Konzentrieren Sie sich auf den Punkt am Ende dieses Satzes und denken Sie sich das ganze Universum hinein. Stopfen Sie es also wieder zurück in jenes Objekt ohne Ausdehnung, aus dem es dereinst geschlüpft ist. (Vor 13,8 Milliarden Jahren soll es, was auch immer dieses "Es" gewesen sein mag, jedenfalls beim sogenannten Urknall einen Punkt "zerrissen" haben, und "auf einmal" war "alles" da.) Das, diese Komprimierung nämlich (wie bei einem pulsierenden Kosmos vor dem nächsten Urknall), wäre dann wohl so eine "Reduktion durch Verdichtung", wie sie der Ausstellungstitel erwähnt.

Hört sich nach einer Weniger-ist-mehr-Diät an. (Oder ist, umgekehrt, mehr weniger?) Und tatsächlich verstehen die drei Künstlerinnen, die sich derzeit die zs art galerie einträchtig teilen, was vom verwesentlichenden Abspecken. Von der komplexen Vereinfachung, der Gewinnung der "Essenz". (Künstlerinnen ohne Binnen-I, wohlgemerkt, dafür mit einem Punkt auf dem i.) Jede von ihnen spricht quasi fließend minimalistisch, aber mit ihrem jeweiligen speziellen Akzent, wenn nicht überhaupt einen eigenen Dialekt. 

Die Vollkommenheit ist flexibel

Wenn Judith P. Fischer eine Acrylglasvitrine bis obenhin mit lauter gleichen Gummiringerln füllt, ist zumindest das mit der "Verdichtung" schon einmal ziemlich eindeutig. Die chaotische Masse wird in eine ordentliche Form gepresst, in eine geometrische: in einen Quader. Wird von den rechten Winkeln und geraden Kanten gebändigt. Andererseits: Haben Gummiringerln nicht ebenfalls das Potenzial zur angeblich vollkommenen, perfekten Figur, zum Kreis? Nur ist ihre potenzielle Vollkommenheit, ihre theoretische Perfektion halt flexibel. Anpassungsfähige, opportunistische Kreise sozusagen.

Gebändigtes Chaos: Judith P. Fischer hat die unordentlichen Gummiringerln kurzerhand in Plexiglaskästen gestopft. Links: "SIE" (2020), rechts: "ER" (2022). 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Gebändigtes Chaos: Judith P. Fischer hat die unordentlichen Gummiringerln kurzerhand in Plexiglaskästen gestopft. Links: "SIE" (2020), rechts: "ER" (2022).

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Zwei davon hat die Oberösterreicherin (1963 in Linz geboren), die heute in Wien und Niederösterreich lebt und werkt, isoliert und so etwas wie einen Geschlechtsdimorphismus herausgearbeitet. "HE" ist von eher phallischer Gestalt, "SHE" ist dreieckiger, nähert sich einem Schamdreieck an. Und damit die konzeptuell witzigen "Porträts" ihre Männlich- bzw. Weiblichkeit auch behalten, hat Fischer den Gummi gestählt. Respektive hat sie den harten Stahl als Elastomer verkleidet, in klassischem Gummiringerlrot lackiert. Andere Einzeller mit a- oder biomorphen Kurven hat sie eigenhändig vergoldet, die Bildhauerin, die sich ein zweites Diplom ersungen hat (gewissermaßen; soll heißen: Sie hat außerdem Gesang studiert). Und wenngleich die amöbenartigen "Patterns" (fast) völlig identisch sind, macht die Drehung aus ihnen Variationen ihrer selbst. 

Die Linie geht spazieren

Moment: Sollten Kreise nicht endlos sein? Und keinen Anfang haben? Die drei, die sich auf dem Boden schier unentwirrbar überlagern und in die man instinktiv hineinsteigt wie in einen Hula-Hoop-Reifen (oder in einen magischen Schutzkreis), verfügen sogar über je zwei Enden. Oder zwei Anfänge. Sind aufgebrochen. (Oder ausgebrochen? Aus der starren Strenge der objektiven, "unmenschlichen" Geometrie? Weil sägt man nicht die Stäbe durch, wenn man aus dem Gefängnis flüchten will?) Beinah zeichnerisch kreist der pulverbeschichtete Federstahl die ideale Rundung ein, die er skizzenhaft zu fassen versucht, während er sich von ihr entfernt.

Ein Kunstwerk endet nicht immer dort, wo sein Material aufhört. Manchmal gehört auch der Schatten dazu. ("REFLECTION", 2021, von Judith P. Fischer.) 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ein Kunstwerk endet nicht immer dort, wo sein Material aufhört. Manchmal gehört auch der Schatten dazu. ("REFLECTION", 2021, von Judith P. Fischer.)

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Für Paul Klee war die Linie "ein Punkt, der spazieren geht". Bei Judith P. Fischer flaniert die Linie. Mit Überzeugungskraft. Macht Ausflüge ins vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum. Wird zur Wanderin zwischen den Dimensionen. Aus der Ferne gesehen, scheint eine weiße Linie auf einer glänzend glatten, schwarzen Fläche ein paar Loopings zu machen. Bei näherer Betrachtung hebt der schlanke Rundstahl geschmeidig vom lackierten Blech (und der "schönen Ordnung") ab. Materialisiert sich als Skulptur. Und der Schlussgag: ein Knoten in der rechten unteren Ecke der Tafel. Als müsste man die Linie handfest fixieren, weil sie sonst endgültig aus dem Bild abhaut.

Zweimal darf man raten, welches von den beiden Gummiringerln (eigentlich lackierter Stahl) "SHE" und welches "HE" ist. (Von Judith P. Fischer, von der außerdem das Ei im Fenster stammt: "Evola", 1997.) Bereits in unscharfer Ferne: Tonneke Sengers' ausgeklügelte Malerei auf Aluminium. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Zweimal darf man raten, welches von den beiden Gummiringerln (eigentlich lackierter Stahl) "SHE" und welches "HE" ist. (Von Judith P. Fischer, von der außerdem das Ei im Fenster stammt: "Evola", 1997.) Bereits in unscharfer Ferne: Tonneke Sengers' ausgeklügelte Malerei auf Aluminium.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Und was umhüllt die 25 Jahre alte kantige Eierschale? Komprimierten Raum? Das Leben, kompakt zusammengerollt zur Embryonalstellung? Zwei bronzene Zwillingsgipfel (einmal poliert, einmal matt und patiniert), die der Räumlichkeit und der Fantasie geradezu anatomisch entgegenschwellen, buhlen dagegen unterm schützenden Glassturz um die Gunst des Besuchers, der staunend zur Kenntnis nimmt, wie eine andere Oberfläche aus ein und derselben Form ein neues Objekt macht. 

Neugierig auf die weiße Wand

Die perfektionistischen Monochromien von Veronika Rodenberg (geboren, lebt und arbeitet im deutschen Hainzell) sind sowieso innerlich zwiegespalten, die Vierecke (Acryllack auf Alu-Dibond) mit schärfster Präzision in Diptychen zerschnitten, in Zweiteiler, in ungleiche, asymmetrische Paare aus spiegelndem Glanz und matter Introvertiertheit. Kontemplative Beziehungsgeschichten von philosophischer und sinnlich blauer Tiefe (einer nachthimmelblauen, um genau zu sein) und höchster Güte.

Veronika Rodenbergs Nachthimmelblau macht's spannend. Neckt die Spechtler. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Veronika Rodenbergs Nachthimmelblau macht's spannend. Neckt die Spechtler.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Oder ein herausgelöstes Rechteck, das passgenaue Stück in einem zweiteiligen "Puzzle", wird räumlich versetzt und seitlich verschoben. Öffnet einen Spalt zu einem mysteriösen Dahinter. Okay, zur weißen Wand, die freilich plötzlich die Neugier weckt. Den Voyeurismus.

Immer wieder soufflieren (oder: assistieren) der Zahlenliebhaberin, die vor ihrem Kunststudium zur peniblen Architekturzeichnerin ausgebildet worden ist, die Fibonacci-Zahlen. (Das sind die, die mit dem Goldenen Schnitt verbandelt sind.) Etwa bei ihrer "verdichteten Transparenz". Diskrete gerahmte Schichtungen von blickdichten Kartonfragmenten und durchsichtigen Glasscheiben. Die vermeintliche Farblosigkeit des Glases, das eben nicht wie Luft ist (bloß härter), konzentriert sich da zu sanften Schattierungen und Tönungen. Raffiniert "simpel". 

Wo ist vorne? Neben dem Hinten!

Und bei Tonneke Sengers aus den Niederlanden stiftet ausgerechnet die kompositorische Klarheit Verwirrung. Eine ausgeklügelte Verwirrung. Drei- und Vierecke, gemalte Überschneidungen, Lücken, die echte Schatten integrieren, suggerieren mehr Ebenen, als die schwebende Alu- oder Eichenfurnierplatte zu bieten hat. Ist das vorne oder hinten? Und was für das Maßband gleich groß ist, ist es nicht unbedingt fürs Auge.

Noch einmal alle drei vereint: links zwei von Veronika Rodenbergs "blauen Objekten" (2022), rechts Judith P. Fischers "Skull XS" (1997), und an der Wand hinten macht uns Tonneke Sengers mit ihrer raffinierten Illusionskunst glauben, die Aluplatte wäre in irgendeiner Form gefaltet (2018). 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Noch einmal alle drei vereint: links zwei von Veronika Rodenbergs "blauen Objekten" (2022), rechts Judith P. Fischers "Skull XS" (1997), und an der Wand hinten macht uns Tonneke Sengers mit ihrer raffinierten Illusionskunst glauben, die Aluplatte wäre in irgendeiner Form gefaltet (2018).

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Diesmal ist die Illusionskünstlerin subtiler bei ihren optischen Täuschungen, hält sich mit den perspektivischen Verzerrungen und der illusionistischen Raumnahme ein bissl zurück. Gustostückerln sind’s aber allemal.

Oh, um ein Haar hätte ich auf die entscheidende vierte Mitspielerin vergessen, obwohl sie den meisten Platz benötigt und essentiell ist für die Reduktion: die Leere. Dem Dazwischen wird sympathisch viel Raum gegeben.