"Wenn einer kommt und sagt: ,Das ist ja schön‘, sag ich: ,Ja, genau.‘" Der Hermann Kremsmayer hat nämlich nix gegen die Schönheit. Am wenigsten was gegen die der Farben. Wenngleich sie eine Zeitlang verpönt war. Und es vielleicht immer noch ist. Zumindest suspekt ist sie, die Schönheit (die allerdings sowieso im Auge des Betrachters liegen soll). Weil wo ist die Grenze zur Gefälligkeit? Und die ist anscheinend überhaupt das Ärgste.

Schiach sind die Bilder des Salzburgers mit Wohnadresse und Atelier in Wien jedenfalls nicht, die unter dem Titel "Farbe, Licht, Raum", dieser eher sachlichen Auflistung der Zutaten, zu einer Ausstellung zusammengefasst sind. Und was sich da auf der Leinwand abspielt, ist noch dazu ziemlich dramatisch. Diverse Werkzeuge (Pinsel, Spachtel) sind daran beteiligt. Selbst die Finger ("ois, was halt geeignet is"). Zumal der Maler eben auch ein Grapscher ist, ein Farb-Grapscher. Der die Malerei manchmal offenbar einfach angreifen muss. 

Gebirge mit ozeanischen Gefühlen

Und die Galerie Amart ist das passende theatralische Ambiente für diese elementaren Farb-Ereignisse. Nämlich eine ehemalige anthroposophische Kirche. Sogar über eine Empore verfügt sie, über ein tribünenartiges Obergeschoss. Altar und Taufbecken sind freilich mittlerweile abgebaut. Trotzdem: "Jetzt hamma einen Kunsttempel", merkt Galerist Benedikt Mairwöger an, der die Kunst in den Genen hat (als Sohn des Malers Gottfried Mairwöger). He, ist das dort ein fallender Engel? Oder ein abstürzender Ikarus? Auf alle Fälle "Geflügel". In Turbulenzen. Mit feurig orangeroten Schwingen.

Luftig: Ist das rechts vielleicht eine "Himmelsnixe" oder springt sie nur grad ins Wasser? Der Hermann Kremsmayer legt sich in seiner Malerei nicht gern fest. Lässt sie oft in der Schwebe zwischen dem Abstrakten und dem Gegenständlichen. 
- © Galerie Amart

Luftig: Ist das rechts vielleicht eine "Himmelsnixe" oder springt sie nur grad ins Wasser? Der Hermann Kremsmayer legt sich in seiner Malerei nicht gern fest. Lässt sie oft in der Schwebe zwischen dem Abstrakten und dem Gegenständlichen.

- © Galerie Amart

Denn sooo abstrakt sind diese Arbeiten gar nicht. So weltfremd und realitätsfern. Okay, vordergründig bilden sie tatsächlich nichts ab. Na ja, höchstens den Schöpfungsakt. Die Farbe hat sich vom Gegenstand emanzipiert, braucht ihn nicht, ist sich selbst genug. (Kremsmayer: "Das, was ich von der Moderne übernehme, ist die Eigenständigkeit der Farbe.") Aber stellt diese Malerei wirklich nichts dar außer sich selber? Und Assoziationen werden die gestischen Spuren doch wohl noch wecken dürfen, oder? Mit Figuren, die in einem barocken Himmel schweben, mit Landschaften. Bei mir tun sie es definitiv. Das Parallel-Universum des Malers ist also zugleich ein fernes Echo von unserem.

Ein schneebedeckter Gipfel ragt aus dem unruhigen Wetter heraus, zufällig lese ich das Taferl daneben ("Strömung"), und plötzlich löst sich das Gebirge in ozeanische Gefühle auf, verflüssigt es sich zum Meer (bzw. ertränkt meine Fantasie es darin), und der Schnee verwandelt sich in Gischt. Die meisten Bilder haben jedoch ohnehin keinen Titel.

Drama auf hoher See (gemalt von Hermann Kremsmayer): Hier wogt die Farbe, bäumt sich das Blau zur vielschichtigen Transparenz auf. 
- © Galerie Amart

Drama auf hoher See (gemalt von Hermann Kremsmayer): Hier wogt die Farbe, bäumt sich das Blau zur vielschichtigen Transparenz auf.

- © Galerie Amart

Aus den Ozeanen des 68-Jährigen taucht ja so manches auf. Ein Gleichnis zum Beispiel. "Der Surfer, der muss auf sei Welle warten, dann muss er sie nehmen; wenn er Glück hat, wird er eins mit der Welle, gleitet elegant an den Strand . . . – oder er versäumt sie." Und der Kremsmayer? Ist der Surfer? Und der Pinsel ist das Surfbrett? Und mitunter muss er der Welle halt mit den bloßen Händen entgegenpaddeln? Auf jeden Fall will er "das Davor" festhalten. ("Wo‘s noch schiefgehen kann.") Den "Moment vor der Erfüllung". Unfertig sind die Bilder natürlich dennoch nicht. Vielmehr wird man Zeuge des Prozesses der Formfindung. Wobei sich die malerischen Gesten auf keine eindeutige Gestalt festlegen. Nicht, dass der Abstraktionsgrad nicht dermaßen ausgeprägt sein kann, dass man nichts mehr assoziiert. 

Bilder sagen mehr als "Krieg und Frieden"

Und was ist mit dem Raum und dem Licht? (Der Ausstellungstitel lautet bekanntlich "Farbe, Licht, Raum", nicht lediglich "Farbe".) Gemälde sind ja Flachware. Durchaus mit Tiefe. Sofern man Letztere malt. Eine Dreidimensionalität suggeriert. Und der Kremsmayer zieht die Blicke und die Sehnsucht in eine diffus beleuchtete atmosphärische Ferne.

Hitzig: Schaut ganz nach einer leidenschaftlichen Beziehung aus (zwischen Licht und Finsternis). Abstrakte Erotik von Hermann Kremsmayer. 
- © Galerie Amart

Hitzig: Schaut ganz nach einer leidenschaftlichen Beziehung aus (zwischen Licht und Finsternis). Abstrakte Erotik von Hermann Kremsmayer.

- © Galerie Amart

Gemalte Illusion und die handfeste, expressive Realität der Farbe fügen sich spannend dialogisch zusammen. Ein ständiges Austarieren zwischen Kalkulation und Spontaneität, Transparenz und Materie. Insgeheim ein barocker Romantiker? Schließlich verleugnet da jemand die Kunstgeschichte nicht. Reibt sich an ihr wie auf einem Exponat das Licht an der Finsternis, die hellen Töne an den düsteren, die glühende Hitze an der Kühle.

"Stellen Sie sich vor, Sie haben die Geschichte der Menschheit", erläutert Kremsmayer. "80 Bände. Und dann gehen Sie ins Kunsthistorische Museum. Das Kunsthistorische wird immer siegen." No na, Bilder sagen nun einmal mehr als 1000 Seiten. (Oder 1000 Worte?) Mehr als "Krieg und Frieden". "A Bild is gelungen, wenn es für den, der’s anschaut, und auch für mich unerreichbar ist", postuliert er weiter. Und meint damit nicht den Umstand, dass das eine oder andere Opus so groß ist, dass sein Erschaffer beim Malen sogar eine Leiter benötigt. Nur weil er sich weigert, es kurzerhand auf den Boden zu legen, um leichter dazuzukommen. Außerdem: "Die Wand ist die beste Staffelei." Eine Wandmalerei quasi. (Er malt an der Wand, wohlgemerkt, nicht direkt auf der Wand.) Womit wir wieder bei der Schönheit angelangt wären. ("Schönheit ist das Unerreichbare." Aber ist sie die perfekte Welle oder der Strand? – Oder die Frau im Bikini am Strand?)

Und wo befindet sich eigentlich die Signatur? Auf der Rückseite. ("Ich hab an langen Namen." Und der ist augenscheinlich zu lang für die Vorderseite. Andererseits: Albrecht Dürer hat mit einem Monogramm signiert. Mit seinen Initialen. Und sein voller Name war sogar um vier Buchstaben kürzer als der vom Hermann Kremsmayer.) Kremsmayer hält es übrigens für "a wichtige Sache, dass der Künstler mit seinem Namen gradesteht". Sprich: "Ich hab’s gemacht und unterschreib’s." Nachgesehen hab ich allerdings nicht.