Hauptaufgabe der Kunst ist es, Fragen zu stellen und nicht Antworten zu geben." Der 1977 geborene Künstler Jochen Höller beschreibt damit zu allererst seine eigene Arbeit: Die großformatige Collage "Universe III (16.000 Fragezeichen zeichnen die Milchstraße)" etwa besteht aus 16.000 ausgeschnittenen winzigen weißen Fragezeichen, aufgeklebt auf nachtschwarzem Grund basiert auf einer Fotografie der Milchstraße. Doch in der Landesgalerie Niederösterreich, in der Höllers Nachthimmel gerade zu sehen ist, hat die Verbindung der Kunst mit dem Fragen-Stellen eine grundsätzlichere Dimension.

Gerda Ridler, neue Direktorin des Museums in Krems, hat sich mit Kuratorin Alexandra Schantl in die Sammlung des Landes begeben. Im Gepäck hatten die beiden elf Fragen, in deren Umfeld sie 166 Werke von 128 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt haben. Der inhaltliche Fokus liegt dabei auf Kunst ab 1960 - ein naheliegender Zeitraum, stammen doch 72.000 der 100.000 Werke der Sammlung aus dieser Zeit.

Erst auf den zweiten Blick abstrakt: Max Boehmes dreiteiliges Barock-Zitat im Großformat. - © Landessammlung NÖ / Christoph Fuchs
Erst auf den zweiten Blick abstrakt: Max Boehmes dreiteiliges Barock-Zitat im Großformat. - © Landessammlung NÖ / Christoph Fuchs
Manche Kunst-Zitate sind offensichtlich: Franziska Maderthaner würdigt "VALIE Lassnig". - © Landessammlungen NÖ, Bildrecht Wien, 2022
Manche Kunst-Zitate sind offensichtlich: Franziska Maderthaner würdigt "VALIE Lassnig". - © Landessammlungen NÖ, Bildrecht Wien, 2022

"Rendezvous mit der Sammlung" heißt die auf drei Ebenen präsentierte Schau, die zugleich einen umfassenden Überblick über die Sammlung bietet als auch generell über das heimische Kunstschaffen der vergangenen 60 Jahre. Kaum eine namhafte Künstlerpersönlichkeit, die hier nicht mit einem Werk oder einer Serie vertreten wäre. Noch vor der Kunst selbst, fallen die räumlichen Veränderungen auf. Die Stellwände sind in die Mitte gerückt, die durch die Architektur vorgegebenen schrägen Außenwände in die Präsentation mit eingebunden.

Die elf Fragen, die als thematische Gliederung fungieren, sind durchaus abstrakt. Und es sind Fragen, die Kunst entweder als Inhalt, als Haltung oder als formales Kriterium prägen. Eine Meistererzählung sucht man vergebens, auch gruppieren die Fragen die Werke nur sehr lose. Einen groben Rahmen liefern sie jedoch. Und die Werke selbst beleuchten dabei je eine unterschiedliche Facetten der Fragen. Beim Thema Köper etwa hängt die sexismuskritische Plakatserie "Turkish Delights" von Ona B. neben Max
Boehmes Triptychon aus dem Barock entlehnter Körperformen, die erst auf den zweiten Blick ihre irritierend abstrakte Form offenbaren. Bei Fragen des Geschlechts steht Jakob Lena Knebls lebensgroße Gliederpuppe "Ruth Anne", die fluide Geschlechterrollen thematisiert, direkt vor August Wallas selbstreflexivem bunten Acryl-Gemälde "Doppeljunge.!".

Buntes Lexikon der Gegenwartskunst

Zum Thema Natur werden die Positionen etwas differenzierter: Lois Weinberger zeigt hier mit seiner Skulptur "Garten" keine grüne Idylle, sondern die Realität von Dürre und Plastik, Gelitin präsentieren eine üppige ornamentale Blumenwiese aus Plastilin, Renate Bertlmann eine "Libelle", die sich als mit Glasdiamanten bestücktes Sexspielzeug entpuppt, und Deborah Sengl mit "Arche Noah" einen kritischen Blick auf die unbedingte Vermarktung von Natur.

Vertritt Österreich gerade in Venedig bei der Biennale: Jakob Lena Knebl, die in Krems mit der figuralen Skulptur "Ruth Anne" vertreten ist. - © Christoph Fuchs, Bildrecht Wien, 2022
Vertritt Österreich gerade in Venedig bei der Biennale: Jakob Lena Knebl, die in Krems mit der figuralen Skulptur "Ruth Anne" vertreten ist. - © Christoph Fuchs, Bildrecht Wien, 2022

Zur Frage der Referenz, also Kunst, die sich auf Kunst bezieht, fällt neben Adolf Frohners skulpturalem "Denkmal für Alberto Giacometi" Franziska Maderthaners "VALIE Lassnig" von 2014 ins Auge, in dem sie in knalligen Farben und kraftvollen Gesten Valie Export und Maria Lassnig zitiert wie fusioniert. Auch Erwin Wurm ist hier vertreten: mit seinem Marcel Duchamps Pissoir zitierender Keramik "Mr. Mutt".

Die weiteren Fragenblöcke bleiben dann weniger konkret: Transzendenz ist ein Thema - mit sakral angehauchten Werken von Johanna Kandl, Arnulf Rainer und Hermann Nitsch. Nach dem malerischen Prozess fragen pastose Arbeiten von Franz Grabmayr, Peter Neuwirth und Jakob Gasteiger. Fragen des Raumes und der Form illustrieren die streng geometrischen Arbeiten von Helga Philipp, und Leo Zogmayer, das finale Thema Licht bilden erwartungsgemäß Brigitte Kowanz und Erwin Redl ab. Der einzige Bogen, der sich also ablesen lässt, ist der hin zu Abstraktion und Reduktion.

Insgesamt bietet die Schau einen umfassenden, jedoch auch etwas beliebigen Einblick in die Sammlungsbestände. Die vielen stilistisch wie technisch unterschiedlichen Einzelpositionen illustrieren zwar die Vielfalt der heimischen Kunstszene, verorten die einzelnen Werke jedoch kaum in einem Kontext. Den liefert der umfangreiche Katalog, der sich mit Kurzbiografien wie ein buntes Lexikon der (nieder)österreichischen Gegenwartskunst liest.

Das reduzierte, streng geometrische Werk von Helga Philipp bildet eine der künstlerischen Brücken zwischen den Ausstellungen in der Landesgalerie und im Forum Frohner. - © Nachlass Helga Philipp
Das reduzierte, streng geometrische Werk von Helga Philipp bildet eine der künstlerischen Brücken zwischen den Ausstellungen in der Landesgalerie und im Forum Frohner. - © Nachlass Helga Philipp

Adolf Frohner im Kreis seiner Kollegenschaft

Auf den Kontext und die Zusammenhänge hinter den Werken fokussiert dagegen die aktuelle Schau im Forum Frohner. "Frohner universitär" setzt sich mit den prägenden Lehrpersönlichkeiten auseinander, die zeitgleich mit Adolf Frohner an der Angewandten tätig waren: Der illustre Bogen spannt sich von Oswald Oberhuber und Hans Hollein über Peter Weibel und Helga Philipp bis zu Maria Lassnig und Martha Jungwirth. Neben den vielen künstlerischen Brücken zu Schau in der Landesgalerie lassen sich im Forum Frohner weniger die inhaltlichen Bezüge rekonstruieren als vielmehr der fruchtbare Nährboden eines erstaunlichen künstlerischen Netzwerkes.