Klassischer Bildträger mit vier Buchstaben: Wand, was sonst? (Na ja, Holz zum Beispiel. Auf dieses wird das Bild allerdings nicht gehängt, sondern üblicherweise draufgemalt.) Mit acht Buchstaben wär’s jedenfalls die Leinwand. Die spielt hier freilich keine Rolle. (Der andere Bildträger mit vier Buchstaben hingegen durchaus. Also das Holz.)

Apropos "spielen" und "Rolle". Die Filiale der Galerie nächst St. Stephan in der Domgasse (die "Muttergalerie" liegt gleich ums Eck in der Grünangergasse) hat tatsächlich ein bissl was von einer Bühne. Weil die betongraue Wand, die der Günter Umberg mitten in seiner Ausstellung ("FELD 2") errichtet hat, eine Kulisse ist. Gewissermaßen. 

Runter mit den Bildern! Freie Sicht auf die Wand!

Eine Potemkinsche Betonwand. Ein "geschminktes" Gerüst, das Massivität vortäuscht. Mimt das nur die Wand? Bilder sind zumindest keine montiert. Aber nicht, weil das ein Denkmal für "die Wand" wäre, die bekanntlich niemand sonderlich beachtet, am wenigsten in einer Galerie, wo alle bloß auf die Bilder schauen, die daran angebracht sind. (Runter mit den Bildern! Freie Sicht auf die Wand!)

So schaut die "Wand" von hinten aus. Also doch kein massiver Beton. Links (an der WEISSEN Wand): ein schwarzes Bild ohne Titel (2021/2022), von Günter Umberg gemalt. 
- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

So schaut die "Wand" von hinten aus. Also doch kein massiver Beton. Links (an der WEISSEN Wand): ein schwarzes Bild ohne Titel (2021/2022), von Günter Umberg gemalt.

- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Dieser genial simple, irritierende Eingriff in die architektonischen Gegebenheiten wirft einige Fragen auf. Etwa ob die Wand leer ist oder selber das Bild. Eine eintönige Wandmalerei in der Farbe des Kompromisses (zwischen den Extremen Schwarz und Weiß)? Ein freistehendes Bildobjekt? Oder wofür ist das mysteriöse erratische Trumm gut, das einen C-Print und ein monochrom schwarzes Gemälde voneinander trennt? Und befindet sich Letzteres, das quasi hinter den Kulissen herumkrebst, womöglich bereits außerhalb der Ausstellung? Noch dazu deutet die graue Stellwand ein Raumeck an, ein Drinnen. Ist L-förmig, nämlich am einen Ende geknickt wie der zwölfte Buchstabe des Alphabets. So gesehen ist die besagte schwarze Monochromie definitiv draußen.

Über 100 Schichten sollen sich da zum schier absoluten Schwarz summieren. Unbunt heißt ja nicht "ohne Farbe", lediglich ohne Bunt. Und kein Pinselstrich ist in der gesättigten Perfektion zu erkennen. Wahrscheinlich ist das überhaupt kein Gemälde, weil das Bild gar nicht gemalt ist, oder? Doch. Ist es. Mit dem haarigen Malgerät angefertigt. "Normalerweise ist die Farbe ja flüssig", beginnt der Maler aus Deutschland (1942 in Bonn geboren, lebt und arbeitet in Köln und im französischen Corberon) seine Technik zu erklären. Und bei ihm ist sie fest, die Farbe? Und trocken? So ungefähr. "Ich trage Binder und Pigmente getrennt auf." Wieder und wieder macht er das. Schicht für Schicht. 

Der Finger wird trotzdem nicht spaghettisiert

Scheint zu schweben: das kleine Schwarze von Günter Umberg. 
- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Scheint zu schweben: das kleine Schwarze von Günter Umberg.

- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Dermaßen konzentriert ist die Farbe am Ende, die saugt die kontemplierenden Blicke ein wie ein schwarzes Loch. Grad, dass ihre ungeheure Anziehungskraft einem nicht den sich nähernden Finger in die Länge zieht, ihn "spaghettisiert". Wenn ich nun diese samtige, pudrige Oberfläche, die sämtliches Licht zu schlucken scheint, angreifen würde, hätte ich nachher schwarze Fingerkuppen? Umberg: "Ja. Und dann wär das Bild zerstört."

Und mit welchem Trick bringt er dieses empfindliche Schwarz zum Schweben? (Denn das hebt förmlich ab.) Indem das Holz zur Wand hin (der weißen, die bereits vorher da war) abgeschrägt wird. Obendrein hat das Tafelbild kaum Kontakt zur dieser. Von der Seite kann man durch den schmalen Spalt sogar durchspechteln. An den Metallstifterln vorbei.

Bei einem schwarzen Quadrat muss man natürlich automatisch an Malewitsch denken. An seines. An den ikonischen Nullpunkt der Malerei. Der Umberg pflichtet mir bei: "Ja." Mit dem relativierenden Nachsatz: "Das ist aber kein Quadrat. Es ist ein Hochformat." Oh. Jetzt seh ich’s auch. 49 mal 44,5 Zentimeter misst es übrigens. 

Ein Bild braucht Höhe, Breite, Tiefe – und Fleisch

DIESES Opus von Günter Umberg, ein Colorprint auf Transparentpapier, HAT einen Titel: "Fontfroide - Ein Bilderhaus" (2004/2022). 
- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

DIESES Opus von Günter Umberg, ein Colorprint auf Transparentpapier, HAT einen Titel: "Fontfroide - Ein Bilderhaus" (2004/2022).

- © Alistair Overbruck, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Und das andere Opus? Ist schwarz gerahmt. Und das Transparentpapier, auf das eine Fotografie gedruckt ist, die jenes imposante "Bilderhaus" zeigt, das Umberg 2004 für die Art Basel Unlimited zusammengezimmert hat, schwebt hinterm Glas scheinbar ebenfalls. (In Wirklichkeit ist es zwischen zwei Glasscheiben geklemmt.) Ein mehrstöckiges Holzkonstrukt, eine abenteuerlich aufgetürmte Bretterbude ohne Bewohner. Dafür bevölkern Begriffe das Blatt, schwirren umher. Grundlegende Eigenschaften, die ein Bild ausmachen, wie "Höhe", "Breite", "Tiefe", "Sekret", "Haut", "Verletzbares Fleisch" . . . Moment: Sekret? (Welches? Das der Bäume? Das Dammarharz, das Umberg beim Malen benötigt?) Haut? Fleisch? Die Malerei als Organismus? Als fühlendes Wesen?

Eine Lenkungsmaßnahme ist die graue Wand, die die Schritte beim Eingang nach rechts oder nach links weiterleitet, zum schwarzen Nicht-Quadrat oder zum "lesbaren" Foto, das Verhältnis zwischen Werk und Publikum, Raum und Bild handfest regelt, es inniger macht. Durch die intime räumliche Absonderung und weil sie jegliche Ablenkung durch das jeweils andere Exponat ausschließt. Sich als Sichtschutz dazwischenschiebt. Komplexe Beziehungsgeschichten in einem einfachen Setting.

Bleibt noch zu klären, wie viele Werke ausgestellt sind. Auf der Preisliste verzeichnet sind nur zwei. Und wie sieht der Künstler das? Zwei oder drei? "Ein Werk." (Originelle Antwort.)