971, Blut gespendet. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Auch Walter Pichler hatte offenkundig eine aktionistische Ader. Und die hat für diesen "Reliquienschrein (Beschreibung einer Reiseroute)", 1971, Blut gespendet.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Und es ist sicher kein Zufall, dass genau da eine Karte der drei Amerikas (Nord-, Mittel- und Süd-) angebracht ist, um unter anderem auf die Lage der Indigenen zu verweisen. Und warum hat der Walter Pichler diesen auf dem Boden liegenden flachen Glasbehälter mit Inhalt "Reliquienschrein (Beschreibung einer Reiseroute)" genannt? Welche Reise denn? Reise-n. Die, die er während seiner New Yorker Zeit (1963/66; davor war er für länger in Paris gewesen) etwa nach Mexiko unternommen hat.

Dieses potenzprotzige Strohmanderl von Walter Pichler ist definitiv kein Pazifist: "Reliquie (Interpretation einer Aggression)", 1970. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Dieses potenzprotzige Strohmanderl von Walter Pichler ist definitiv kein Pazifist: "Reliquie (Interpretation einer Aggression)", 1970.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Noch eine "Reliquie". Diesmal eine unzweideutige. Ein Y aus Stroh (nicht unbedingt, weil Männer über ein Y-Chromosom verfügen; die Schenkel des Ypsilons sollen die Beine sein) mit einer martialischen Erektion, die sich steif macht wie ein Pflug. Der erläuternde Titelzusatz in Klammern ("Interpretation einer Aggression") verwundert nicht. Friedlich schaut das Strohmanderl mit seiner metallenen Penisrüstung ja definitiv nicht aus. He, ist das ein Hakenkreuz auf dem Harnisch? Allerdings eine Swastika mit nach links abgewinkelten Armen. Nichtdestotrotz: ein diskreter (obwohl: sooo diskret auch wieder nicht) Seitenhieb auf den Nazi-Blut-und-Boden-Männlichkeitskult? 

Kunst mit Rückgrat

Spannend (wegen der gespannten Drähte sowieso): die "Fundstücke aus Kreta" (1970) von Walter Pichler. (Wobei: Die Hörner unten soll ja eigentlich Sir Arthur Evans entdeckt haben.) 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Spannend (wegen der gespannten Drähte sowieso): die "Fundstücke aus Kreta" (1970) von Walter Pichler. (Wobei: Die Hörner unten soll ja eigentlich Sir Arthur Evans entdeckt haben.)

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Überhaupt geht’s da recht kultisch zu. Einmal gar mit sichtlich konzeptuellem Humor, wenn zwei "Fundstücke aus Kreta" in separaten museal beschrifteten Vitrinen miteinander kommunizieren: die "Hörner von Knossos, ca. 1600 v. Chr., gefunden von Sir Arthur Evans" und der "Aluminiumhaken, 20. Jhdt, gefunden von Walter Pichler". Und Kunst ist sowieso des Finders Lohn. Besonders beim Readymade. Schon allein, den einen Glaskasten mittels straff gespannter Drähte über dem anderen schweben zu lassen, der derweil erdschwer auf einem klassischen Sockel ruht, ist grenzgenial. Zeugt von Pichlers Fähigkeit, es in aller Ruhe und Ausgewogenheit (und im doppelten Wortsinn) spannend zu machen.

Das Ende führt bereits auf den Bauernhof in St. Martin an der Raab im Burgenland, den Pichler 1972 erworben hat, den idealen Ort, um seine Skulpturen architektonisch zu rahmen, zu beheimaten. Aus Holz, Lehm, Metall und Zeit (und mit großer Akribie und handwerklichem Können) sind die sich ergänzenden Gegenstücke "Grat" (1972) und "Schlucht" (25 Jahre jünger) gefertigt worden. Das eine eine Mischung aus menschlichem Rückgrat und landschaftlichem Bergrücken, das andere ausgehöhlt, ein enges Tal mit steilen Hängen.

Überall gibt’s in dieser Ausstellung was zu entdecken, kann man mit den Blicken wo herumstochern. Oder Blätter damit abtasten. (Skizzen, in denen sich die Linie suchend an die Form herantastet, akkurate Pläne, auf denen die Idee ausgereift ist, Zeichnungen mit künstlerischem Anspruch, die selbst ohne Projekt bestehen können.)

Walter Pichlers Skulptur "Grat" (wie das, was Mensch und Gebirge auf dem Rücken haben) zwischen der "Zusammengesetzten Figur" von 1999 (Schokokopf von Dieter Roth, Körper von Walter Pichler) und passender Zeichnung ("Der nächste Plan", Anfang 1990er Jahre). 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Walter Pichlers Skulptur "Grat" (wie das, was Mensch und Gebirge auf dem Rücken haben) zwischen der "Zusammengesetzten Figur" von 1999 (Schokokopf von Dieter Roth, Körper von Walter Pichler) und passender Zeichnung ("Der nächste Plan", Anfang 1990er Jahre).

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Nachlass Walter Pichler und Galerie Krinzinger

Sogar zwei Künstler lassen sich in nur einer Schokolade erkennen: der Walter Pichler, den die Schokoladenbüste mutmaßlich darstellt (und der ihr einen Holzkörper verpasst hat), und der Dieter Roth, der sie gemacht hat (und der bekannt war für seine Kunstobjekte aus vergänglichen, veränderlichen Substanzen wie Schimmel oder eben – Schokolade).