Wer hängt sich schon ein fremdes Gesicht an die Wand? Na ja, der Louvre zum Beispiel. Die Mona Lisa würde außerdem vermutlich auch sonst niemand vom Nagel schubsen. Doch das liegt wohl weniger an ihr selber als an dem, der sie porträtiert hat. Ihr Sfumato wird zwar ebenfalls gelobt, für das kann sie freilich genauso wenig was. Dafür zeichnet wieder dieser Leonardo da Vinci verantwortlich. Nämlich für diese verruchte, falsch: verrauchte, dunstige Weichheit.

Und die jungen, hübschen Frauen, deren Konterfeis in der Galerie Frey mit großen, fast ein bissl traurigen Augen von den Wänden starren? (Bzw. von den Leinwänden?) Die bleiben anonym. ("Ohne Titel" – was nicht heißt, dass sie nicht durchaus Akademikerinnen sein und den Bachelor, Magister oder den Doktor gemacht haben könnten.) 

Seine Bilder suchen Blickkontakt

Abgesehen davon, dass ihr Maler, der Harding Meyer ("Männer, ältere Menschen und Kinder male ich auch, aber nicht so häufig"), seine Modelle gar nicht persönlich kennt. (Okay, während des langwierigen Malprozesses, beim Auftragen der vielen Schichten Ölfarbe, lernt er sie letztendlich kennen.) Und diese wiederum kriegen überhaupt nicht mit, dass sie da jemand (und nicht irgendwer, sondern einer von den Guten, von den Besten) sozusagen zu – namenlosen – Leinwandstars (Öl auf Leinwand) macht.

Lenkt die Schönheit des Gesichts nicht ein bissl von der Schönheit der Malerei ab? Möglicherweise. Dieses Gemälde von Harding Meyer verfügt zwar über keinen Titel, aber dafür über viele Schichten Ölfarbe. 
- © Galerie Frey

Lenkt die Schönheit des Gesichts nicht ein bissl von der Schönheit der Malerei ab? Möglicherweise. Dieses Gemälde von Harding Meyer verfügt zwar über keinen Titel, aber dafür über viele Schichten Ölfarbe.

- © Galerie Frey

"Berühmtheiten male ich nicht", meint der 1964 im brasilianischen Porto Alegre geborene Künstler, der seit langem in Deutschland weilt, "weil sie meist erkannt werden und der Betrachter nach Identifizierung der Person die Auseinandersetzung mit dem Bild meist beendet . . ."

Bilder blinzeln nicht. Und die vom Harding Meyer schon gar nicht. 
- © Galerie Frey

Bilder blinzeln nicht. Und die vom Harding Meyer schon gar nicht.

- © Galerie Frey

Wohltemperierte Mimik in imposantem Format. In ihrer beinah ikonisch strengen Anmut jedenfalls lassen sich die volllippigen Beautys, die einen unweigerlich in ihren Bann ziehen, praktisch keine Affekte anmerken, zeigen kaum Regung, lächeln nicht einmal. Und sind trotzdem geheimnisvoll. Rätselhaft wie der Ausstellungstitel: "moving curtains." Vorhänge wellen sich höchstens im übertragenen Sinne vor den Sujets. Als Voile des Mysteriums.

Diese intensiven Blicke. Die einen hypnotisieren. Seelenvoll, melancholisch, hintergründig. Oder klar, nahezu stechend. Selbst wenn die Lider zu sind und die Malerei döst, glaubt man sie zu spüren, die wachen Blicke, wie sie sich in einen reinbohren. Und was macht diese Bilder nun so attraktiv? Sind die Models so gutaussehend oder ist’s die Malerei? Beides. Letztere verleibt sich Erstere ein und transformiert sie in Kunst. Eine symbiotische Beziehung also.

Die Farbe wird übrigens zunächst mit dem Pinsel aufgetragen, mehrmals, Schicht für Schicht, und mit der Rakel hernach abgezogen, verwischt, verschoben. Der kräftige monochrome Hintergrund, der zumeist mit dem Ton der Iris harmoniert, wird ins Inkarnat mitgerissen, hinterlässt Spuren im blassen bis dunkleren Teint. Grenzen werden entschärft. Meyers Form des Sfumato? Und bei aller groben Textur: nuancenreiche Feinheiten. Eine lebendige Epidermis, die Farbhaut vibriert. 

Die Physiognomie ist wie Make-up – sie hält oder verschmiert

Diesmal muss die Schönheit allerdings nicht leiden, lebt der Maler seine Deformationsfantasien nicht aus, indem er die Physiognomie wie Make-up verschmiert, sie regelrecht verfratzt wie das Bildnis des Dorian Grey. Oder eigentlich entstellt er den makellosen Liebreiz ohnedies immer sehr ästhetisch.

Schönheitsschlaf? Harding Meyers Technik hier: Öl und Liebreiz auf Leinwand. 
- © Galerie Frey

Schönheitsschlaf? Harding Meyers Technik hier: Öl und Liebreiz auf Leinwand.

- © Galerie Frey

Klassische Porträts sind das zumindest keine. Obgleich die Dargestellten durchwegs reale Personen sind. Wobei: "Wenn ich verschiedene Gesichter kombiniere, was ich manchmal mache, kann man davon natürlich nicht mehr sprechen." Und wo hat er die Antlitze her, der Meyer, der kein Head-, sondern ein Facehunter ist? Sein Jagdrevier gewissermaßen war anfangs noch, in den 1990er Jahren, sein privates Umfeld. Freunde, Familie. Irgendwann hat er dann begonnen, die Massenmedien zu durchforsten. Nach neuen, ungemalten Gesichtern. Hat Zeitschriften durchgeblättert, das Fernsehprogramm mit einer Videokamera abgefilmt, sich nachher was ausgedruckt und diverse verfremdende Bildstörungen gleich künstlerisch verwertet. Mittlerweile ist seine Hauptquelle dagegen das Internet. In diesem Netz verfängt sich bekanntlich alles und jeder. Äh, fälschen sich da nicht alle selbst? Sind ohne Fehl und Akne? Lügen sich eine Wahrheit zurecht? Mit Photoshop? Wurscht. Solange Meyers Malerei echt ist . . .

Nimmt er auch Porträt-Aufträge entgegen? Selten. Meyer: "Meist besteht doch der Wunsch nach Erkennbarkeit und Ähnlichkeit, und das kollidiert mit der Art und Weise, in der ich male." Wiedererkennbar auf den Bildern ist auf alle Fälle ihr Schöpfer. Sein unverwechselbarer Stil. (He, könnten das nicht vielleicht in Wirklichkeit eh lauter Porträts sein? Halt nicht von Leuten? Bildnisse der Malerei? Ihrer Schönheit?)