Für den 1949 in Liverpool geborenen Tony Cragg, der seit Jahrzehnten in Wuppertal und Berlin lebt, bedeuteten die Werke von Henry Moore eine erste Anregung für das Arbeiten mit Skulpturen nach 1945. Er selbst zeichnete früh und studierte naturwissenschaftliche Phänomene wie Geologie, die Schichtungen der Kreidefelsen an der südenglischen Küste. Dort gefundene Fossilien gaben entscheidende Eindrücke, bevor er sich zu einem der bekanntesten und auch in Theorie und Lehre entscheidenden Bildhauer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte.

Cragg studierte am Royal College in London mit dem Geologie-Museum in der Nachbarschaft, dadurch setzten sich seine Naturstudien fort. Daneben waren die Hecken in England eine Erfahrungswelt seiner Kindheit, was er 2016 in einer Bronzeskulptur mit dem Titel "Dickicht" als biografisches Moment erfahrbar machte. Nach dem Studium kam das Sammeln von Strandgut, das er zu abstrakten, aber auch Comic-haften Figuren an der Wand kombinierte. Durchlässigkeit, Leere und auch eine Art von Röntgenblick waren ihm dabei ideelle Begleiter.

Rückblick in die Kindheit: "Thicket" (Dickicht) aus dem Jahr 2016. 
- © Privatbesitz, Copyright Tony Gragg; Bildricht Michael Richter

Rückblick in die Kindheit: "Thicket" (Dickicht) aus dem Jahr 2016.

- © Privatbesitz, Copyright Tony Gragg; Bildricht Michael Richter

Rückkehr zu Grundfragen

Nach Markus Lüpertz übernahm Cragg in Wuppertal den akademischen Unterricht und entwickelte so im Diskurs mit Jüngeren die Auseinandersetzung mit dem Wandel des Ready-mades von Marcel Duchamp weiter. Das führte zu einer Rückkehr zu plastischen Grundfragen und einer ständigen Neuerfindung von Formationen im Raum. Der Wandel klassischer Bildhauerei zur Objektkunst ließ ihn seine frühen Erfahrungen von Naturschichtungen mit der Hinwendung zu Fragen des Materials und der Farbigkeit kombinieren. Craggs Arbeiten besitzen eine Allansichtigkeit und Dynamik im Raum, die Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zu Vergleichen mit Aspekten der manieristischen "Figura serpentinata" greifen lässt. Im Katalog spricht Cragg im Interview vom mittelalterlichen Wettstreit zwischen Material und Idee, den es ihn zu erneuern drängt. Er sieht den Dialog mit Holz, Bronze, Stein, Edelstahl, aber auch Glasfaser und Kevlar als eine sinnliche wie poetische Auseinandersetzung von Oberflächenformen, aber diese auch als eine Erweiterung des Selbst.

Nicht nur seine tiefgründige Analyse zum plastischen Gestalten, die er auch seinen Zeichnungen angedeihen lässt, führte zu zahlreichen Beiträgen auf Documentas und Biennalen; Cragg war auch immer wieder in Österreich zu sehen, arbeitete mit der Werkstatt Kollerschlag für seine Projekte im öffentlichen Raum. Die Albertina stellt die Skulptur "Deep Early Form" von 2003 aus der eigenen Sammlung neben der 2016 entstandenen Bronze "Thicket" und der Holzformation "In No Time" 2019 ins Zentrum der Schau mit dem Untertitel "Body and Soul". 21 variantenreiche Skulpturen aus den letzten zwei Jahrzehnten werden mit 21 Zeichnungen kombiniert. Diese sind zuweilen vorbereitende Skizzen, folgen aber auch rein gestischen Impulsen, sind abstrakt, aber auch figürlich.

"Thicket", das an das Gebbüsch-Dickicht aus Craggs frühen Jahren erinnert, ist nicht nur ein Blick in die Natur. Die Bronze wirkt fast filigran durch die Leerstellen in dem Objekt, trotz ihrer Schwere. Es stellen sich tatsächlich Erinnerungen an Henry Moores Verschachtelungen und organische Gebilde ein, aber auch an dessen verborgene Volumina.

Daneben liebt Cragg die instabile Wirkung von Holz- und Glastürmen, das Auskragen nach oben hin, das Schrägen und Ruhen auf kleinen Spitzen. Sein ständiger Diskurs mit dem Material, das Aufzeigen des Flusses, der Schichtung, bringt Täuschungen in Sachen Gewicht mit sich. Cragg scheut den Vergleich mit der Metaphysik, spricht lieber vom Multiversum des Astrophysikers Max Tegmark und unserer Ahnungslosigkeit von schwarzer Materie, die ihn bei seiner Arbeit umtreibt.