So gern man sie vergessen möchte, die fiesen Kugeln mit den Stacheln dran, weder die Inzidenz noch die Säulenhalle des Weltmuseums lassen es zu: Dort hängen nämlich große, mit Ornamenten beschnitzte Coronaviren von der Decke - mit bunten Spikes aus Dreh-und-Trink-Flaschen. Sie gehören zur Ausstellung "Oceans. Collections. Reflections." von George Nuku. Nuku ist ein neuseeländischer Künstler mit schottischen und Maori-Wurzeln. Und die willkommen heißenden Viren zeigen gleich einmal, wie er arbeitet: mit Plastikmüll und mit Metaphern. Für ihn ist auch die Erdverschmutzung durch Plastik wie eine Pandemie zu sehen. Und sein Zugang ist: Man muss damit leben lernen. Denn das Plastik ist nun einmal da, es wird so schnell nicht weggehen.

Ein Großteil der gezeigten Arbeiten ist konsequenterweise auch aus solcherart wiederverwertetem Plastik hergestellt - Flaschen, Knallfolie, Wasserkanister, Stöpsel. Aber auch Styropor und Plexiglas sind die Materialien, die Nuku mit 170 freiwilligen Mitarbeitern - darunter auch Museumsdirektor Jonathan Fine - zu Kunstwerken gemacht hat.

In Plexiglas geschnitzte, leuchtende Ahnenporträts. - © Weltmuseum
In Plexiglas geschnitzte, leuchtende Ahnenporträts. - © Weltmuseum

Tradition immer dabei

So treten aus Plexiglas geschnitzte Maori-Fischer im ersten Raum, der dem Ozean gewidmet ist, in einen Dialog mit historischem Bildmaterial - von Maori-Fischern. Verschiedene Kanus versinnbildlichen den Lauf der Geschichte, wie Maori sich auf dem "Großen Blau" bewegen: Da trifft ein Kanumodell aus Holz aus der Sammlung des Weltmuseums auf eines, das komplett aus Plastik gebaut ist. So futuristisch das sein mag, ist doch immer ein Teil der Tradition eingebaut: Sei es ein Vorfahre von Nuku, der über einem Boot schwebt, seien es historische Artefakte wie Ruder, ebenfalls aus der Sammlung des Weltmuseums.

Qualle mit Plastikfransen und mit aus Maori-Ornamenten geschnitztem Plexiglaskörper im Theseustempel. - © Weltmuseum
Qualle mit Plastikfransen und mit aus Maori-Ornamenten geschnitztem Plexiglaskörper im Theseustempel. - © Weltmuseum

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung sind - mithilfe von Leihgaben aus dem naturhistorischen Museum - die K.u.k.-Beziehungen zu den Maori: Die Novara-Expedition 1857 bis 1859 brachte zwei Maori-Vertreter mit nach Wien, die auch bei Hof zu Gast waren, Druckerei lernten und mit einer vom Kaiser geschenkten Druckerpresse nach ihrer Rückkehr eine antikolonialistische Zeitschrift "The Flight of the Hokioi" herausbrachten. Der ausgestorbene Haastadler Hokioi ist hier als Styroporskulptur zugegen.

Falscher Kopf

Ein verdunkelter Raum stellt die Unterwelt dar - oder den Mutterleib, in der Maori-Mystik ist das dasselbe. In Plexiglas geschnitzte Porträts von Nukus Verwandten - ihr ganzes Gesicht oder nur ihr individuelles Moko (Tattoo) - erleuchten den Raum subtil. In einem Schrein ist ein sogenanntes Mokomokai aufgebaut. Dabei handelte es sich um konservierte tätowierte Köpfe von Maori. So präparierte Köpfe wurden von den Familien in mit Schnitzereien verzierten Kästen aufbewahrt und nur für religiöse Zeremonien hervorgeholt. Im 19. Jahrhundert entstand ein reger Handel damit. Seit einigen Jahren wird versucht, in der ganzen Welt verstreute Mokomokai wieder nach Neuseeland zu "repatriieren". Auch das Weltmuseum besaß einen solchen Kopf, er wurde 2015 zurückgegeben. Der ausgestellte ist eine Nachbildung von einer Kostümbildnerin. Dieser auch als Kommentar zum aktuellen schwierigen Stand ethnologischer Museen, wie es das Weltmuseum auch ist, zu lesende Aufbau ist hier seltsam diskret und unerklärt.

Insgesamt muss man sich bei der Ausstellung viel Wissen eigenständig aneignen, was schade ist. Der Ansatz, dass Nuku mit seiner Schau das Weltmuseum sozusagen friedlich erobert hat, ist als milde Revanche der Geschichte charmant. Und wer sich die Zeit nimmt, den eher emotionalen Zugang zu Naturgeschichte und Maori-Mythologien und die Fischschwärme, Rochen, Kalmare aus Müll auf sich wirken zu lassen, wird beeindruckt sein. Für Letzteres kann man auch in den Theseustempel im Volksgarten gehen, den hat Nuku in einen im Ozean versunkenen Tempel verwandelt, mit Flaschenstöpsel-Korallenablagerungen, Plastikflaschen-Quallenschwarm und dem meditativen Gesang des polynesischen Seefahrers Ru. Ein Szenario, so schön wie beunruhigend.