Die vielbesungene Gemütlichkeit Wiens ist ein, so denkt man, plattes Klischee. Aber wenn man so durch die neue Ausstellung des Wien Museums im MUSA schlendert, könnte man auf die Idee kommen, dass doch etwas dran ist. Das mag daran liegen, dass ein Gutteil der Objekte in "Augenblick! Straßenfotografie in Wien" aus einer Zeit stammen, in der nicht nur Wien, sondern auch der Rest der Welt langsamer war. Die ältesten Exponate stammen immerhin aus den 1860er-Jahren. Zwischen 1905 und 1911 hat Emil Mayer das Foto von einem Verkehrspolizisten aufgenommen: Helm auf, Säbel umgeschnallt, Hand erhoben, ein müder Kutscher schaut ihn an. Das einzige, was sich hier bewegt, ist eine Fahne im Hintergrund. Auf anderen Fotos ist freilich ein anderer Blick auf die Metropole eines Vielvölkerstaates zu sehen: etwa - wieder von Emil Mayer - eine bummvolle Tram, in die immer noch Menschen hineindrängen, eine elegante Dame sitzt neckisch am Sprießl. Nimm das, Tokio.

Schaufensterschauer

Die Schau folgt nicht streng dem in den 1930er, 40er Jahren in den USA geprägten Begriff der Street Photography, sondern erweitert ihn. Die Wiener Straßen mit oder ohne jene, die sie bevölkern, spielen die Hauptrolle. Es gibt verschiedene Themenbereiche, etwa die schon erwähnte langsame oder eben nicht langsame Stadt. Hier sind solche Highlights zu sehen, wie der von Franz Hubmann 1954 eingefangenen Gummibaumtransport in einem Kinderwagen auf einer gerade einmal von einem Motorroller befahrenen Straße in Unterdöbling.

Ein Gummibaum auf Reisen von Franz Hubmann 1954. 
- Sammlung Wien Museum © Franz Hubmann / Imago / picturedesk.com

Ein Gummibaum auf Reisen von Franz Hubmann 1954.

- Sammlung Wien Museum © Franz Hubmann / Imago / picturedesk.com

In einem anderen "Kapitel" sieht man den Menschen beim Schauen zu. Ein beliebtes Motiv ist über die Jahrzehnte der Blick auf Leute, die in Schaufenster blicken. Ob es nun Anfang des 20. Jahrhunderts eine Menschentraube vor einem Feinkostgeschäft ist, in der Ananas in der Auslage gestapelt sind (Emil Mayer). Oder ob es 100 Jahre später zwei elegante ältere Damen sind, die in ein Fenster linsen, in dem sich Plüschtiere stapeln (Harry Weber).

Historie macht sich fast beiläufig in den Fotos bemerkbar, etwa in den berührenden Aufnahmen von Ernst Haas von der Ankunft von Kriegsheimkehrern in den 50ern. Da gibt es eine von einer Frau, die erschrocken die Hand vor den Mund hält - der von ihr Erwartete scheint stark verändert zu sein. Eine andere zeigt zwei freudig erregte Frauen, die eine wischt schon aus dem Bild in Richtung lange Vermisstem. Und eine dritte hält die Hand resigniert an die Wange - dieser Zug hat ihr wohl niemanden gebracht. Drei Fotos über das Schicksal einer Generation.

Auch der Teil, in dem die Schrift der Stadt im Fokus steht, holt die Geschichte subtil ins Jetzt. Etwa mit dem Foto aus dem Jahr 1945, auf dem eine Hauswand mit dem Spruch "Sieg um jeden Preis" "verziert" ist, davor liegt ein kriegsmüder Straßenpoller, der nicht mehr so ganz an diesen Sieg zu glauben scheint. Sonst in diesem Bereich zu sehen: Pornokino-Ankündigungen, festgehalten von Bodo Hell ("Uraufführung Immer geil") und die lückenlos plakatierte Brücke am Tiefen Graben (Victor Angerer). Dort warb man 1903 für den dalmatinischen Rotwein "Adriaperle" ("Blutarm?") und, wenn der nichts hilft, für Grab- und Gruftmonumente. Fotografiert werden sollte wohl die Menschenmenge auf der Brücke, aber der Zufall macht, wie oft auf diesen Fotos, das Bild zu einem mehrschichtigen Zeitdokument.

Noch nie gesehene Fotos

Die Kuratoren Frauke Kreutler und Anton Holzer haben von den 1,3 Millionen Objekten der Fotosammlung des Wien Museums circa 75.000 in der Vorbereitung in der Hand gehabt, 180 sind es dann geworden. Berühmte Namen sind natürlich vertreten, neben Hubmann und Haas Erich Lessing, Elfriede Mejchar, Edith Tudor-Hart, aber auch ganz neue, bisher unbekannte Namen, viele Fotos wurden noch nie zuvor gezeigt. Die Ausstellung lässt einen von den üblichen Verdächtigen wie Prater und Kaffeehaus zu Abseitigerem wie der Simmeringer Haide durch die Jahrzehnte flanieren. Ein gelungenes Konzept, das schließlich noch mit der Domäne der heutigen Straßenfotografie abgeschlossen wird - Instagram. Da gibt es auch einen Wettbewerb, man kann mit dem eigenen "Straßengram" via Hashtag "Augenblick2022" teilnehmen. Weil dieser schon länger läuft - die Schau wurde pandemiebedingt verschoben -, ist auch davon bereits eine Auswahl zu sehen. Da gibt es auch ein Pendant zu Hubmanns Gummibaumreise: Ein Einkaufswagerl mit zwei Bäumen rattert wacker über den Margaretengürtel.