Das Covergirl aus der Ausstellung "Der Blick aus dem Rahmen. Schenkung Sammlung Klewan" ist Elfriede Jelinek. Es war lange vor ihrem Literatur-Nobelpreis, als Isolde Ohlbaum sie 1979 in München vor die Kamera holte. Sie blickt uns forsch an, herausfordernd direkt, mit Zigarette, insgesamt sind es aber nur etwa ein Dutzend Frauen, die in Radierungen, Stichen, Malerei oder Fotografie in einem Saal aus Bilderwolken auftauchen. Unter den Fotografien sind über dreißig von Ohlbaum, vor allem in der Österreichabteilung: Thomas Bernhard, Elias Canetti, Wolfgang Bauer, Peter Turrini, Gerhard Rühm, Hans Carl Artmann sind einige der anderen. Ein Doppelbildnis des Dichterpaares Friederike Mayröcker und Ernst Jandl ist ihr besonders gelungen. Helmut Klewan handelte als Galerist in Wien und München, einer seiner frühen Kunden war Rudolf Leopold, weshalb dessen Museum nun seine ehedem über tausend Autorenbildnisse als Schenkung bekommt.

Günter Grass mit Schnecke

Eine Struktur bekam die Schau von Kurator Stefan Kutzenberger, der einen Teil, immerhin mehrere hundert Exponate, in locker gehängte Sprachwolken unterbrachte, ohne unsere Auffassungsgabe zu überfrachten. Nur geografische und damit nationale Grenzen sind es nicht, im deutschsprachigen Bereich haben die Österreicher einen eigenen Schwerpunkt. Die Verschränkung der Künste - wenn etwa Pablo Picasso Max Jacob in einer Grafik überliefert oder Günter Grass sich selbst mit Schnecke zeichnet - macht die Faszination dieser Verdoppelung des Sammlerglücks aus. Ein Foto der Münchner Wohnung Klewan zeigt die ehemalige Petersburger Hängung, um so viele Autoren wie möglich um sich zu haben.

Miguel de Cervantes Saavedra wie Salvador Dalí ihn 1966 sah - im Hintergrund ein kleiner Don Quijote. - © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022
Miguel de Cervantes Saavedra wie Salvador Dalí ihn 1966 sah - im Hintergrund ein kleiner Don Quijote. - © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022

Im Oberlichtsaal vor der Schau führt eine malerische Werkgruppe von Peter Sengl in das Thema ein: er verfremdete auf seine dynamisch-verspielte sowie grellbunte Art und Weise Hermann Hesse, Marcel Proust, Charles Baudelaire, Antonin Artaud, Franz Kafka, Arno Schmidt, Franz Werfel oder Thomas Mann.

Im Katalog gibt es herrliche Begleitgeschichten, besonders vom Sammler selbst, von seinen Treffen mit den Literaten, bei denen er auch selbst fotografierte - etwa Alfred Muschg, Anselm Glück oder Ferdinand Schmatz. Franz Hubmann fing Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann im Duo ein, daneben aber auch Heimito von Doderer und Heinrich Böll. August Sander hinterließ eine interessante Gruppe mit Raoul Hausmann, seiner Frau Hedwig und Eva Broido. Max Jacoby war es ein Anliegen, mehrere Nobelpreisträger in Berlin abzulichten, neben Böll und Grass sind John Dos Passos, Fritz Baumgart und Walter Höllerer zu sehen. Es gibt aber auch Dichter wie Mann, Rainer Maria Rilke oder Edgar Allen Poe und Friedrich Nietzsche, die in mehreren Künstlerporträts Untergruppen bilden.

Covergirl Elfriede Jelinek, festgehalten von Fotografin Isolde Ohlbaum. - © Isolde Ohlbaum
Covergirl Elfriede Jelinek, festgehalten von Fotografin Isolde Ohlbaum. - © Isolde Ohlbaum

Die Dichterinnen sind neben den bereits genannten durch hunderte Jahre Literaturgeschichte auch Charlotte Brontë, Bettina von Arnim, George Sand, Gertrude Stein, Laure (Colette Peignot), Anette von Droste-Hülshoff, Marie von Ebner-Eschenbach oder Ricarda Huch. Der deutsche Zeichner Horst Janssen ist ähnlich wie Emil Orlik oder Oskar Kokoschka mit mehreren Werken vertreten; Kokoschka zeichnete Ezra Pound, Paul Scheerbart, Richard Dehmel und Herwarth Walden.

Doppelt belichteter Schwitters

Besondere Highlights neben einer anonymen späten Fotografie von Pound ist die Aufnahme, die Rosemarie Clausen von Beckett gelang, ist Alberto Giacomettis Liniengewirr, das Jean Genets Kopf umkreist, die anonyme Fotografie von Ernst Mach am Arbeitstisch und Jacques Sassiers Aufnahme von Emile Michel Cioran, Gisèle Freunds Porträts von James Joyce, aber zu diesem gibt es auch eine Zeichnung von Günter Brus. Auch die russische Abteilung birgt wunderbare Arbeiten, Max Beckmann und Felix Vallotton widmeten sich grafisch Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij, Picasso Leo Tolstoi, Alexander Rodchenko Wladimir Majakowskij und von El Lissitzky gibt es in der Schweizer Wolke zwei wunderbare Doppelbelichtungen von Kurt Schwitters Gesicht während seiner dadaistischen Sprachperformances.

Sammler Klewan hat Kunstgeschichte bei Otto Demus, Otto Pächt und Fritz Novotny studiert, bevor er als Kunsthändler bekannt wurde, schade, dass diese Heroen der Kunstgeschichte nicht vor seine Kamera kamen, seine Netzwerke mit Autoren, Künstlern, Fotografinnen wie Ohlbaum, die für seine Sammlung wichtig waren, sind aber erstaunlich.