Die hat aber wirklich keine Manieren, diese Ina Loitzl. Zeigt die einem doch glatt zur Begrüßung die Zunge. Ach was, Zunge-n. Gleich mehrere davon. Dabei bin ich eh total auf ihrer Seite. Schon allein, weil ich eine Frau bin und definitiv kein Macho. (Nicht, dass alle Männer Machos wären und sämtliche Frauen Feministinnen.) Oder eigentlich streckt ja die Wand diese Schleck- und Sprechmuskeln heraus. Wie Trophäen sind diese nämlich im Vorraum der Galerie vom Georg Peithner-Lichtenfels montiert.

Keine echten natürlich. Wieso "natürlich"? Als ob ein Präparator/eine Präparatorin die Dinger nicht ausstopfen könnte. Bei diesen Exemplaren (übermenschlich groß, eher wie aus dem Maul einer Kuh, und beinah obszön rot) handelt es sich trotzdem um (okay, ebenfalls ausgestopftes) Lackgewebe. Sogar die Papillen hat die Künstlerin einzeln (und eigenhändig) angenäht. Na ja, Knöpfe halt. Lauter Zeugen ihrer Liebe zum Detail. 

Und die Galerie ist ja doch ein Streichelzoo

Das in der Mundhöhle lauernde, schleimige muskulöse Organ ist vielleicht auch nur ein kleines Detail, ein unscheinbares, dafür ein umso größeres Tabu. Entsprechend hat Loitzl der Kirche (konkret: der Breitenfelder Pfarrkirche in der Josefstadt) einmal ein drei Meter langes Detail präsentiert. Noch dazu hat sie es hinterm Pfarrer aufgehängt. Als stummen Kommentar dazu, dass die Zunge zwar ein Unisex-Körperteil ist, die weiblichen Gläubigen sie freilich nicht gleichermaßen nutzen dürfen wie die männlichen. Die haben in der römisch-katholischen Kirche zumindest nichts zu sagen, nichts zu predigen. (Loizl: "Man müsste die Frauen mehr ranlassen.")

Zu schön für den Mund: Ina Loitzls Sprech- und Schleckmuskel-Kollektion "Zungenspiel" (2019). 
- © Ina Loitzl

Zu schön für den Mund: Ina Loitzls Sprech- und Schleckmuskel-Kollektion "Zungenspiel" (2019).

- © Ina Loitzl

Am 14. Mai hat die Textil-, Performance-, Video-und-und-und-Künstlerin nun einen runden Geburtstag gefeiert, was nicht heißt, die Geburtstage zwischen den runden wären eckig. (Die Torte ist schließlich in der Regel rund. Ganz egal, wie alt man gerade wird.) Außerdem zeigt die Ausstellung zum Fünfziger, die ein bissl zurückblickt, über weite Strecken jedoch in der Gegenwart bleibt, neben Rundem (den "Ovalesken" zum Beispiel, ovalen "Cutouts") jede Menge Eckiges und organisch Geformtes.

Vielschichtige blumige Scherenschnitte (Kreuzungen zwischen dem Pflanzenreich und dem der Fleischeslust, wo Eierstöcke in eine dekorative, arabesk vegetabile Üppigkeit hineinwuchern, zum opulenten Gewächs werden, zum Lebensbaum mit unerschöpflicher Fruchtbarkeit), Trickfilme, Collagen, Stickgrafiken (Stickgrafiken? Genau. Zeichnungen auf Papier mit Nadel und Faden) und Plastisches gruppieren sich zu barocker Sinnlichkeit. Und Letzteres (das Plastische) ist bereits dem Anschein nach knuddelig weich.

Trockentauchen mit den Tintenfischen? Und an der Wand: florale Cutouts und Glitterdrucke. Alles von Ina Loitzl. 
- © Ina Loitzl

Trockentauchen mit den Tintenfischen? Und an der Wand: florale Cutouts und Glitterdrucke. Alles von Ina Loitzl.

- © Ina Loitzl

Eine Galerie mag normalerweise kein Streichelzoo sein, hier juckt’s einen allerdings ständig in den Fingern. Selbst mancher Bilderrahmen flirtet ungeniert mit dem Gelegenheitsgrapscher, weil das werden vermutlich nicht in Wahrheit gut gepolsterte Knautschzonen für Kurzsichtige sein, oder? Drum die Frage an die vielseitige Und-und-und-Künstlerin: Darf man ihre Sachen angreifen? Antwort: "So wie man selber angegriffen werden möchte." Sie hat das noch präzisiert, weil das kann ja viel heißen: "Eher sanft. Wie wenn man jemanden kennenlernt." 

Tauchen mit den Oktopussys

Na dann. Muss man beim Tauchen mit den Tintenfischen (und die gehören immerhin zu den Mollusken, zu den Weichtieren, wohlgemerkt) wenigstens nicht die Griffel bei sich behalten. Kann man also ruhig zugreifen. Tauchen? Keine Angst, die Schnorchelausrüstung kann man getrost daheimlassen. Nicht einmal nass wird man (bloß wenn man schwitzt). Denn die geheimnisvollen Tentakelwesen (Oktopusse, Oktopussys und eine regelrechte Okto-Tussi) hängen lediglich an Schnüren vom Plafond. (Die hängen noch am Angelhaken? Nein.) Im norwegischen Alvik, wo die Ina Loitzl diesen April Artist, Tschuldigung: Artistin in Residence war, hat ihre Fantasie jedenfalls Kuschelkraken aus den 800 Meter tiefen Fjorden gefischt. Fangfrische Norweger demnach.

Zweideutig und zu zweit: diese Cutouts auf transparentem Grund (2021 und 2022) von Ina Loitzl. 
- © Ina Loitzl

Zweideutig und zu zweit: diese Cutouts auf transparentem Grund (2021 und 2022) von Ina Loitzl.

- © Ina Loitzl

He, jetzt verstehe ich das mit den Zungen erst. Warum sich die einem dermaßen penetrant, geradezu anlassig, entgegenstrecken. Die soll man als Begrüßungsritual (so wie man in der Kirche die Finger ins Weihwasser tunkt und sich bekreuzigt) wohl kraulen. Oder kitzeln. Von einem Zungenkuss ist hingegen aus hygienischen Gründen Abstand zu nehmen.

Die Ina Loitzl ist, wenn man so will, eine Feministin mit der Schere. Wobei sie ihre Scherenschnitte, die "Cutouts", streng genommen mit dem Messer herstellt, einem überaus scharfen. Die akkuraten Schnitte verdichten sich da zu aufwändigen Suchbildern, die filigran sind wie Spitzendeckerln. Und gern lauert unter der romantischen Spitze das Arsen, unter dem spießigen Kitsch der boshafte Witz. Oder eben eine Giftpflanze. Oder – Hoden. Weil Loitzl mit denen ihren Rasen gedüngt hat. Ihren Kunstrasen. Aus ziemlich maskulinen Knollen lässt sie das blühende Leben sprießen. Spechtelt den Blumen quasi unter die Gürtellinie, unter die Grasnarbe bzw. die Erde. Ein wenig wie der Albrecht Dürer bei seinem "Großen Rasenstück", dieser Naturstudie, wo der Alte Meister fast buchhalterisch jeden Grashalm einzeln aufgelistet, in der Wiese Inventur gemacht hat (Rispengras, Löwenzahn, Schafgarbe . . .). Und auf Loitzls potentem Rasenstück lugt zwischen den chirurgisch präzisen Cuts ein eher feminin konnotierter Tüll heraus.

Das ist es also: das Weltendirndl, das niemanden ausgrenzt. Ina Loitzl hat's genäht und getragen. 
- © Ina Loitzl

Das ist es also: das Weltendirndl, das niemanden ausgrenzt. Ina Loitzl hat's genäht und getragen.

- © Ina Loitzl

Männer müssen sich selbstverständlich dennoch nicht fürchten, dass sie ihnen . . . die Krawatte abschneidet. (Abgesehen davon, dass heutzutage kaum noch wer Krawatte trägt.) Die Tochter einer Mode- und Schnittzeichenlehrerin schneidet höchstens Fäden ab, Stoffe zu, gleitet mit der Klinge durchs Buchbinderpapier, cuttet Filme.

Und sie, die Grafik und Visuelle Medien am Mozarteum in Salzburg studiert hat und noch einmal Visuelle Medien an der Angewandten in Wien beim Peter Weibel, hat die ledrige Haut von etwas aufgeschlitzt, von dem viele meinen, das wäre die eigentliche weibliche Intimregion und dass der Freud sie gemeint hätte mit dem "dunklen Kontinent", diesem rätselhaften, unergründlichen Erdteil (und tatsächlich ist es nicht grad leicht, sich dort drin zu orientieren, in der Finsternis was zu finden, in diesem schwarzen Loch). Richtig: Die Rede ist von der Damenhandtasche. Förmlich seziert hat die Künstlerin die Fundstücke aus Nachlässen und vom Flohmarkt ("Immer bröselt was raus. Ich weiß jetzt, wie diese Taschen gemacht sind."), hat sie mit ihren "Cutouts" und mit Bommeln "upgecycelt", zur Kunst upgegradet. 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haaren sie noch heute

Eine Gscherte ist die Zuagraste aus Kärnten sowieso. Das soll irgendwie von "scheren, geschoren" kommen. Und die Provinzler werden von den Weana Bazi angeblich so bezeichnet, weil die Bauern früher keine langen Haare haben durften. Ob die Ina Loitzl deshalb, aus einer unbewussten Trotzreaktion heraus, die Haare fetischisiert und so begeistert Zopferln flicht, Rapunzelzöpfe? (An den zwei gelben können die Blicke auf alle Fälle hochkraxeln wie ein Märchenprinz.)

Wieso sollen immer nur die Pudel Locken haben? Einer Dogge stehen sie doch mindestens genauso gut. "Doggi" (2013), von Ina Loitzl frisiert. 
- © Ina Loitzl

Wieso sollen immer nur die Pudel Locken haben? Einer Dogge stehen sie doch mindestens genauso gut. "Doggi" (2013), von Ina Loitzl frisiert.

- © Ina Loitzl

Und kann es Zufall sein, dass sie ausgerechnet in Wien "Hairytales" erzählt hat, Märchen voller Härchen (die sie für die laufende Schau sozusagen wieder auffrisiert hat, gewaschen, gelegt und geföhnt)? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haaren sie noch heute.

Perücke für den stylishen Windhund: "Peppie" (2013) von Ina Loitzl. 
- © Ina Loitzl

Perücke für den stylishen Windhund: "Peppie" (2013) von Ina Loitzl.

- © Ina Loitzl

Unter anderem hat sie die unerschöpfliche Mähne jener ebenfalls zuagrasten Haarzogin aus Bayern verherrlicht, die Karriere als stark behaarte Kaiserin von Österreich gemacht hat. (Ein Zeichentrickfilm lässt den Bildschirm mit Sissis ambivalentem Kopfhaar, ihrem Stolz und ihrer Last, zuwachsen bis zum ultimativen Hairy End.) Jö, eine Dogge pudelt sich mit Lockenwicklern auf! Pudel haben die Dauerwelle ja serienmäßig eingebaut.

Eine Dogge hatte die Sissi im Übrigen auch. Und einen schwarzen Pudel namens Plato. Der Windhund mit pompösen Angeber-Extensions ist der "Peppie" (oder ist seine Frisur der Pepi?), und der Vierbeiner, der keine Perücke trägt und nunmehr nimmer allein die Galerie hüten muss, das ist die Dolly.

Zwischendurch trifft man auf bekannte Bärte samt zugehörigen Gesichtern. Auf den Schnauzer vom Herrn Karl beispielsweise: "Herr Karl klopft Sprüche", nämlich in der Serie von gestickten Zeichnungen gleichen Titels. Die Worte des Sprücheklopfers schneidet diesem die Kunstchirurgin wiederum in die Sprechblase hinein. So Sachen wie: "Bin i a Wiener oder a Mensch?" Oder: "Beim Heurigen, do hat’s Persönlichkeiten geben . . ." Apropos persönlich (mit und ohne "-keit"). Witzigerweise soll die legendärste Verkörperung des Herrn Karl, der Helmut Qualtinger, einen Stock höher, über der derzeitigen Galerie, des Öfteren trinkfester Gast des Vaters des aktuellen Galeristen gewesen sein und die leeren Dopplerflaschen dabei höchstpersönlich beim Fenster rausgeworfen haben.

Sissis Franzl gibt sich daneben nicht sofort zu erkennen. Dessen Stickporträt (mit hypertropher Barttracht) wendet dem Betrachter seine Rückseite zu, das Fadenwirrwarr, das sich zur Physiognomie erst im etwas versteckten Spiegelchen ordnet, in das die Vorderseite blickt. Raffiniert. Und genau solche Überraschungen für die Schaulust, solche Pointen, sind das Tüpferl auf dem i. (Dem i in Loitzl?) 

Wenn die Madonna zweimal trauert

"Ich habe Dir nie Blumen versprochen" heißt die Ausstellung übrigens. Klingt wie: Der Kunstmarkt ist kein Ponyhof. Stimmt. Weil er ein Boxring ist. Besonders für Künstlerinnen. Die Kunst ist zwar weiblich (Kunst, die), der Kunstmarkt dafür umso männlicher (Kunstmarkt, der). Nach wie vor. Und die Ina Loitzl ist sogar leibhaftig in den Ring gestiegen (in einer selbstgenähten Boxmontur) und hat sich "durchgeboxt". Sich mit den großen Namen gemessen (Jeff Koons Helnwein, Lassnig, Wurm, Ai Weiwei . . .). Und überhaupt auf Ungerechtigkeiten und prekäre Verhältnisse aufmerksam gemacht. Einerseits in einer Performance, andererseits in kongenial rhythmisch abgehackter Stop-Motion-Technik (auf Vimeo zu finden: https://player.vimeo.com/video/147332247), weil sie das "Slapstick-Monty-Python-Ähnliche" mag.

Was macht denn der Georg Peithner-Lichtenfels da? Auf jeden Fall keinen Lapdance. Zusammen mit Ina Loitzl als Mater Dolorosa ergibt sein Striptease eine Pietà. Aus dem Video "Karlsplatzhaltung" (2022). 
- © Ina Loitzl

Was macht denn der Georg Peithner-Lichtenfels da? Auf jeden Fall keinen Lapdance. Zusammen mit Ina Loitzl als Mater Dolorosa ergibt sein Striptease eine Pietà. Aus dem Video "Karlsplatzhaltung" (2022).

- © Ina Loitzl

Frauen sind ja an sich schon multiple Persönlichkeiten, die Ina Loitzl, die sich an Rollenklischees leidenschaftlich und immer wieder mit aufmüpfigem Humor inspiriert (wie an Traditionen generell, an der Brauchtumspflege, am Heimatbegriff), ist aber noch viel multipler. Und spielt sämtliche Rollen mit Hingabe: die domestizierte Frau, sprich Hausfrau, die Putzfrau, die Lolita, die Kunstboxerin, die Gorilla- und Guerilla-Frau (in einem Schaufenster am Karlsplatz hat sie nämlich einmal im Gorillakostüm performt, doch nicht, um sich als Mitglied der Guerilla-Girls zu outen, dieser Gruppe von feministischen Aktivistinnen ohne Binnen-I, deren Markenzeichen die anonymisierende Gorillamaske ist), und im Sofazimmer, aus dem sie eine kleine Kapelle gemacht hat, einen Andachtsraum, wird sie gar zur Madonna, zur Mater Dolorosa, die zweimal trauert.

Sportlich vor der Karlskirche: Ina Loitzl und Georg Peithner-Lichtenfels crashen mit Weltendirndl und Lederhose zünftig die Innenstadt. 
- © Sinja Tekavec, Courtesy: Ina Loitzl und GPLcontemporary

Sportlich vor der Karlskirche: Ina Loitzl und Georg Peithner-Lichtenfels crashen mit Weltendirndl und Lederhose zünftig die Innenstadt.

- © Sinja Tekavec, Courtesy: Ina Loitzl und GPLcontemporary

Das eine Mal hat sie ihren erwachsen werdenden Erstgeborenen auf dem Schoß, stellt mit dem sich langsam abnabelnden Teenager eine Pietà mustergültig nach. (Die Pubertät als kleiner Tod?) Ein vermeintlich vollkommen schwarzes Vesperbild ist diese "Pietà obscure". Sobald sich das Auge freilich an die Dunkelheit gewöhnt hat, klärt sich die ikonische Trauerszene aus der Nachtblindheit. Und das andere Mal? Mimt der Georg Peithner-Lichtenfels den Leichnam Christi. In Unterhosen. Bei einem Reenactment in der Karlsplatzpassage. Beste Haltungsnoten verdienen die beiden für ihre "Karlsplatzhaltung" (Werktitel). Die schmerzensreiche Mutter sitzt obendrein auf einem imaginären Hocker, lässt ihren Schwerpunkt in der Luft schweben. Wie kriegt die das hin? Mit der Nummer könnten die zwei, die Trauernde und der Betrauerte, direkt als levitierende Straßenkünstler auftreten. Oder auch nicht. Mit Photoshop die Sitzgelegenheit wegzuretuschieren, das funktioniert leider immer nur nachträglich.

Verarbeitet die Ina Loitzl da womöglich etwaige Verlustängste? (Und ich meine nicht den Hocker.) Einen Lebensabschnittsgaleristen will man zumindest nicht verlieren. Am wenigsten einen so interaktiven. Einen, der bei allem so brav mitmacht. Ohne zu murren in die Lederhose steigt. Um mit seiner Künstlerin als Trachtenpärchen eine herrlich subversive Sightseeingtour durch Wien zu unternehmen. Und Galeriehündin Dolly war ebenso folgsame Komplizin, als das Weltendirndl die Innenstadt gecrasht hat. 

Ein Heugabel-Zombie im Stadtpark

Wie ein Gemälde (nämlich wie Grant Woods "American Gothic"): Ina Loitzl und Georg Peithner-Lichtenfels posieren im Rahmen der Fotoperformance "Weltendirndl crashes Innercity" (2022) mit Zubehör im Stadtpark. 
- © Sinja Tekavec, Courtesy: Ina Loitzl und GPLcontemporary

Wie ein Gemälde (nämlich wie Grant Woods "American Gothic"): Ina Loitzl und Georg Peithner-Lichtenfels posieren im Rahmen der Fotoperformance "Weltendirndl crashes Innercity" (2022) mit Zubehör im Stadtpark.

- © Sinja Tekavec, Courtesy: Ina Loitzl und GPLcontemporary

Üblicherweise steht Tracht ja für Regionalität mit Herkunftsbezeichnung, ist eine lokalpatriotische Uniform. Ausgrenzend. Nicht so das Weltendirndl. Aus gefundenen und zusammengesuchten Materialien wie einem Trachtentuch, einem alten Glitzerkleid der Oma, einer Camouflagejacke des Sohnes, textilen Accessoires aus der Türkei, aus Indien, Russland, erschafft die "Guerillanäherin" (Selbstbezeichnung) ein Multikulti-Frankenstein-Patchwork-Kleid, eine globale Überall-Tracht. Ein Weltfriedensgewand? (Eventuell sollte sie einem gewissen kriegerischen Diktator auch eines nähen.)

Mit parodistischem Ernst platziert sie sich mit ihrem Galeristen und der Dolly vor allerlei Sehenswürdigkeiten, reibt sich an den geschichtsträchtigen Orten und der Kunstgeschichte. Vor dem Kursalon Hübner im Stadtpark, einem Gebäude im Neorenaissancestil, versteifen die zwei Zweibeiner spontan zu Grant Woods Doppelporträt "American Gothic" (grandios: der Georg Peithner-Lichtenfels als Heugabel-Zombie), werden zur "Austrian Renaissance". Dem Ai Weiwei sind sie zufällig gleichfalls begegnet und die Kunstboxerin hat ihn nicht unverzüglich niedergeboxt. Sondern mitmachen lassen. Alle hatten sichtlich eine seriöse Gaudi.

Insgesamt ein lustvoller Streifzug. Durch eine Stadt und durch ein abwechslungsreiches und nichtsdestotrotz konsequentes Oeuvre.