Definitiv eine äußerst dichte Ausstellung mit vielen Referenzen, wovon man sich freilich nicht abschrecken lassen sollte. Also Augen auf und durch (durch die Tür der Silvia Steinek Galerie). Und nachher . . . schauen. Oder lesen.

Okay, der Titel des begleitenden Künstlerbuches ist schon ein bissl kryptisch. Auf dem Cover steht nämlich, aufgeteilt auf vier Zeilen: "HERR MANN HIAT US." Hm. "US" wie das englische "uns"? Und was, bitte, soll dieser Herr Mann mit uns tun? Uns "hiaten"? Ist da ein a zu viel? Und warum "Herr" und nicht "Mister"? Na ja, weil das eben nicht Englisch ist. Sondern Lateinisch. Zumindest das letzte Wort. Us? Falsch. Hiatus! 

Essensstillleben auf Diät

Man sollte halt auch den Buchrücken lesen: "Matthias Herrmann HIATUS (MBC)." Wobei "MBC" die Abkürzung ist für "Monochrome Banketje Corona". Und was soll das jetzt wieder bedeuten? Irgendwas mit holländischer Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts (und hier ist insbesondere die "Diätversion" gemeint, die, statt barock zu schlemmen, ein frugales Mahl auftischt, in einer auf einen Grundton gestimmten gedämpften Palette; ach, deshalb das "monochrome Bankettbild") und dann noch was mit der Pandemie.

Während Letzterer mit ihren verordneten Rückzügen ins Private, als sich die alte Normalität eine Auszeit genommen hat (und nach wie vor ist sie bekanntlich nicht zurück), sind schließlich sämtliche Arbeiten entstanden. Doch bloß weil "Hiatus" mit "Lücke, Kluft" übersetzt wird (das Zusammentreffen zweier Vokale wird ebenso mit diesem Terminus bezeichnet, oder eine Pause), heißt das nicht, das wären reine Lückenbüßer. Oder lediglich Pausenfüller.

Im ersten Raum ist's noch nicht so füllig: Einblick in die Ausstellung von Matthias Herrmann in der Silvia Steinek Galerie. 
- © Matthias Herrmann

Im ersten Raum ist's noch nicht so füllig: Einblick in die Ausstellung von Matthias Herrmann in der Silvia Steinek Galerie.

- © Matthias Herrmann

Eine wilde, aber konsequente Mischung ist das jedenfalls. Aus Vanitas-Stillleben, Selbstporträts des alternden Meisters und einer Liebeserklärung an die Alten Meister. (Herrmann, der "kunsthistorische Obsessionen" zugibt: "Ich wollte immer Kunstgeschichte studieren." He, originell, die Erklärung, die zu Beginn von besagtem 200 Seiten starken Druckwerk abgegeben wird: "Medieval Art explained in three words: Waiting for Giotto." Die mittelalterliche Kunst in drei Worten erklärt: Warten auf Giotto. – Und der ist im Gegensatz zu Godot tatsächlich erschienen. Und hat die Malerei nachhaltig verändert, den Weg zur Renaissance mitbereitet.) Und zusammengehalten wird alles durch: die Schaulust.

Womit wir beim Ausgangspunkt der Reise wären: dem Mythos von Actaeon (von Ovid in bildreichen Hexametern erzählt), der tragischen Geschichte jenes bedauernswerten Jünglings, der ohne Absicht zum Spechtler wurde, schlicht das Pech hatte, sich im Wald dorthin zu verirren, wo zufällig die g’schamige Diana mit ihren Nymphen ein Bad genommen hat, woraufhin ihn diese kurzerhand, auf dass der Sterbliche vor seinen Kumpeln nicht damit angeben könne, eine Göttin nackt gesehen zu haben, in Hundefutter verwandelt hat. Nein, nicht in einen Stapel Konservenbüchsen. Vielmehr in einen Hirschen. Bevor er von seinen eigenen Jagdhunden gerissen worden ist, weil die ihr Herrchen mit Geweih nicht erkannt haben. 

Kein Trauerknödel

Mnemosyne: die griechische Göttin der Erinnerung und ein Fluss mit gutem Gedächtnis. Angesichts der welkenden Blume in Matthias Herrmanns Stillleben muss man aber eh nur an eines denken: die Vergänglichkeit. 
- © Matthias Herrmann

Mnemosyne: die griechische Göttin der Erinnerung und ein Fluss mit gutem Gedächtnis. Angesichts der welkenden Blume in Matthias Herrmanns Stillleben muss man aber eh nur an eines denken: die Vergänglichkeit.

- © Matthias Herrmann

Schamhaftigkeit kann man dem 1963 in München geborenen Fotografen, der vor seinem Studium an der Angewandten Tänzer beim Wiener Staatsopernballett war, bestimmt nicht nachsagen, wenngleich er bei seinen deftig bizarren, tabulos selbstironischen Doktor- und Rollenspielen, für die man ihn kennt, in der Regel allein mit der Kamera war. Mit vollem Körpereinsatz und provokantem Witz hat er seine situationskomisch phallische One-Man-Show stets durchgezogen, der begnadete Alleinunterhalter. Hat sichtlich irrsinnigen Spaß gehabt mit seinen Sexspielzeugen, Perücken und sonstigen Accessoires.

Metamorphosen sind folglich auch sein Ding. Die lustvolle Verwandlung in jemand anderen, mit Klischees zu spielen. Eine fremde Identität anzunehmen. Oder die eigene. Seine Homosexualität zu thematisieren zwischen Eros und HI-Virus, Lebensgier und Thanatos. Hirsch war er zwar keiner, dafür Diana. Nicht die Göttin, doch immerhin die Prinzessin. Hat sich einmal ihr Gesicht ausgeborgt. Es als Maske aufgesetzt. Übrigens im ersten Stock der Galerie zu sehen, wo ein wenig in die Vergangenheit zurückgeblickt wird. In die 1990er Jahre zum Beispiel, wo der einstige Präsident der Secession und Professor an der Wiener Kunstakademie speziell mit seinen "Textpieces" komödiantisches Talent mit insgeheimem Tiefgang bewies, als er sich mehr dialogisch denn illustrativ zu gefundenen Zitaten gesellte. Etwa im Minikleidchen und mit marilynblonder Lockenperücke drohte, vom Sockel zu springen: "If someone offers me another glass of white wine I’ll jump."

Inzwischen, in seinen nunmehr ersten fotografischen Selbstinszenierungen seit 2008, ist sein Humor ernster, weniger klamaukhaft, "reifer", wenn man so will, die Selbstbeschau realistischer, nimmer so grell. Der bald 60 Jahre alte Ex-Tänzer-Körper ist noch immer ziemlich "gut definiert", die Haare sind dagegen angegraut. ("Ich hab versucht, nicht zu schönen.") Nicht, dass der Künstler mit dem beinah übertrieben maskulinen Nachnamen (ein regelrechter Pleonasmus: Herrmann) ein Langweiler geworden wäre. Oder ein Trauerknödel. (In Österreich sagt ja keiner "Kloß".) Nur subtiler. 

Vergänglich wie Giorgiones "Oide"

Obwohl: Wenn er sich mit einem Apfel, der Frucht der Erkenntnis, knebelt, lässt er gleichzeitig die "Schlange" aus dem Slip raus. Ein Rückenakt zeigt ihn andererseits mit drei Buchstaben auf der linken Backe seiner vier Buchstaben: H, I und V. Ein Götzzitat? Leck mich am Allerwertesten, scheiß Virus?

Verliebte Pusteblumen: Romantisches Stillleben von Matthias Herrmann, der es auf dem Glasnegativ "signiert" hat. 
- © Matthias Herrmann

Verliebte Pusteblumen: Romantisches Stillleben von Matthias Herrmann, der es auf dem Glasnegativ "signiert" hat.

- © Matthias Herrmann

Ein andermal hat er sich auf die Brust acht Lettern gekritzelt. Konkret: die zwei Wörter "COL TEMPO". Italienisch für "im Laufe der Zeit". Ein diskreter Verweis auf Giorgiones "La Vecchia" (die Alte). Der Renaissancemaler hat da seiner "Oid’n" nämlich ein Zetterl mit dieser Nachricht für den Betrachter in die Hand gedrückt. Und der Matthias Herrmann ("Es geht auch sehr um die Demut, das Altern, den mit dem Altern einhergehenden Verfall.") wird dadurch nun selber zu einer Allegorie der Vergänglichkeit, zu ihrer Verkörperung.

An die Endlichkeit gemahnen die geradezu melancholischen Stillleben mit ihren vor sich hinwelkenden Blumen sowieso. Memento mori – sei dir deiner Sterblichkeit bewusst. Und versucht die Fotografie nicht generell, den flüchtigen Moment einzufangen, zu fixieren? Intime Arrangements. Die rührende Schönheit des Verblühens, kombiniert mit Abbildungen aus Auktionskatalogen oder Kunstpostkarten, eigenen Fotos, vereinzelt mit Reptilien und manchmal sogar mit Feuer, dem Verflüchtigungsbeschleuniger, wenn er zündelt, der Herrmann, und den Moment anzündet.

"No animals were harmed in the making of these photographs" wird im Buch wie im Nachspann eines Hollywoodfilms betont. Nein, Schlange hat der Künstler keine gehäutet. Und kein Eidechserl abgemurkst. Die Viecher waren bereits hin. Blumen kamen allerdings sehr wohl zu Schaden. Die eine oder andere Blüte hat er jedenfalls in Brand gesteckt. Wie er obendrein sein Selbstbildnis (als Jungfrau Maria?) mit Madonnenschleier ("so’n Samtdings") von Flammen umlodern lässt wie von einem Heiligenschein, der das Fleisch verzehrt, während er es heiligt. Knisternde Keuschheit? Oder ist das eine Hexenverbrennung? 

Mit dem Penis signieren

Pathetischer Hintern beim Bethlehemitischen Kindermord: Matthias Herrmann zitiert in seinen Stillleben auch gern Kunstgeschichte und -theorie. 
- © Matthias Herrmann

Pathetischer Hintern beim Bethlehemitischen Kindermord: Matthias Herrmann zitiert in seinen Stillleben auch gern Kunstgeschichte und -theorie.

- © Matthias Herrmann

Elementarer Baustein ist jedes Mal ein Glasnegativ aus der Frühzeit der Fotografie, das hier oft als Sockel fungiert, beispielsweise eine fragile Liebe kompositorisch stützt, den zarten Kuss zweier Pusteblumen, und in die beschichtete Platte werden Botschaften hineingeritzt, Schlagworte, bildliche Informationen: ein doppeldeutiges "HOMO" (der Mensch und der Schwule) oder Aby Warburgs "PATHOSFORMEL" (formelhafte Gebärden zwecks eines emotionalen Ausdrucks), neben der ein bethlehemitischer Kindermörder seinen nackten Hintern aus einer Sex-and-Crime-Orgie herausreckt (der könnte direkt ein echter Herrmann sein). Aber "meistens sind‘s Penisse", bekennt der Künstler. (Stimmt.) Ein pubertäres Sgraffito? Eher eine Signatur.

Einer davon signiert (oder kommentiert?) den römischen Kaiser Titus, wie Tizian ihn nebst zehn weiteren Cäsaren gemalt hat. Bzw. handelt es sich um die gedruckte Abbildung einer Kopie nach diesem unwiederbringlich verschollenen, weil nachweislich verbrannten Gemälde. Und diese wiederum, die Abbildung, hat der Herrmann ("niemand weiß, wie viel Tizian in dem Bild ist") erneut fotografiert. Hat was von einer visuellen Stillen Post.

Das Thema von Original und Kopie (und die Frage, in welcher Form die Kunst dem Betrachter, dem Schaulüstling, ins Auge fällt – jeder weiß, wie die Mona Lisa aussieht, ohne zwangsläufig den Louvre besucht haben zu müssen), das beschäftigt ihn dermaßen, dass er beides leidenschaftlich sammelt. Die Kopien kauft er, die Originale sammelt er halt mehr mit dem Fotoapparat. "Ich reise Bildern auch hinterher." Weil er dafür ist, "dass die Kunst nicht mehr so viel reist". Sondern daheim bleibt, im Museum, um sich zu schonen, nicht beim Transport kaputt zu gehen. 

Die Tapete fürchtet sich vor der leeren Wand

Im Hinterkammerl der Galerie, das mit den Druckbögen des Buches tapeziert ist, findet sich unter den Motiven allerlei abendländisch Museales. Bis hin zu den leeren Wänden eines Saales im Wiener Kunsthistorischen Museum in Erwartung von Mark Rothkos Farbfeldmalerei und Abstraktem Expressionismus. VOR der Horror-vacui-Tapete (Horror vacui? Die Scheu vor der Leere!) hängen weitere Bilder. Leibhaftige "Tizians" (ein Stich nach seinem "Tod des Actaeon", der "Raub der Europa"), ein "Raffael".

Auf eine Tapete aus seinen Stillleben, Selbstporträts und Museumsfundstücken hat Matthias Herrmann Tizians "Raub der Europa" gehängt. Natürlich nicht das Original. 
- © Matthias Herrmann

Auf eine Tapete aus seinen Stillleben, Selbstporträts und Museumsfundstücken hat Matthias Herrmann Tizians "Raub der Europa" gehängt. Natürlich nicht das Original.

- © Matthias Herrmann

Herrmann, der außerdem offenbar ein begeisterter Rechercheur ist, rätselt über die französische Kopie der von Tizian gemalten Entführung der Namensgeberin eines ganzen Kontinents (diesmal ist freilich kein "geweihter" Mann involviert, ein hirschgeweihter, dafür ein gehörnter Gott – Zeus in Stiergestalt): "Das Bild war damals gar nicht in Frankreich, sondern in Spanien. Wie hat der Kopist es gesehen? Da fängt mein Gehirn an zu rattern." Und wenn der derzeit in Berlin lebende Kandier Sholem Krishtalka eine Fotoarbeit von Matthias Herrmann in ein Aquarell übersetzt (Herrmann mit blonder Perücke, Erektion und brennender Blume), ist das dann eine Kopie oder nicht doch ein Original?

Brigitte Kowanz, fotografiert von Matthias Herrmann, als "Guardian Angel" der Ausstellung. Darunter: das Künstlerbuch "Hiatus". 
- © Matthias Herrmann

Brigitte Kowanz, fotografiert von Matthias Herrmann, als "Guardian Angel" der Ausstellung. Darunter: das Künstlerbuch "Hiatus".

- © Matthias Herrmann

Zwischen all der altmeisterlichen rohen Fleischlichkeit, auf die die herrmannsche quasi wie ein fernes Echo antwortet: eine Hommage an einen vergleichsweise JUNGEN Meister. An Marcel Duchamp (den Vater des Readymades und Mitbegründer der Konzeptkunst). Dessen falsche Landschaft ("Paysage fautif"), ein Fleck, der sich nach eingehenderen Untersuchungen als Sperma herausgestellt hat, als ejakuliertes Action-Painting, wird seltsamerweise nicht mit Samenflüssigkeit nachempfunden. (Dabei hat der Herrmann selber dereinst abstrakte Spermalandschaften, Gefilde zwischen Kitsch und Ekel . . . äh: aus der "Tube" gedrückt.) Der vermeintliche Körpersaft soll zumindest Klebstoff sein.

Eine sehr körperliche und zugleich geistreiche Schau, sinnlich und lehrreich, über die die heuer im Jänner verstorbene Lichtbildhauerin Brigitte Kowanz als "Schutzengel" (Herrmann) wacht. Das auf dem Foto ist sie nämlich. Oder das war sie Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, als ihr ehemaliger Schüler es von ihr gemacht hat. Respektive war der Herrmann Schüler vom Ernst Caramelle und die Kowanz dessen Assistentin. "Ohne Brigitte", meint der Herrmann und Meister, "wäre ich nicht der Künstler geworden, der ich heute bin."