"Deutsche Hunde haben saubere Zähne" – was will er uns denn damit sagen, bitte, der Drago Persic? Hört sich jedenfalls wie eine Redewendung an. Wie: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Oder: "Der frühe Vogel fängt den Wurm." Spielt der Spruch eventuell auf die deutsche Gründlichkeit an? Dass unsere nördlichen Nachbarn (unsere westlichen nördlichen Nachbarn) eben auch ihren Hunden gründlich die Zähne putzen, nicht nur sich selbst? Vielleicht.

Oder der 1981 in Banja Luka geborene Künstler, der bereits als Kind, kurz vorm Bosnienkrieg, nach Österreich gekommen ist und seit seinem Studium an der Kunstakademie in Wien lebt, nennt seine Ausstellung in der bechter kastowsky galerie einfach deshalb so, weil im letzten Raum ein Bild hängt, das genauso heißt und auf dem einem Deutschen Schäferhund mit einer roten Zahnbürste die Beißerchen poliert werden. Das ist außerdem nicht irgendein Bild. Sondern sein "erstes richtiges Farbbild". Nachdem er viele Jahre alles in Schwarzweiß gemalt hat. 

Pigmente sind seine Laborratten

Und die nichtgraue Katze? Die höchstens in der Nacht ergraut (wie alle Katzen)? Wird dieser mit einem Wattestäbchen das Ohrli gereinigt, weil deutsche Katzen nun einmal saubere Ohren haben? Ist das überhaupt eine Deutsch-Langhaar? Oder eine komplett andere Rasse? Egal. Hat eh keinen Titel, das Opus. Moment: Hund und Katze sind nicht bloß seine ersten – gemalten – Haustiere in Farbe, die sind "eigentlich" (Persic) sogar seine allerersten Gemälde in Bunt?

Immer brav die Beißerchen putzen: "Deutsche Hunde haben saubere Zähne" (2022, Detail) von Drago Persic. 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Immer brav die Beißerchen putzen: "Deutsche Hunde haben saubere Zähne" (2022, Detail) von Drago Persic.

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Aber hat er nicht vor wenigen Jahren diese unzähligen Tücher gemalt, anhand derer er, Persic, alle möglichen Pigmente durchexerziert hat (natürlich nicht sämtliche alle), sich geduldig Farbe für Farbe erarbeitet hat, weshalb jedes Textil eine andere davon gehabt hat? Nämlich mit so exotischen Bezeichnungen wie Marsgelb (ist der Mars nicht der Rote Planet?), Krappdunkel oder Phthalogrün?

Auch Katzen kommen nicht überall mit der Zunge hin: Diesem Bild hat Drago Persic aber KEINEN Titel gegeben. 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Auch Katzen kommen nicht überall mit der Zunge hin: Diesem Bild hat Drago Persic aber KEINEN Titel gegeben.

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Und da war er eindeutig ein Maler und kein Anstreicher, hätte über die Leinwände ja genauso gut kurzerhand monochrom drüberwalzen können, doch nein, er hat sich die Farben mit allen Finessen einzeln vorgenommen, sie kennengelernt, Licht und Schatten in sie hineingemischt, eine faltenreiche Illusionsmalerei abgeliefert. Und war diese Serie, die er am Ende in einen dreisprachig betitelten Katalog gepackt hat ("Ultramarin Ultramarine Outremer", wobei: Ende – wenn ihm eine neue Farbe unterkommt, färbt er immer noch ein Tüchl damit ein), war die etwa nicht farbig? Mehr Farbe geht nicht.

Stimmt schon. Andererseits: "Da hab ich die Farbe aus der Tube genommen. Und hab sie aufgehellt, abgedunkelt." Noch dazu hat er "alle gleich behandelt". Okay. Drum war das für ihn "keine richtige Farbserie". Betonung auf "richtige". "Erst jetzt, wo ich alle Farben dokumentiert habe, hab ich mich getraut, ein Farbbild zu malen." Der Persic ist halt obendrein ein Farbenforscher, sein Atelier (in der Porzellangasse) zugleich ein Labor, in dem die diversen Pigmente seine Versuchskaninchen sind, deren Eigenschaften er ergründet. 

Blau hilft leider trotzdem nicht gegen Krieg

Preußisch Blau: Gegenmittel gegen Farblosigkeit? Nein, gegen radioaktive Intoxikation. Weiß Drago Persic. 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Preußisch Blau: Gegenmittel gegen Farblosigkeit? Nein, gegen radioaktive Intoxikation. Weiß Drago Persic.

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Ein einziges Bild in dieser an sich koloristisch ziemlich zurückhaltenden Schau ist einer speziellen Farbe gewidmet, dem Preußisch Blau. Sieht harmlos aus, wenn auch höchst mysteriös, wie die Finger mit den rot lackierten Nägeln das Pulver aus dem "Tintenfässchen" (Instant-Tinte? Eher nicht) in weiße, medizinische Kapseln hineinschaufeln. Farbe ist gesund? Ist die beste Medizin? So ähnlich.

Passt zudem zur Surrealität des Ukrainekriegs, schließlich ist die rätselhafte Szene (Persic:) "der Aktualität geschuldet (es lässt einen doch nicht kalt, was rundherum passiert)", weil hier bereitet sich offenbar jemand auf den Atomkrieg vor. Zumal Preußisch (oder Berliner) Blau als Gegenmittel bei radioaktiven Vergiftungen mit Caesium und Thallium eingesetzt wird. In der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation ist es ebenfalls verzeichnet. Unter dem sperrigen Namen "Eisen(III)-hexacyanoferrat".

Ob ein Bussi das andere Antidot ist? Eines gegen den Krieg? Nicht, dass der ukrainische Präsident Selenskyj lediglich den russischen, den Putin, sowjetisch abbusseln müsste. Trotzdem scheint eine Hoffnung auf Frieden aus dem Sujet gegenüber zu sprechen, wo Persic eine alte Fotografie mit dem Pinsel kopiert hat. Im April 1958 küsst der texanische Pianist Van Cliburn, der soeben in Moskau den Tschaikowski-Wettbewerb gewonnen hat, den Chef der KPdSU, Nikita Chruschtschow, auf die Wange, nachdem der Kulturminister bei Letzterem verunsichert nachgefragt hat, ob man einem Amerikaner denn den ersten Preis verleihen dürfe. (Chruschtschow soll übrigens so etwas geantwortet haben wie: "Wenn er der Beste ist . . .") Damals hatten die zwar kein Corona, freilich etwas anderes mit C, das für ein Social Distancing (zumindest für eines zwischen West und Ost) gesorgt hat: den Cold War. 

Grau ist eine bunte Farbe

Schnecken mögen's scharf. Beim Drago Persic zumindest. 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Schnecken mögen's scharf. Beim Drago Persic zumindest.

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Der historische Tauwetter-Kuss ist wieder gräulich wie der Rest der gezeigten Arbeiten. Oder ist das korrekte Wort "grausam"? Blödsinn. Schlicht grau. Obwohl: Eine Nacktschnecke wie bei einem Hürdenlauf bzw. -kriechen über eine (überdies scharf gemalte) Klinge zu jagen, wirkt durchaus brutal. (Im Hintergrund respektive als "Rahmenhandlung" wird die Versuchsanordnung entschärft. Sprich: unscharf repetiert.) Deutsche Schnecken kennen keinen Schmerz? Keine Angst, kein Tier kam in Persics Studio zu Schaden. Erstens hat er das Foto nicht selber geschossen und zweitens können Schnecken das sichtlich. Ohne sich dabei selber zu "rasieren", aufzuschlitzen.

Und apropos grau: Grad ist Persics aktuelle bebilderte Publikation "Siva Boja" (Serbokroatisch für "graue Farbe") erschienen, und da befasst sich der forschende Maler immerhin mit der insgeheimen Buntheit des angeblich unbunten Kompromisses zwischen den gleichermaßen unbunten Farben Schwarz und Weiß, mixt aus dem Bunten das Unbunte, einen neutralen Cocktail. Und wird im Vorraum der Galerie nicht eine bunte Diashow auf das Grau-in-Grau projiziert? Unscharf gestellte, nebulose Erinnerungen, fremde, eigene? Flüchtige Momente einer verschwommenen Vergangenheit? Erahnbare Schnappschüsse nämlich. Jemand steigt aus dem Pool. Die additive Farbsynthese der Lichtbilder verschmilzt mit der subtraktiven der Malerei. Und der Schatten des Betrachters, der Betrachterin, der/die den Projektor im Rücken hat, mischt sich auch noch ein.

Drago Persic studiert die Gesten im Film ("over-exposed", 2022). 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Drago Persic studiert die Gesten im Film ("over-exposed", 2022).

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Und auf den Leinwänden? Im Grau? Gesten. Aus Filmen, der Kunstgeschichte. Hände beim Zupacken (besitzergreifend, aggressiv, beschützend), beim Sich-Festklammern. Die behandschuhten eines Cowboys haben kein Rind mit einem Lasso eingefangen, sondern eine Maus (mit einer Schnur), Adam und Eva halten sich g’schamig ihre Feigenblätter vor. Generell geht’s sehr gestisch zu. Irgendwer hat (neben dem Maler selbstverständlich, weil Malen ist ebenfalls Handarbeit) fast immer seine Finger mit drin im Bild. Putzt Zähne, Ohren, positioniert das Hindernis für den Gastropoden, den "Bauchfüßer".

Dennoch kann man nicht behaupten, es handle sich um eine "gestische Malerei". Der Pinselstrich, die sogenannte Künstlerhand, drängt sich nicht auf, lässt sich keine Emotionen anmerken. Bis hin zum Fotorealismus werden die verschiedenen Oberflächen und Materialien geschildert. Das Metall des Uhrbandls glänzt, das Leder der Handschuhe knirscht, der schleimig geschmeidige Molluskenleib glitscht einem förmlich ins Auge.

Intime Bilder, vielschichtig im Aufbau und komplex in den inhaltlichen Bezügen, in einem eher sachlichen, nüchternen Stil gehalten, der mitunter an die plakative Übersichtlichkeit von illustrierten Gebrauchsanweisungen oder von Stockfotos gemahnt. Und immer wieder das raffinierte Spiel mit der Schärfe, ständig wird die Klarheit in einer Art visuellem Echo verweichlicht, zum fleckig Diffusen abstrahiert, löst sich ätherisch in Licht und Farbnebel auf. (He, Deutsche Hunde kann man ebenso "scharfmachen"!) 

Des Meeres und der Maler Wellen

Der Titel sagt eigentlich eh alles: "balls, balloons & a start-up" (Drago Persic, 2021). 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Der Titel sagt eigentlich eh alles: "balls, balloons & a start-up" (Drago Persic, 2021).

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Auf Wiederholung und Variation setzt Persic sowieso. Besonders wenn er Einzelmotive aus seinem umfangreichen Archiv seriell aneinanderreiht, sie filmstreifenartig mit anderen zu opulenteren, rhythmischen Arrangements zusammenstellt, in denen man sich verliert. Wie selbstverständlich wird gesiebdruckt und gemalt und der Blick in die Irre geführt, der ganz genau hinsehen muss, um das eine vom andern zu unterscheiden. Vermeintlich aufcollagierte menschliche Körperteile stellen sich plötzlich doch als klassische Pinselarbeit heraus. Zwischendurch tauchen Zitate aus Kino und Kunst auf, und neben anonymem Bildmaterial finden sich prominente Namen: Pier Paolo Pasolini, Gerhard Richter, Gustave Courbet.

Richter – ist das nicht der mit den unscharfen Gemälden? Ja. Im vorliegenden Fall gilt das Interesse allerdings mehr dessen 128 dokumentarischen Detailaufnahmen, die der deutsche Malerstar 1978 im kanadischen Halifax von einem seiner abstrakten und im herkömmlichen Sinn gestischen Werke gemacht hat. Geradezu tapetenhaft harmonisch steckt Persic Richters fotografierte Malgeste mit Praterbäumen und einer Meereswelle von Courbet zusammen, bevor er quasi den "Reiter vom Kap Artemision" aus dem Archäologischen Nationalmuseum in Athen klaut und in den expressiv wogenden Spuren ertränkt, nur den Pferdekopf der hellenistischen Bronzegruppe rauslugen lässt (nebst dahintreibendem Menschenfleisch und ausgestreuten Sonnenblumen).

Die Kombinationen sind assoziativ bis skurril. "Balls, balloons & a start-up": Der eine Mann verfügt über zwei "Bälle", der andere über drei Luftballons und die Burschen mit dem Zetterl sind ebenfalls zu dritt. Und welches Start-up haben die gegründet? Möglicherweise keines. Persic könnte sich vorstellen, dass das Yale-Studenten sind. ("Die schauen so zukunftsfreudig. Mit ihrem Konzept. Und Start-up klingt gut.") 

Der Siemensstern hyperventiliert

Siemenssternderl schauen (mit Drago Persic): "siemensstern & plissee", 2020. 
- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Siemenssternderl schauen (mit Drago Persic): "siemensstern & plissee", 2020.

- © Drago Persic, Bildrecht 2022

Oder ein Plisseerock schwebt dynamisch zwischen 30-strahligen Siemenssternen empor. (Der Siemensstern: ein Kreis mit schwarzen und weißen radialen Segmenten zwecks Prüfung der Auflösung von Objektiven et cetera. Animiert hat Persic das Testmuster auch einmal. Zum Rotieren gebracht. Wie ein Ventilator bläst das op-artige Ding einen Profilkopf an, der davon nicht unbeeindruckt bleibt, und dreht sich schlussendlich in den Schriftzug "Jugofilm" hinein. Wird zum Filmintro.) "Leere" Kader (blassgraue Felder ohne sonstige Bildinformation) strukturieren das Ganze, lockern es durch "Pausen" auf.

Seit Walter Benjamins legendärem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" aus dem Jahre 1935 diskutiert man darüber, ob die Bilder in den Kunstmuseen massenhaft ihre Aura verlieren, nachdem man sie so oft in Büchern und Zeitschriften hergezeigt hat. Die Mona Lisa, die es gewöhnt ist, dass sie ihren Bildträger für sich allein hat, hat der Andy Warhol nichtsdestotrotz ungeniert auf ein und derselben Leinwand mittels Siebdrucktechnik schier maßlos vervielfältigt: "Thirty Are Better Than One" (30 sind besser als eine). Und dem Smiley der Renaissance damit schlichtweg die Warhol-Aura verpasst.

Der Persic hingegen legt keine Monokulturen an. Er wiederholt abwechslungsreicher. Und selbst wenn man die Quellen dieser dichten bildnerischen Grundlagenforschung und sinnlichen Malerei nicht kennen würde, käme man auf seine Kosten. Beim Erkunden der reichhaltigen Bildwelten. Deutsche Hunde haben saubere Zähne, Künstler mit bosnischen Wurzeln malen steile Bilder.