Kinderlähmung, ein Busunfall: Frida Kahlos Leben war stets von Schmerzen begleitet. Über Jahre war die Künstlerin ans Bett gefesselt. Bei fast der Hälfte ihrer Werke handelt es sich um Selbstporträts, die sie im Krankenbett von sich malte. Eindringliche, teils makabre Bilder, in denen Mexikos berühmteste Künstlerin ihr körperliches und seelisches Leiden, ihre Trauer, ihre Tragik artikulierte.

Wir müssen ihre Bilder interpretieren, können nur erahnen, wie sie sich tatsächlich fühlte. Doch in unzähligen Briefen, die Frida Kahlo ihrem Ehemann und Künstler Diego Rivera schickte, erfahren wir, wie es ihr wirklich ging - Ihre Sorgen, Träume, Hoffnungen.

"Sei nicht traurig - male und lebe - ich liebe Dich von ganzem Herzen", schrieb Frida Kahlo 1948 ihrem Mann. Ihre Liebesbriefe werden immer mehr zu Abschiedsbriefen. 1954 stirbt die zierliche Künstlerin mit den dichten Augenbrauen mit nur 47 Jahren an einer Lungenembolie.

Henri Matisses Brief an seine Frau Amélie zeigt Vorzeichnungen für seine späteren Marokko-Bilder. - © Manuel Meyer
Henri Matisses Brief an seine Frau Amélie zeigt Vorzeichnungen für seine späteren Marokko-Bilder. - © Manuel Meyer

Rund dreißig solcher Briefe wie die von Frida Kahlo sind noch bis zum 25. September im Thyssen-Bornemisza Museum in Madrid zu sehen. Es handelt sich um Korrespondenzen, Briefe und Postkarten berühmter Künstler wie Gauguin, Van Gogh, Manet oder Henri Matisse, die aus der Sammlung der Schweizer Briefsammlerin Anne-Marie Springer stammen.

Briefe von Feldherren, Physikern und Malern

"Diese intimen Blicke in die Seele, ins Innere der Künstler durch das Lesen ihrer privaten Briefe zeigen uns die Künstler nicht nur als Menschen, sondern rücken auch ihre Werke in ein ganz neues Licht", erklärt Anne-Marie Springer, die bereits 1994 mit dem Sammeln von Briefen historischer Persönlichkeiten anfing.

Heute ist Springer die stolze Besitzerin von rund 2.000 Briefen berühmter Persönlichkeiten. Die Briefe stammen vom 15. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre. Unter ihnen befinden sich Liebesbriefe von Napoleon, Korrespondenzen von Wissenschaftlern wie Albert Einstein oder Charles Darwin mit ihren Söhnen oder Briefe von Frederic Chopin und Winston Churchill. Auch Briefe berühmter Sänger und Schauspieler wie Elvis Presley, Edith Piaf oder Marlene Dietrich liegen in ihrer Sammlung.

In den vergangenen Jahren interessierte sich Anne-Marie Springer besonders für die Korrespondenzen von Malern. "In ihnen erhalten wir häufig sogar interessante Angaben über den kreativen Prozess konkreter Werke. Sie sprechen über ihre Schwierigkeiten bei der Erstellung einer Arbeit wie auch diese sechs Briefe von Henri Matisse an seine Frau Amélie von 1912 zeigen", erklärt Springer bei einem Rundgang durch ihre Ausstellung im Madrider Thyssen-Museum.

Matisse versah seine Briefe sogar mit Zeichnungen, die als Vorzeichnungen für sein berühmtes Gemälde "Blick aus dem Fenster" angesehen werden können. Er beschreibt, welche Vasen er gekauft hat, um sie ins Gemälde einzubauen.

Unterdessen beschreibt Claude Monet in einem Brief seine Schwierigkeiten, bei den heftigen Schneefällen in freier Natur malen zu können. Der Schnee würde seine Leinwand und Farben komplett bedecken. Bei diesen Zeilen erhält Monets neben dem Brief hängende Gemälde "Schneeschmelze in Vetheuil" (1880) eine ganz neue Dimension. Der Betrachter bekommt plötzlich Hintergrundinformation zur Entstehung eines Werks vom Künstler selber.

Rund 18 Gemälde von Künstlern wie Lucian Freud, Paul Gauguin, Cezanne, Edgar Degas, Max Pechstein, Camille Pissarro, Edouard Manet oder Juan Gris sind in insgesamt sieben Ausstellungsräumen 34 Briefen gegenübergestellt. Es fällt auf, dass Egon Schiele formal fast genauso schrieb, wie er malte. Eugène Delacroix erklärt in Briefen, wie sehr ihn die Werke Peter Paul Rubens inspirieren und seine Arbeit verjüngen. Neben dem Brief hängt Rubens "Heiliger Michael vertreibt Luzifer und die rebellischen Engel".

Van Gogh schreibt
über seinen Wahnsinn

Vincent van Gogh verrät am 21. August 1888 seinem Malerfreund Emile Bernard in einem Brief, dass er plant, eine Reihe von Sonnenblumenbildern zu malen, um das Gelbe Haus in Arles zu schmücken. Grelle, gebrochene Gelbtöne wolle er benutzen. Die Farben sollen "die verbrannte Luft der Erntezeit zur Mittagszeit in der glühenden Hitze" suggerieren, erklärt van Gogh. Es ist auffallend, wie stark sich die Handschrift des Künstlers in diesem einzigen Briefwechsel verändert. Er spricht offen an, verrückt zu werden.

Auch erzählt er von der traumhaften Flusslandschaft, die er ein paar Gehminuten vom Gelben Haus an der Rhône entfernt malte. Neben den originalen Briefzeilen hängt Vincent van Goghs Werk "Die Stauer in Arles" von 1888. Die Ausstellung "Künstlerbriefe aus der Sammlung Anne-Marie Springer" macht vor allem eines klar: Die Schrift und die Worte einiger großer Künstler zu lesen, kann genauso aufschlussreich und packend sein, wie ihre Pinselstriche zu bewundern.