Ist es also wieder einmal so weit? Wurde die Malerei schon wieder für tot erklärt? (Geschminkte Leichentücher eben.) Blödsinn. Die Maria Temnitschka "verschrottet" doch nicht die ganze Malerei. Lediglich ihre eigene. Und die Bilder bleiben dabei sogar völlig intakt. Sind Gemälde nicht außerdem Restmüll? (Oder womöglich Problemstoffe? Wegen der Lösungsmittel in den Farben?) Jedenfalls gehören die nicht auf den Schrottplatz, oder?

Ja eh. Drum "verschrottet" die in Wien lebende gebürtige Niederösterreicherin sie auch unter Anführungszeichen. Nämlich vielmehr mit dem Pinsel. Soll heißen, sie füllt ihre Leinwände mit Schrott. Ihre aktuelle Serie nennt sie nicht zuletzt so (schlicht "Schrott"). Was irgendwie naheliegend ist. 

Die Apokalypse ist also doch eine Romantikerin

Aber nichtsdestotrotz soll ihr ausgerechnet meine Besprechung ihrer letzten Ausstellung an diesem Ort (in der Galerie Ulrike Hrobsky) den Titel "eingesagt" haben. Konkret die Antwort auf die Frage "Was malt sie denn so, die Maria Temnitschka?" soll es gewesen sein. ("Ach, fast nur Schrott. Das sollte jetzt keine Wertung sein, bloß eine Feststellung.") Und während der Titel der damaligen Serie eigentlich ziemlich doppeldeutig war ("Altes Eisen") und sich die "älter werdende Künstlerin" da noch gefragt hat, ob sie mit ihrem Jahrgang (1961) bald selber zum "alten Eisen" gehören würde ("Und ist das automatisch etwas, das nichts mehr wert ist?"), ist die Sache diesmal . . . okay, ebenfalls nicht so klar.

Surreale Landschaft mit Schrottwolke ("Schrott 36", 2022): Mit ihrem Zauberstab (dem Pinsel) bringt Maria Temnitschka den Schrott also sogar zum Schweben. 
- © Maria Temnitschka

Surreale Landschaft mit Schrottwolke ("Schrott 36", 2022): Mit ihrem Zauberstab (dem Pinsel) bringt Maria Temnitschka den Schrott also sogar zum Schweben.

- © Maria Temnitschka

Ja, Temnitschkas Schrott ist definitiv hot. Unter einem dramatischen Himmel verdichten sich Rohre, Stahlträger, Drähte und zerknüllte Bleche zu einer prä- oder postapokalyptischen Landschaft, zur Müllhalde in romantischer Endzeitstimmung, wobei das harte, kühle Metall vom warmen Licht bzw. der weichen, atmosphärischen, "gefühlsechten" Malerei beseelt wird, quasi ein Hoffnungsschimmer über die Beulen huscht, und den geradezu empathisch porträtierten kaputten Haushalts- und sonstigen Geräten hat die Malerin sowieso den Odem der Menschlichkeit eingeblasen. (Ein "animistisches Denken" sei ihr eigen, meint sie.)

Abgesehen davon, dass Schrott nicht zwangsläufig "Schrott" ist. Sondern ein wertvoller Rohstoff. Stichwort "Urban Mining". Abbruchhäuser werden zu regelrechten Minen, in denen erneut jene Substanzen abgebaut werden, die beim ersten Mal aus dem Boden oder dem Berg geholt worden sind. Der Schrott, von dem man im ersten Raum begrüßt wird, ist überhaupt was Besonderes. Der ist berühmt. In Wien nichts weniger als weltberühmt. Der stammt immerhin vom Ferry-Dusika-Stadion am Handelskai, das die einzige Radrennbahn in Österreich beherbergt hat und nach seinem heuer begonnenen Abriss der "Sport Arena Wien" weichen muss, in der dann freilich nimmer geradelt werden wird.

Was vom Ferry-Dusika-Stadion übrigblieb: dieser Haufen. (Und noch ein paar andere.) Aus Maria Temnitschkas Serie "Schrott". 
- © Maria Temnitschka

Was vom Ferry-Dusika-Stadion übrigblieb: dieser Haufen. (Und noch ein paar andere.) Aus Maria Temnitschkas Serie "Schrott".

- © Maria Temnitschka

Passenderweise ist Temnitschka mit dem Fahrrad angereist, um schließlich ihre Form des Urban Mining zu betreiben. Sich die besten Stücke herauszupicken. Mit der Kamera. ("Da muss man schnell sein, weil am nächsten Tag ist es weg.") Die Fotos dienen nachher als Rohmaterial für eine kreative Bildschöpfung. Was am Computer entworfen wird, ist allerdings oft nicht mehr als eine grobe Skizze. Der Rest passiert erst während des Malprozesses. Dass sie gern übertreibt, das gibt Temnitschka zwar unumwunden zu, den Stadionschrott hat aber dennoch nicht sie zum Erröten gebracht. Höchstens ein bissl. Rot für markante Akzente "war genug da". 

Auf dem Heimatplaneten der Wegwerfgesellschaft

Tja, wer rastet, der rostet. Auch in "Schrott" Nummer 6 von Maria Temnitschka. 
- © Maria Temnitschka

Tja, wer rastet, der rostet. Auch in "Schrott" Nummer 6 von Maria Temnitschka.

- © Maria Temnitschka

Ursprünglich kommt sie übrigens von der Metallgestaltung her, bevor sie rund zwanzig Jahre später obendrein noch Malerei studiert hat. (An der Angewandten. Unter anderem bei Adolf Frohner.) Um erst recht bei ihrer ersten Liebe pickenzubleiben: beim verformbaren, potenziell glänzenden Material, das es in edel und unedel, leicht und schwer gibt. Und nun modelliert sie halt im Illusionsraum, macht ihre skulpturalen Gebilde mit Licht und Schatten, die immer prominent mitspielen, plastisch. Arbeitet die Oberflächen sinnlich heraus. Die Stofflichkeit, den Rost.

Hat nicht ein gewisser John Chamberlain das Gegenteil gemacht? Hat der nicht ab den 1950er Jahren die expressionistische Malerei in bunte Blechskulpturen übersetzt? In verformte Knautschzonen? In Massenkarambolagen, in welche diverse Autokarosserien verwickelt waren?

Hm. Bin ich die Einzige, die Temnitschkas menschenleere Gegenden, ihre pittoresken Schrotthaufen, an einen bestimmten Film erinnern? Nämlich an "Wall.E – Der Letzte räumt die Erde auf"? Großes Science-Fiction-Animationskino der Pixar Studios und Walt Disney Company über den allerletzten noch funktionstüchtigen Müllsortier- und Aufräumroboter, der seit Jahrhunderten im Einsatz ist, um den komplett zugemüllten Heimatplaneten der Wegwerfgesellschaft so weit in Ordnung zu bringen und bewohnbar zu machen, dass die einstige dominante Lebensform, die mittlerweile auf Raumschiffen vor Monitoren vor sich hin verfettet und verblödet, wieder zurückkehren kann.

Die Menschheit mag Temnitschka nicht ins All geschossen haben, dafür jede Menge Metallabfälle. Zu Klumpen geballt. Wie Himmelskörper halten sich diese in der Schwerelosigkeit, in den etwaigen unendlichen Weiten, vor dunklem Hintergrund. Oder handelt es sich bei diesem komprimierten Weltraumschrott um künstliche Erdtrabanten, öde Schrottmonde? Hat die Erde, die von ihrem eigenen Mist umkreist wird, in dieser Vision sieben Monde? Einen natürlichen und sechs menschengemachte? 

Die Espressomaschine ärgert sie jetzt nimmer

Mit dem "Waste Allocation Load Lifter – Earth-Class" (auf Deutsch: "Müllordner und Lastenheber – Erdklasse"), kurz WALL.E, hat die Malerin der Erdklasse, die überdies erstklassig malt, sogar was gemeinsam. Nein, ihre einzige Freundin ist nicht eine Kakerlake. Beide sind Sammler. Und während der WALL.E eine Kollektion von speziellen Exponaten daheim hat, von gefundenen Gegenständen, die für ihn das Prädikat "besonders" haben, sammelt Temnitschka auf Schrottplätzen et cetera Eindrücke (mit dem Finger auf dem Auslöser), oder sie hortet ebenso leibhaftige Dinge. Alte Computerplatinen.

Weltraumschrott (von Maria Temnitschka zu einem Planeten geballt - oder zu einem Erdtrabanten?). 
- © Maria Temnitschka

Weltraumschrott (von Maria Temnitschka zu einem Planeten geballt - oder zu einem Erdtrabanten?).

- © Maria Temnitschka

Oder eine Espressomaschine, von der sie "so geärgert" worden ist. Ein Graffel halt. "Die hab ich dann sukzessive zerlegt." Förmlich seziert hat sie sie. Nicht viviseziert, natürlich. Weil abgesteckt hat sie sie vorher durchaus. Bis sie sich irgendwann gedacht hat: "He, du bist jetzt ein trauriger Geselle. Jetzt mal ich dich." Die Gedärme hängen ihm raus, dem "traurigen Gesellen", ein Kabelsalat.

Und der Druckkessel hat entfernte Ähnlichkeit (eine weit, weit entfernte Ähnlichkeit) mit einem Droide gewordenen Schweizer Messer aus einer weit, weit entfernten Galaxis, aus dem Star-Wars-Universum, mit dem R2-D2 (sprich, auf Deutsch: Erzwo-Dezwo), diesem Robo-Mechaniker mit zahllosen eingebauten Werkzeugen und Staufächern, der bloß durch Pfeifen, blinkende Lamperln und hintergründiges Piep-piep kommuniziert und locker als futuristischer Mistkübel oder als Staubsauger durchginge. (Oder als Druckkessel einer Espressomaschine.)

Ein außerirdischer Droide? Falsch. Eine irdische Espressomaschine, von Maria Temnitschka seziert und gemalt. 
- © Maria Temnitschka

Ein außerirdischer Droide? Falsch. Eine irdische Espressomaschine, von Maria Temnitschka seziert und gemalt.

- © Maria Temnitschka

Eine Kaffeedroidin nach ihrer Bruchlandung auf einem posthumanen erdähnlichen Planeten? Bei der MA 48, der Magistratsabteilung Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark, ist sie zumindest nicht gelandet. Ihr "Frauerl": "Die hab ich noch immer zu Hause. Die hab ich so lieb gewonnen." Na ja, Haushaltsgeräte sind Familienmitglieder. An die gewöhnt man sich. Die entsorgt man nicht so einfach. Und selbst ausgeweidet wirken die – gemalten – Exemplare erstaunlich untot. Unzerstörbare Maschinenwesen mit recyceltem Überlebenswillen. Als hätte man sie auf einem ehemaligen Indianerfriedhof beerdigt. Die nächste Serie wird aber vermutlich trotzdem nicht "Zombies" heißen. Oder "E-Zombies". 

Der Mensch ist ein Konsument ist ein Schwein

Gabelstapler haben ebenfalls Sehnsüchte. "Schrott 3" von Maria Temnitschka lässt sie erahnen. 
- © Maria Temnitschka

Gabelstapler haben ebenfalls Sehnsüchte. "Schrott 3" von Maria Temnitschka lässt sie erahnen.

- © Maria Temnitschka

Eine talentierte Erzählerin ist die Temnitschka, bastelt Geschichten zusammen. Entrückt ihre, wie Galeristin Ulrike Jakob sie bezeichnet, "Models" in entsprechende Umgebungen, die Kaffeemaschine aus der Küche in die Einsamkeit. Und nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was . . . der Gabelstapler, der in Wahrheit in einem Hinterhof versauert ist, leidet. Am Ufer. Mit seiner weißen Fahne (oder einem provisorischen Segel?) winkt er einem Schiff zu, würde offenbar am liebsten selber davonsegeln. Ein Autowrack rostet mit platten Reifen beschaulich vor sich hin, ein offener Koffer, in dem, Temnitschka: "was drin ist, das vielleicht Dynamit ist", deutet eine actionreiche Handlung an, die abrupt gestoppt worden ist, und über die Jahre ist die Gegenwart zur Vergangenheit korrodiert. Die Garage für den Oldtimer hat nie jemand fertiggebaut.

In der Kunstgeschichte treibt sie sich auch herum, die Temnitschka. Beim Betrachten einer Landschaft des Parade-Romantikers mit den drei Vornamen, von denen einer der Nachname ist, also von Caspar David Friedrichs "Felsenriff am Meeresstrand", kippt sie kurzerhand eine Mülldeponie auf Letzteren, auf besagten Strand. (Selbstverständlich nicht auf dem Originalgemälde, hat nicht ihren Zivilisationsmist ins 19. Jahrhundert hineingemalt.) Tja, der Mensch ist ein Konsument ist ein Schwein. Der hinterlässt überall einen Saustall. Der Romantiker hat ihn noch zum andächtigen Beobachter verklärt, der als "Wanderer über dem Nebelmeer" ehrfürchtig vor der überwältigenden Natur erschaudert ist. Und garantiert keine Bierdose in die Botanik geschleudert hätte. 

In der Arktis bohren sie nicht nach Ölfarben

Als die Künstlerin etwas über Ölbohrungen in der Arktis gelesen hat (und die haben dort keine Ölfarben gesucht), hat sie das dermaßen betrübt, dass sie sich höchstselbst in die Polarregion begeben hat. Gut, sie hat nur ihre Fantasie und ihr Malgerät in "Das Eismeer" (neuerlich von diesem C. D. Friedrich) eingetaucht, vormals "Die gescheiterte Hoffnung", weil man das Bild lange mit einem verschollenen anderen verwechselt hat. Statt eines Expeditionsschiffs zerquetschen die sich auftürmenden Eisschollen in der Temnitschka-Version (nicht gehängt, freilich im Katalog enthalten) eine Tankstelle, kentert ein Mineralölkonzern in dieser Allegorie des Scheiterns symbolisch. ("Mein Wunsch hat da ein bisschen den Pinsel geführt." Der Pinsel als Voodoonadel?)

Und NOCH ein paar Restln vom Ferry-Dusika-Stadion, mit dem richtigen Himmel in Szene gesetzt. (Maria Temnitschkas "Schrott 42".) 
- © Maria Temnitschka

Und NOCH ein paar Restln vom Ferry-Dusika-Stadion, mit dem richtigen Himmel in Szene gesetzt. (Maria Temnitschkas "Schrott 42".)

- © Maria Temnitschka

Ob Elektronikschrott-Porträt oder surreales Gefilde, in dem eine Schrottwolke gegen die Naturgesetze aufbegehrt und eigenmächtig der Gravitation davonschwebt, hier weiß eine das Ausrangierte, nicht mehr Gebrauchte stimmungs- und eindrucksvoll (und mit manchmal ungewöhnlichen Maßen, in einem extrem schlanken Hochformat zum Beispiel) in Szene zu setzen.