Für mich gibt es in der Malerei weder Vergangenheit noch Zukunft. Wenn ein Kunstwerk nicht stets in der Gegenwart leben kann, ist es nicht von Bedeutung", hielt Picasso einmal fest. Gerade sein außergewöhnliches Lebenswerk legt beredtes Zeugnis ab für den bereichernden Dialog mit den Alten Meistern, der Kunst der Antike und der Frühzeit. Nun richtet das Kunstmuseum Basel in der exquisiten Sonderausstellung "Picasso - El Greco" im Neubau den Fokus auf die vielfältigen Verbindungslinien zwischen dem großen Griechen und dem experimentierfreudigen Spanier.

Dass Picassos monochrome und symbolisch aufgeladene Bilder aus der "Blauen Periode" von El Grecos Malstil beeinflusst sind, ist in der Kunstgeschichte seit langem verbürgt. Doch die Faszination geht weit darüber hinaus, Picasso blieb El Greco in gewisser Weise ein Leben lang verbunden, diese These vertritt Gast-Kuratorin Carmen Giménez und belegt die Chronik dieser künstlerischen Beziehung anhand von etwa 30 Bildpaaren äußerst eindrucksvoll.

Verbündeter

1541 auf Kreta geboren, war El Greco allein aufgrund seiner Biografie mit verschiedenen Maltraditionen vertraut - er beherrschte die griechisch-byzantinische Kunst der Ikonenmalerei genauso wie die komplexen Bildkompositionen der venezianischen Künstler und tauchte schließlich in die Überschwänglichkeit des Siglo de Oro ein, des Goldenen Zeitalters Spaniens. Zu Lebzeiten genoss El Greco beträchtlichen Ruhm, um sein Leben rankten sich zahlreiche Legenden, aber nach seinem Tod, 1614 im spanischen Toledo, geriet er bald in Vergessenheit.

Die Nachwelt schätzte den spanischen Manierismus und ihren profiliertesten Vertreter nicht sonderlich. Erst die Avantgardekünstler der Jahrhundertwende läuteten eine El-Greco-Renaissance ein, allen voran Pablo Picasso.

Picassos Beschäftigung mit dem großen Griechen begann bereits während seines Kunststudiums in Madrid - aus dieser Zeit stammt etwa eine Zeichnung mit dem Titel "Ich, El Greco", oder die Skizze "El Greco, Velázquez - inspiriert mich". In El Greco fand der Kunststudent einen Verbündeten in der Befreiung der modernen Malerei von überkommenen Dogmen, schreibt Giménez im Ausstellungskatalog.

Einen weiteren Beleg liefern die auffällig lang gestreckten Figuren El Grecos, die Zeitgenossen empfanden diese Bildkompositionen als verstörend und unnatürlich, Picasso dürfte sich hingegen einiges abgeschaut haben. Folgerichtig setzen sich im Kunstmuseum gleich mehrere Räume mit Kubismus auseinander. Ausgehend von Paul Cézanne etablierte Picasso bekanntlich eine Form, bei der die Körper zunehmend aufgebrochen und so lange verdreht und verzerrt wurden, bis man in der Abstraktion landete. Die Ausstellung legt die These nahe, dass die Wurzeln des Kubismus bei El Greco liegen könnten. In der direkten Gegenüberstellung betrachtet man dessen Bilder auf einmal anders: Sind seine Bildflächen nicht doch auch ein wenig zersplittert? Sind die Gewänder zerzauster? Die Farbkontraste dramatischer?

Dass sich Picasso mit seinen künstlerischen Ahnen ein Leben lang beschäftigte, wird besonders augenfällig beim 1967 entstandenen Bildnis "Musketier". Picasso malte es 86-jährig, als er sich von einer schweren Operation erholte und sich am Ende seines Lebens wähnte. Auf der Rückseite des Bildes kritzelte er "Domenico Theotocopulos van Rijn da Silva". Damit bezog er sich auf Rembrandt ("van Rijn"), Velázques ("da Silva") und "Domínikos Theotokópoulos", der Taufname jenes Malers, der als "El Greco" (spanisch: der Grieche) in die Kunstgeschichte einging.

Marke Maler

Picasso verwendete absichtlich jene Namensteile, die in Vergessenheit gerieten, diese Künstler waren so berühmt, dass bereits ein Teil ihres Namens zu einem weithin bekannten Label wurde. Picasso, dessen zweiter Familienname Ruiz ebenfalls nicht mehr gebräuchlich ist, sah sich am Lebensende so sehr in einer Ahnengalerie mit diesen Alten Meistern, dass er seinen eigenen Namen gar nicht mehr anführte. Eine Hommage an die Unsterblichkeit der Kunst, der mit starken Pinselstrichen geführte Versuch, am Lebensende die Zeit anzuhalten. Picasso starb 1973, sechs Jahre nach der Fertigstellung von "Musketier".

Der Basler Ausstellung gelingt es, neue Facetten der bekannten Künstler aufzuzeigen: El Greco, der nie so berühmt war wie Michelangelo oder Velázquez, tritt ein wenig aus dem Schatten der Kunstgeschichte und selbst Picassos übergroßes Künstler-Ego lässt sich durch diese Treue in einem neuen Licht betrachten.