Du kannst doch nicht Geld von meinen Freunden verlangen!" Diesen Vorwurf musste sich die Künstlerin Karin Mack Anfang der 1970er Jahre von ihrem Ehemann gefallen lassen. Sie hat nach Anfragen gewagt, für ihre Fotografien einen Preis zu nennen. Die energetische, reflektierte wie smarte Künstlerin unterstreicht im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die mannigfaltigen Probleme der Anfangsjahre feministischen Kunstschaffens. Frühe Arbeiten von Karin Mack sind Teil der Ausstellung "Une Avant-Garde Fèministe", die mehr als 200 Werke von 71 Künstlerinnen aus der Sammlung Verbund inszeniert. Die Schau gilt als Hauptausstellung der 53. Rencontres de la Photographie.

Für die 82-jährige Künstlerin, die persönlich bei der Eröffnung anwesend war, brachte die Heirat nicht die erhoffte Emanzipation gegenüber ihrem Elternhaus. Ihr Mann sah ihre Rolle eher als Hausfrau und Mutter. "Ich war aber nicht die Knödelheidi, die er sich gewünscht hat", schildert sie die aufreibenden Wege der künstlerischen wie individuellen Emanzipation. Es hat sie auch überrascht, dass sich ein Mann wie der Architekt, Kritiker und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Privatleben als biedermeierliches Landei entpuppt.

Aus Penny Slingers "Bride's Cake"-Serie. 
- © Verbund Collection / Bildrecht / Blum & Poe / Artists Right Society (ARS), NYC 2022

Aus Penny Slingers "Bride's Cake"-Serie.

- © Verbund Collection / Bildrecht / Blum & Poe / Artists Right Society (ARS), NYC 2022

Kein Einzelfall

"Es muss leider erwähnt werden, dass Karins Biografie beileibe kein Einzelfall ist", ergänzt Verbund-Sammlungsleitern Gabriele Schor. "Die meisten Künstlerinnen sahen sich in den 70er Jahren mit privater und öffentlicher, männlicher Diskriminierung konfrontiert - das beginnt bei Ausstellungsmöglichkeiten und reicht bis Förderungen." Daher wurde Fotografie ein wesentliches Ausdrucksmittel im künstlerischen Schaffen: Die Produktion war vergleichsweise einfach und günstig. "Nicht wenige Badezimmer wurden zu Dunkelkammern umgewandelt", beschreibt Schor die Arbeitsbedingungen. Schor leitet seit der Gründung vor 18 Jahren die Sammlung und hat einen Schwerpunkt entwickelt, für den sie den Terminus "Feministische Avantgarde" geprägt hat. Hier arbeitet sie mit ihrem Team die Geschichte des Feminismus in den diversen Medien der Kunst auf. Eine Fokussierung, die in den vergangenen zwölf Jahren mit internationalen Ausstellungen zur absoluten Erfolgsgeschichte wurde.

Die in Arles eine Fortsetzung findet. Denn der Leiter des Festivals, Christoph Wiesner, hat die Verbund Sammlung eingeladen, eine Ausstellung aus den Beständen zu kuratieren. "Es war Wiesner ein tiefes Anliegen heuer - im Anbetracht dessen, was sich rund um den Globus Schreckliches gegen Frauen entwickelt hat - Künstlerinnen und der Bestandsaufnahme des Feminismus eine Plattform zu bieten", beschreibt Gabriele Schor das Zustandekommen der ersten Präsentation der Sammlung in Frankreich, die starke Positionen von Orlan, Martha Wilson, Ana Mendieta, Francesca Woodman, Cindy Sherman und Valie Export zeigt.

Karin Macks "Zerstörung einer Illusion", das im Rahmen der Ausstellung "Une Avant-Garde Fèministe" gezeigt wird. 
- © K. Mack / Bildrecht / Sammlung Verbund

Karin Macks "Zerstörung einer Illusion", das im Rahmen der Ausstellung "Une Avant-Garde Fèministe" gezeigt wird.

- © K. Mack / Bildrecht / Sammlung Verbund

Die Fokussierung ist natürlich auch bei weiteren Ausstellungen zu erkennen. Wie bei den Arbeiten der Künstlerin Frida Orupabo, die das Frauenbild einer Farbigen - einer Kombinat Fotografie und Scherenschnitt - eindringlich nachzeichnet. Oder das visualisierte Reisetagebuch der ecuadorianischen Künstlerin Estefanía Peñafiel Loaiza "Carmen (répétitions)", in dem sie ergreifend und spannend das Verschwinden ihrer Tante mittels Videos, Fotografien und Rauminstallation nachzeichnet. Die Tante, die ihre Familie verlassen hat, um zum Studieren nach Europa zu gehen, schloss sich unter dem Decknamen Carmen einer Befreiungsbewegung an und wurde ermordet. Loaiza versucht, anhand der Briefe Carmens die Hintergründe dieser harten Entscheidung zu ergründen.

Meilensteine

Eine enorm wichtige Präsentation ist jene von Lee Miller. Ihre Arbeiten zählen zu den Meilensteinen zeitgenössischer Fotografie. Das ehemalige Model wurde im Zweiten Weltkrieg zu einer Dokumentarin nicht nur der Befreiung Europas, sondern fotografierte auch die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. Die stupende Schau "Lee Miller, photographe professionelle" gehört zum Pflichtprogramm in Arles. Gegen diese Thematiken stellt sich die Personale von Babette Mangolte, die über Jahrzehnte die Inszenierungen wegweisender Choreografinnen und Choreografen wie Trisha Brown oder Merce Cunningham dokumentierte, als redundant und eher leichtgewichtig dar. Aber dafür steht die enorme Vielfältigkeit des Festivals mit seinen mehr als 40 offiziellen Ausstellungen und einer dreimal höheren Anzahl an Shows in privaten Galerien und Off-Spaces.

"Tentative de sortir du cadre" von Orlan. 
- © : Verbund Collection / Artists Right Society (ARS), NYC 2022 / Salon 94, NYC

"Tentative de sortir du cadre" von Orlan.

- © : Verbund Collection / Artists Right Society (ARS), NYC 2022 / Salon 94, NYC

"Dann sucht’s eben weiter!", schildert der Vorstandsvorsitzende des Verbunds, Michael Strugl, im Zuge der Ausstellungseröffnung in Arles der "Wiener Zeitung" seine Reaktion auf Mitarbeiter des Tauernkraftwerks Kaprun, die die Geschäftsführung neu zu besetzen hatten. Strugl wollte ein Zeichen setzen und nicht unkommentiert den "fixen" Nachfolger akzeptieren, sondern auch Frauen die Chance auf den Posten geben. "Wir können nicht nur in unserer Kunst-Sammlung Frauen-Emanzipation predigen, sondern müssen auch im täglichen Geschäftsleben Schritte setzen", unterstreicht er. Ein doppelter Erfolg: Mit der Kunst in Arles und es gibt tatsächlich eine Chefin in Kaprun.