Polarisiert hat er ja zweifellos. Für die einen war er schlicht "der Blutkünstler" (dabei sind Acrylfarbe und Wein in seinem Schaffen mindestens genauso reichlich geflossen), die andern haben ihn geradezu kultisch als Richard Wagner des Aktionismus verehrt. So oder so war er definitiv nicht nur in Österreich weltberühmt (wo man ihn in den 1960er Jahren noch ins Gefängnis gesteckt hat, dass er sich sogar genötigt sah, nach Deutschland auszuwandern, vorübergehend, und 2005 hat man ihm dann den Großen österreichischen Staatspreis verliehen).

Theoretisch müsste ich nun nicht einmal mehr seinen Namen hinschreiben. Jeder weiß längst, wer gemeint ist. (Abgesehen davon, dass sein Name im Titel dieses Artikels steht.) Und trotzdem nenne ich ihn: Hermann Nitsch. Eh klar. 

Walkürenritt auf dem Altar

Den heuer im April mit 83 Jahren verstorbenen Meister mit dem weißen Philosophenbart und der hedonistischen Falstaff-Statur, der obendrein ein berüchtigter Wegbüsler war, der gern einmal während eines Interviews eingenickt ist, würdigt die Galerie Kandlhofer jetzt mit einer durchaus ansehnlichen Retrospektive. Keiner allumfassenden natürlich, das ist in den Räumlichkeiten gar nicht machbar, den verfügbaren Platz hat man aber klug genutzt. Schütt- und Reliktbilder untergebracht, Druckgrafiken, eine Mischtechnik mit Damenbinde aus dem Jahr 1963 (das älteste Exponat). Wobei der Großteil des Gezeigten freilich aus diesem Jahrhundert stammt.

Das Altarbild ist jedenfalls wagnerianisch. Ein Schüttbild, das vorigen Sommer vor dem Opernpublikum im Bayreuther Festspielhaus entstanden ist. Während einer Malaktion im Rahmen der konzertanten Aufführung der "Walküre". Dritter Aufzug. (Zu jedem Akt hat Hermann Nitsch live ein neues Bühnenbild "dirigiert".) 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Das Altarbild ist jedenfalls wagnerianisch. Ein Schüttbild, das vorigen Sommer vor dem Opernpublikum im Bayreuther Festspielhaus entstanden ist. Während einer Malaktion im Rahmen der konzertanten Aufführung der "Walküre". Dritter Aufzug. (Zu jedem Akt hat Hermann Nitsch live ein neues Bühnenbild "dirigiert".)

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

"Achtung: Die folgende Ausstellung enthält Substanzen und filmische Szenen, die das sittliche Empfinden von Vegetariern verletzen könnten." Nein, so ein Warnhinweis findet sich nirgends. Nicht einmal ein "Betreten auf eigene Gefahr". Vielleicht weil Besucher einer Nitsch-Personale sowieso wissen, was sie erwartet. Oder auch nicht. Wahrscheinlich rechnet jedenfalls nicht jeder mit einem – imposanten, hellen Sakralraum (mit Oberlicht). Okay, damit womöglich schon, allerdings eventuell nicht mit einem, der völlig "blutleer" ist und einen dafür bereits aus der Ferne mit seiner leuchtend frischen, fast blumigen Buntheit schier unwiderstehlich anlockt.

Blut und Kelchtücher. Benutzt man die nicht zur Abdeckung des Messweins? Und hat der nicht wiederum irgendwas mit dem Blut Christi zu tun? ("Tragbahre", 2018, von Hermann Nitsch.) 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Blut und Kelchtücher. Benutzt man die nicht zur Abdeckung des Messweins? Und hat der nicht wiederum irgendwas mit dem Blut Christi zu tun? ("Tragbahre", 2018, von Hermann Nitsch.)

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

An der Stirnwand verdichten sich rote, orange und pinke Rinnsale zu einer nachgerade kontemplativen Opulenz und Intensität. Inzwischen sind sie getrocknet, vor ziemlich exakt einem Jahr haben sie sich im Bayreuther Festspielhaus zu Wagners "Walküre" über die Leinwand nach unten gearbeitet. Der Hausherr von Schloss Prinzendorf (1971 hat Nitsch die Liegenschaft von der Kirche erworben, als ideale Heimstätte für sein Orgien-Mysterien-Theater) hat auf dem Grünen Hügel also dirigiert. Nicht das Orchester der konzertanten Aufführung, vielmehr die Malaktion bzw. die zehn Assistenten, die auf der Bühne mit vollen Kübeln Klänge in Farben verwandelt haben, die einen Töne in die andern, die akustischen in die visuellen, in die Farbtöne. Um die 1000 Liter sollen pro Vorstellung verschüttet worden sein.

"Zwei Giganten des Gesamtkunstwerkes" hätte diese Inszenierung zusammengeführt, so hat das jemand formuliert. Und irgendwie naheliegend, dass sich der Urheber des Sechs-Tage-Spiels zum Erschaffer eines Vier-Tage-Spiels hingezogen gefühlt hat. Oder genau genommen handelt es sich beim "Ring des Nibelungen", dieser Tetralogie voller germanischer Götter, um ein Bühnenfestspiel für drei Tage. (Und einen Vorabend.) Und "Die Walküre" ist der erste Tag.

Das ausgestellte Wandschüttbild (davor: drei liturgische Gewänder auf "Altären" – die Trinität?) ist übrigens parallel zum dritten Akt entstanden. Das ist der, der mit "Hojotoho!" beginnt, mit dem Walkürenritt, und damit endet, dass ein wütender Wotan die ungehorsame Brünnhilde einschläfert (in einen magischen Dornröschenschlaf versetzt halt), doch immerhin mit einer Firewall schützt, einem Ring aus Feuer, auf dass sie nicht von jeder dahergelaufenen Memme aufgeweckt werden kann, sondern allein von ihrem heldenhaften Traumprinzen Siegfried. 

Passionsspiel mit Weinbegleitung

Räume "heiligen", das konnte er, der Nitsch. An der Seitenwand: Schüttbilder in bunter Ekstase. Finger haben in der grünen, roten, blauen Masse gewühlt, im Fleisch der Malerei. Auf einem anderen Opus sind bloße Füße durch ein kräftiges Rot getrampelt (56. Malaktion, 2009), haben dieses per pedes auf der Jute verteilt. Menschliche Spuren. Im Eingangsbereich der Galerie verweisen dagegen befleckte Malhemden auf den Homo pingens, den malenden Menschen. Ikonisch streng, mit ausgebreiteten Ärmeln, werden sie entweder einzeln gerahmt oder auf ein Schüttbild collagiert, wecken zwangsläufig Assoziationen mit einem Kruzifix.

Von ikonischer Strenge: Hermann Nitschs Malhemden (2014 und 2011). 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Von ikonischer Strenge: Hermann Nitschs Malhemden (2014 und 2011).

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Quasi das Allerheiligste der Schau ist aber der "Synästhesieraum" (audiovisuelles Design: Frank Gassner). Synästhesie? Die Koppelung von Sinneswahrnehmungen. Synästheten hören zum Beispiel Farben, sehen Töne. Und hier? Betritt man so etwas wie die Kammer des Schreckens. Vier Projektoren bewerfen die Wände mit einer stakkatoartigen Bilderflut, derweil wird man von pompös orgelnden Sphärenklängen bis zur Benommenheit in ein diffuses Dröhnen eingesponnen. ("Meine Arbeit soll eine Schule des Lebens, der Wahrnehmung und der Empfindung sein und mit allen fünf Sinnen erfahren werden", wird Nitsch vom Pressetext zitiert.)

Alles ist in ständiger Bewegung, im Fluss, im Rausch. Offenbar befindet man sich im Auge des O.-M.-Theaters, dieser gesamtkunstwerklichen Mischung aus Performance, Passionsspiel, paganem Opferkult und Selbsterfahrungsseminar mit Musik und Weinbegleitung. Römisch katholisch ist das nicht. (Hat auch keiner behauptet.) Bestenfalls heidnisch katholisch. Das Leben – eine Passionsgeschichte? Ein Martyrium aus Lust und Schmerz, Leiden und Genuss?

Bilder aus Hermann Nitschs Prinzendorf (und jede Menge Farben) fluten den "Synästhesieraum" (2015, audiovisuelles Design: Frank Gassner). 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Bilder aus Hermann Nitschs Prinzendorf (und jede Menge Farben) fluten den "Synästhesieraum" (2015, audiovisuelles Design: Frank Gassner).

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Nackte Leiber mit verbundenen Augen (Akteure; "Jünger" darf man ja nicht sagen), Stierkadaver, Kreuzigungen, Prozessionen, eine Fußwaschung, Landschaftsimpressionen, organische Pläne, Leute beim Heurigen – alles auf einmal, häufig von einer künstlichen Farbpalette verfremdet. (Blut und Wein – war da nicht diesbezüglich was beim Letzten Abendmahl? Und wird bei der Eucharistiefeier nicht im Gedenken daran das Blut der Trauben in jenes von Christus transformiert?) Man ist mitten im Geschehen und mitten in der Musik, die nicht vom Fleck kommt, sich zu keiner Melodie moduliert. Lediglich kurz Pause macht. Dann knallt die Stille ohrenbetäubend gegen das Trommelfell. 

Das Blut spurt

Immer wieder laufen Farbskalen kathartisch durch, abstrakte Streifen in Lila, Gelb, Türkis, Grün, Rot, Weiß. Blumen wuchern in ein explodierendes Wachstum hinein, gehen in Gedärme über, in denen gewühlt wird. Ein Ausblick in die unendlichen Weiten des außerirdischen Raums entgrenzt das Weinviertel respektive Prinzendorf schließlich ins Kosmische. Ganz verstanden hab ich das mit dem All ja nicht. Und irgendwann war ich von der audiovisuellen Überforderung total groggy. Eine starke Faszination muss folglich wohl oder übel davon ausgehen. Denn wäre ich sonst so lange drin geblieben im Kammerl? (Locker 20 Minuten.) Ob die beinah poppigen Farben schuld sind? Oder der in Trance versetzende akustische Kokon? Beides?

Verblasste Blutflecken auf Reliktbildern. Das Tuch rechts erinnert sich übrigens an das Sechs-Tage-Spiel, das Hermann Nitsch 1998 auf dem Areal von Schloss Prinzendorf aufgeführt hat. Im Hintergrund: der "Synästhesieraum". 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Verblasste Blutflecken auf Reliktbildern. Das Tuch rechts erinnert sich übrigens an das Sechs-Tage-Spiel, das Hermann Nitsch 1998 auf dem Areal von Schloss Prinzendorf aufgeführt hat. Im Hintergrund: der "Synästhesieraum".

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Draußen wird’s ruhiger, regelrecht beschaulich. Verblasste Blutflecken. Die Aktionen waren nämlich nachhaltig. Der Nitsch hat die Restln nicht kurzerhand weggeschmissen, hat sie nicht selten über- und weiterverarbeitet zu etwas, was man sich klassisch aufhängen kann. Zu "Reliktbildern". Mit diversen sauber platzierten Applikationen. Pflasterln, gefaltete Papiertaschentücher, Weihrauch (als Geruchsquelle). Die Ordnungsliebe ist unverkennbar. Und der Wunsch, so viele Sinne wie möglich zu reizen. Auf einer blutigen Tragbahre: Altartischwäsche. Bestickte Kelchtücher.

Gedruckt, nicht geschüttet: eine sogenannte Terragraphie auf Leinwand. (Beilage zu Hermann Nitschs Kunstbuch "Levitikus", 2010.) 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Gedruckt, nicht geschüttet: eine sogenannte Terragraphie auf Leinwand. (Beilage zu Hermann Nitschs Kunstbuch "Levitikus", 2010.)

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Selbst geprintet wird auf blutbesudeltes Leinen. Passenderweise ein Schmerzensantlitz. Das vom Schmerzensmann? Erinnerungen ans Schweißtuch der Veronika werden wach. Oder ans Turiner Grabtuch. Während eine Blutspur, hinterlassen vom Sechs-Tage-Spiel 1998, relativ ungestört auf den Betrachter, die Betrachterin wirken darf. (Noch diesen Sommer sollen Tag eins und zwei von Neuem realisiert werden. Diesmal eben posthum.)

Nicht unerwähnt bleiben sollten die Terragraphien. (Terragraphie: Eine spezielle Siebdrucktechnik, an der Sand beteiligt ist, der für eine haptischere Oberfläche sorgt.) Man möchte meinen, das wären "echte" Schüttbilder. Und keine Drucke.

Hermann Nitsch – einer, der sein Ding gegen alle Widerstände konsequent durchgezogen hat. Keine Ahnung, ob ich seine ritualisierte, multisinnliche Kunst heute einfach besser verstehe und deshalb mehr mit ihr anfangen kann als früher oder ob ich mich schlichtweg an sie gewöhnt habe.