Kunst darf wehtun, das muss sie sogar. Die Installationen des US-Amerikaners Jordan Wolfson, im Kunsthaus Bregenz von 16. Juli bis 9. Oktober zu sehen, verursachen jedenfalls zumindest Unbehagen. Seine Arbeiten an der Schnittstelle von Video, Animation, Installation und Skulptur, allen voran "Female Figure" (2014), hinterfragen Populär- und Internetkultur. Die Eröffnung der Schau ist eingebettet in die mehrtägigen Feierlichkeiten zum 25-Jahr-Jubiläum des KUB.

Über seine Kunst sprechen will der 1980 geborene US-Amerikaner im Grunde nicht. KUB-Direktor Thomas D. Trummer entlockt dem Künstler bei der Presseführung am Donnerstag zwar einige Sätze, aber Wolfson winkt nach wenigen Minuten ab. Er wolle nicht vorgeben, was man bei seinen Stücken zu denken habe, "das würde Ihr Erlebnis verengen, ich möchte Ihnen das nicht verderben", so Wolfson zu den Medienvertretern und verweist auf einen knappen Wandtext mit einigen Gedanken zu seinen Arbeiten. "Zuschauen und taxieren ist hier nicht möglich, man muss eine andere Art der Begegnung finden", erklärt daher Trummer Wolfsons Werk. Er habe beim Aufbau gelernt, dass es Wolfson darum gehe, auf den Körper zu hören, dieser zeige Abscheu und Anziehung unmittelbar. "Es geht um diese psychische und körperliche Reaktion", verdeutlicht Trummer.

Der virtuelle Voyeurismus

Und es ist durchaus starker Tobak, den Wolfson bietet. Über eine Virtual Reality-Brille kann man etwa die Arbeit "Real Violence" (2017) erleben, in der ein Mann einem anderen mit einem Baseballschläger den Schädel einschlägt. Eher ein "Experiment, das das Nervensystem wie ein Readymade behandelt", so Wolfson. Die Arbeit, inspiriert von Internetclips, stellt Fragen nach unserem virtuellen Voyeurismus, unseren Umgang mit Gewalt. Ebenfalls mindestens gewagt, noch dazu von einem männlichen Künstler, ist "Female Figure": Ein mechanische, computergesteuerte Frauenfigur, von weicher Silikonhaut umhüllt, tanzt im beschmutzen, leichten Kleidchen und in hohen Stiefeln lasziv vor einem Spiegel. Ihre Gelenke knarzen zur Musik, ihre weißen Arme heben sich, ihr Hintern wackelt im Takt. Hinter der hexengrünen Maske als ihrem einzigen Schutz vor den Besuchern nehmen ihre böse blickenden Augen über eine Gesichtserkennungssoftware Kontakt zum Gast auf, der von einem Mitarbeiter zu ihr vorgelassen wird, wie zu einem "Private Dance". Anziehung und Abscheu halten sich die Waage.

Von Gegensätzen lebt auch "Artists Friends Racists", ein in der Pandemie entstandenes Werk. "Wer sind die Freunde, wer sind die Rassisten"?, fragt Trummer. "Das eben ist die Frage", dazu Wolfson, der mit der Arbeit vor allem hinterfragen will, ob er selbst Rassist ist. Judensterne, weiße Mickey Mouse-Handschuhe, Kätzchen-GIFs und Netzbilder wechseln einander als Projektion auf rotierenden Propellern ab. Seine Verachtung für Autoritäten und den Ärger über die "Heuchelei weißer Menschen, die sich für Heilige halten", drückt Wolfson auch in "Wall Objects" aus, die Symbole verschiedener Religionen mit Bissigem kombinieren, etwa einem weißen Hai oder Vampirzähnen. Vielleicht ein Hinweis, dass manch Seelenfänger keine heiligen Absichten hat. In der Videoarbeit "Raspberry Poser" hopst ein Virus durch die Stadt, ein Kondom schwebt durch die Straßen. Es geht laut dem Künstler, der darin als Skinhead auch selbst vorkommt, um seine Angst vor Aids und Fragen zu seinen eigenen Privilegien. Augenfällig ist "House of Face" (2017): Eine blutrote Fratze hängt an der Wand, die sich beim genaueren Hinschauen als Hexenhaus entpuppt - das Werk zitiert das aus Märchen bekannte Urbild des Unheimlichen.

Das KUB begann seine 25-Jahr-Feier mit einer Ausstellung am Rande der Biennale Venedig mit Werken von Otobong Nkanga und Anna Boghiguian, die Anfang Juli zu Ende ging. Fortgesetzt werden die Feierlichkeiten dieses Wochenende mit Konzerten, Filmvorführungen, der Eröffnung der aktuellen Schau, dem Tag der Wiener Symphoniker und Podiumsgesprächen. Der Eintritt ist dieses Wochenende frei. (apa)