Dornröschen – das ist doch diese Prinzessin, die 100 Jahre verschlafen hat und deshalb erst mit 115 ihrem Prinzen begegnet ist, nachdem dieser sie mit einem Kuss geweckt hatte, oder? Heute (#MeToo!) müsste er sie freilich vorher fragen, ob er sie wachbusseln darf. Sonst zeigt sie ihn auf Twitter wegen sexueller Belästigung an.

Das Dörnröschen auf dem Boden der Galerie Reinthaler ist aber eh noch nicht kussreif. Das hat sich grad hingelegt. Nicht, dass daneben ein Schild angebracht wäre: "Do not disturb until 2122" – Bitte nicht vor 2122 stören. Oder vor 2121? Schließlich hat der Kenji Lim seiner "schlafenden Schönheit" (einer schlafenden Schönheit, wohlgemerkt, "A Sleeping Beauty", nicht "der") die Lider bereits im Vorjahr zugedrückt, ihr die Augen vor Müdigkeit regelrecht zuschwellen lassen. Als er sie nämlich erschaffen hat, die Kleine. 

Im Land der Dornröschenwürmer

Wobei: Kleine. Die misst mehr als drei Meter, hallo? Weil sie sich allerdings zusammenrollt (zu so etwas wie einer Embryonalstellung), wirkt sie nicht ganz so riesig. Wie ein langer Lulatsch. Denn extrem schlank, geradezu schlaksig, ist sie außerdem. Generell entspricht sie nicht wirklich den Erwartungen. Zum Beispiel hat sie keine langen, lockigen Haare. Streng genommen hat sie gar keine. Ist glatzert bis zur Schwanzspitze. Schwanzspitze? Ich hab gedacht, Dornröschen wäre ein Mädel. Ist es möglicherweise auch. In dem Fall jedoch eine Schlange. Mit einem überaus niedlichen Gfrießerl.

Und was sie für ein süß verschlafenes Gsichterl hat, die "Sleeping Beauty" vom Kenji Lim. 
- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Und was sie für ein süß verschlafenes Gsichterl hat, die "Sleeping Beauty" vom Kenji Lim.

- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Selber mag die passive Beauty die Augen ja zu haben, der Betrachter muss dafür umso aktiver schauen. Sogar mit den Füßen. Muss um das geschmeidige Kriechtier, das sich fast zu einem Kreis ringelt, herummarschieren, es aus unterschiedlichen Blickwinkeln begutachten, zumal seine farblich unentschlossene Haut bichrom schillert, sich nicht entscheiden kann, ob sie rosa (bzw. lila) oder blau sein will, und schlicht zwischen beidem changiert.

Durstig: Ist dieses Glas fast leer oder sehr voll? Mit Kenji Lims flauschigem "Hummysuckle" (2022) ist es eindeutig Letzteres. 
- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Durstig: Ist dieses Glas fast leer oder sehr voll? Mit Kenji Lims flauschigem "Hummysuckle" (2022) ist es eindeutig Letzteres.

- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Eindeutig ist hier sowieso nix. Der andere putzige Bewohner dieser exotischen Märchenwelt, super süß und super flauschig, dürfte die Kreuzung aus einer Angorakatze und irgendeinem Insekt sein. Eine pelzige Raupe mit Rüssel, mit "Trinkhalm" – und aus diesem, jö!, schleckt obendrein ein Zünglein raus. "Hummysuckle" nennt der studierte Bi-, nein, nicht Biologe, Bildhauer, "Hummysuckle" nennt er, der in seiner Biografie Ost und West vereint, in Singapur geboren wurde (1980, in der einstigen britischen Kronkolonie) und in Großbritannien aufgewachsen ist, seinen lustigen Zutzler (suckle: trinken, saugen), der in eine schmale Glasvase gewissermaßen hineinköpfelt, sich gierig hineinzwängt in die verformende, quetschende Enge, um vom Grund des Gefäßes die letzten Tropfen aufzuschlürfen.

Schlafen und Fressen. Während man den zwei Spezies bei der Befriedigung ihrer basalsten Grundbedürfnisse zusieht, wird man eventuell selber ein bissl schläf- und hungrig. Aber vor allem möchte man . . . grapschen. Kuschelviecherln? Nur theoretisch. In der Praxis ist das Einzige zum Angreifen ein Buch. Ein altmodisches, analoges. Mit bemalten Seiten. Und die darf man nicht einmal mit bloßen Händen umblättern, geschweige denn streicheln. Weiße Handschuhe muss man anziehen. Okay, das Opus ist ein Unikat. Die sehr blauen Tusche-Landschaften auf Papier sind einzigartige Originale. 

Striche kann man nie genug machen

Man kann ihn beinah schnurren hören, den "Hummysuckle", so kätzisch kuschelig ist er, den sein Herrchen, der Kenji Lim, hier gerade streichelt. 
- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Man kann ihn beinah schnurren hören, den "Hummysuckle", so kätzisch kuschelig ist er, den sein Herrchen, der Kenji Lim, hier gerade streichelt.

- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Und wo, bitte, ist die zitternde, schaudernde Wolke ("Shivering Cloud"), die der naturromantische Ausstellungstitel erwähnt, der über allem unsichtbar schwebt? Warum erbebt sie überhaupt? Weil es sie fröstelt, sie sich fürchtet oder aufgeregt ist? Auf dem rohen Leinen ist sie schon einmal nicht. Dort befinden sich die "Islands of Spray". Google übersetzt das etwas unelegant mit "Spritzinseln". (Spray = Sprühnebel, Gischt.) Und die sind anscheinend nicht bewölkt, das Weiß gischtet vielmehr ins Blaue hinein.

Auf den beiden Karten (konkret sind es Studien zur Kartierung der bekannten Welt: "Study for Mapping the Known World – Part 1 and 2") ist das Bibberwölkchen genauso wenig verzeichnet. Stattdessen pflanzt Lim seine unzähligen Stricherln (die Elementarteilchen der Zeichnung) wie Gräser auf der brachen Leinwand an, addiert sie zu Strömungen, zu Steinen, lässt sie mit den rosigen Flecken, Farb-Eilanden, zu Hybriden aus Grafik und Malerei, aus Abstraktion und Fantasierealität zusammenwachsen. Sicher eine meditative, entschleunigende Tätigkeit.

Die zwei Landkarten an den Wänden studieren die bekannte Welt. Behauptet zumindest der, der sie gemalzeichnet hat. "Study for Mapping the Known World (Part 1 and 2)", 2019, von Kenji Lim. 
- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Die zwei Landkarten an den Wänden studieren die bekannte Welt. Behauptet zumindest der, der sie gemalzeichnet hat. "Study for Mapping the Known World (Part 1 and 2)", 2019, von Kenji Lim.

- © Kenji Lim, Courtesy: Galerie Reinthaler

Moment: Diese Landkarten (in der Regel Orientierungshilfen), die sich völlig entspannt an die Wand schmiegen (zumindest auf keinen Keilrahmen aufgespannt, sondern einfach so angenagelt sind, über entsprechende Ösen an den Rändern verfügen), die sollen die "Known World" darstellen? Sollen helfen, sich in dieser zurechtzufinden? Obwohl diese mutmaßliche Terra cognita (ohne "in-") lediglich eine vermeintliche ist, weil sichtlich komplett frei erfunden? Kenji Lims persönliche Galapagosinseln mit einer außergewöhnlichen, einmaligen Fauna wie dem Dornröschenwurm und dem Hummysuckle?

Mit Imagination, sinnlichem Material und Disziplin erforscht da jemand eine parallele Natur, indem er sie kreiert. Beschaulichkeit in Prinzessinnenrosa und Romantikblau.