Wenn es wieder einmal stickig schwül in der Stadt ist, dann empfiehlt sich in diesem Sommer ein Ausflug ins Kunsthaus Wien. Das hat nämlich ein laues Lüfterl zu bieten - aber auch einen mächtigen Sturm. Die Ausstellung "Wenn der Wind weht" hat sich eine recht ambitionierte Aufgabe gestellt: Das, was man nur fühlen, hören, einatmen kann, soll hier hergezeigt werden: Luft. Mit einer Reihe origineller, manchmal aufrüttelnder und mitunter lehrreicher künstlerischer Positionen gelingt dies ausnehmend gut.

Empfangen wird der Besucher schon einmal von Olafur Eliassons Ventilatorwind, den man wie einen kaum spürbaren Vorhang durchschreitet vom Stiegenhaus zur Ausstellung. Dort wartet eine Collage von Nina Vatanen, die einen darauf einstimmt, welche verschiedenen Funktionen und Formen Luft haben kann: Sie zeigt etwa ein Neugeborenes kurz vor dem Luftholen, ein Flugzeug über den Wolken, einen toten Vogel mit gelbblühendem Zweig und eine Wetterfahne. Manch eines wird einem bei der Tour durch die Schau wieder begegnen.

Fliegen in der Luft

Das Flugzeug zum Beispiel, das ja seine ganz eigene Beziehung zu Luft hat, in Sophie Jungs Serie "Easy Jet". Die Künstlerin pendelte zwei Jahre lang zwischen Amsterdam und Basel und setzte sich jedes Mal auf denselben Platz im Flieger. Dann fotografierte sie das Tragflächenspitzerl mit Fluglinien-Logo. Und der Luft dahinter, zu allen Tageszeiten und Wetterlagen - gleichzeitig monoton und verblüffend vielfältig.

Wuhu, ich kann fliegen, hört man dieses vom Wind weggetragene Zelt fast rufen. Fotografiert von Julius von Bismarck in der Serie "One more night", 2016. 
- © Julius von Bismarck

Wuhu, ich kann fliegen, hört man dieses vom Wind weggetragene Zelt fast rufen. Fotografiert von Julius von Bismarck in der Serie "One more night", 2016.

- © Julius von Bismarck

Das Luftholen wiederum hat Emily Parsons-Lloyd zum Thema ihrer Arbeit "Our Fetid Rank" gemacht: Sie hat aus Politikerreden zum Thema Umweltschutz und Klimawandel - von Margaret Thatcher über George W. Bush bis zu Wladimir Putin - nur jene Passagen herausgeschnitten, in denen die Sprechenden gerade Luft holen. Also sozusagen die heiße Luft, die sie bei ihren falschen Versprechungen ausstoßen, entfernt. Ums Atmen dreht sich auch die wohl günstigste Arbeit der Ausstellung, von Werner Reiterer: Gegenüber von der Stiege fordert er Besucher und Besucherin in einem Schriftzug auf: "Holen Sie tief Atem und tragen Sie die Luft in den nächsten Stock." Ayumi Shii hat ihre Arbeit hingegen selbst "eratmet": Eine ganze Serie von verschiedenst geformten, friedlichen Schäfchenwolken entpuppt sich hier als optische Falle. Blaues Papier, das auf Temperaturerwärmung reagiert und weiß wird, hat sie angehaucht und fotografiert, bevor es wieder blau geworden ist. Dieser Himmel ist also Fake.

Sjoerd Knibbeler fängt die Luft mit Plastik ein. - © Sjoerd Knibbeler
Sjoerd Knibbeler fängt die Luft mit Plastik ein. - © Sjoerd Knibbeler

Trügerisch ist auch die Langsamkeit im Film "Irma to come in earnest" von Julius von Bismarck. Er hat gefilmt, wie der Tornado Irma, der 2017 37 Stunden lang über Florida tobte, die Bäume bog. Zeitlupe lässt das irritierend harmlos, fast meditativ wirken, wenn da nicht die Tonspur wäre, die mit hohem Pfeifen die Dringlichkeit zurück ins Bewusstsein holt.

Dieses Sturmrauschen mischt sich freilich mit dem Säuseln des Windes in der Lobau, wie ihn Ulrike Königshofer aufgenommen hat. Mit einem Windrad und einem Generator hat sie die wechselnde Windstärke eingefangen, ein Ventilator gibt diese jetzt im Ausstellungsraum wieder. Es ist einer von zwei Ventilatoren in der Schau: Der andere hält ein weißes Brett in Schwebe, in der Arbeit von Roman Signer, die folgerichtig auch "Ventilator mit Brett" heißt und die Ironie einer reichlich sinnfreien Zweck-Ehe illustriert.

Mit Humor geht auch Nadim Vardag an das Thema heran: Von der Ferne sieht sein Werk wie ein elegantes weißes Unterwasserwesen aus, wenn man näherkommt, erkennen die filmhistorisch geschulten Synapsen: Hier wogt der Rock von Marilyn Monroe aus dem "Verflixten Siebten Jahr", den der Luftzug aus dem U-Bahnschacht aufgewirbelt hat. Nur eben ohne Monroes Körper - dabei hätte man gedacht, dass eigentlich der es ist, der das Bild so ikonisch macht. Dabei ist es doch nur die (heiße) Luft.

Tornados ablenken

In dieser Ausstellung kann man auch - in einer Arbeit von Emily Parsons-Lloyd Luft aus der Vergangenheit "probieren" - genauer gesagt aus der Zeit des Karbon, das ist schlappe 300 Millionen Jahre her. Diese Luft ist reicher an Sauerstoff als unsere heutige und enthält weniger Kohlendioxid. Der Luftlaie merkt allerdings nicht arg viel Unterschied. Man kann über die Serie "Speak the Wind" von Hoda Afshar die Dämonen des Winds in der Straße von Hormus kennenlernen. Und die Implikationen von Klima-Engineering - etwa dem Umleiten von Tornados in der Arbeit von Bigert und Bergström.

Die Auswahl der Exponate ist abwechslungsreich, die Saaltexte erklären Motivation und Hintergrund formidabel, eine rundum empfehlenswerte Ausstellung. Man kann nur hoffen, dass auch unter der neuen Leitung im Kunsthaus diese künstlerische Herangehensweise an ein neues Umweltbewusstsein - ganz im Sinne des "Hausherrn" Hundertwasser - beibehalten wird. Den nächsten Luftballon sieht man jedenfalls mit anderen Augen.