Das ehemalige Museum des 20. Jahrhunderts war von Anfang an eine gläserne Halle für neue Skulptur nach 1945, war doch sein erster Direktor, Werner Hofmann, dafür Spezialist, und er konfrontierte die Wiener mit der Schule von Fritz Wotruba bis in einen Skulpturengarten. Die Präsenz der Wotruba-Foundation im heutigen Belvedere 21 hat die britische Künstlerin Rebecca Warren herausgefordert, mit Kurator Axel Köhne im zentralen Raum eine Bühne zu schaffen für ihre zehn neuen figuralen Bronzearbeiten und sieben Neon-Collagen an fünf Wänden. Letztere ziehen sich streng konstruktiv durch den Raum, haben Schattenfugen, ein Fenster und eine leichte rosa Färbung. Das Déjà-vu betrifft hier darüber hinaus die Auffassung von skulpturalem Denken, das seit den 1990er Jahren durch Künstlerinnen wie Warren einen Sprung aus der Objektivität von Minimal-Art und Installation zurück zur figuralen Plastik vollzieht.

Mickey Mouse und Riesenfinger

Nicht nur im Werk der 1965 geborenen, in Düsseldorf an der Akademie lehrenden und aus London stammenden Künstlerin sind autobiografische Vorlieben für Filme wie "Star Wars" oder Walt Whitmans Lyrik kombiniert mit ihrer feministischen Sicht auf die Figur im Welt-Raum, die teils extravagant in die Luft ragende Körperteile wie ein Bein in "Transformer" aufweist, oder Mickey-Mouse-Maschen, die "Influencer"-Köpfe krönen. Warren wandelt Whitmans "Now Voyager" in "The Now Voyager", eine weibliche Gestalt, die mit Riesenfingern gestikuliert, aus bemalter Bronze gegossen ist und auf einem MDF-Transportbrett über einem Holzsockel steht. Sie sieht ihre neue Figuration mit teils malerischer Behandlung der Bronzeoberflächen, als einen Aufbruch in eine neue plastische Sprache, die gleichzeitig sehr weit in die Kunstgeschichte zurückgreift in Form- und Raumfragen. Dabei kehren Constantin Brancusis Sockelwertigkeiten ebenso zurück wie die sichtbare knetende Fingerspur Alberto Giacomettis.

Rebecca Warren kehrt zur Tradition zurück: "The Now Voyager". - © Belvedere Wien / Johannes Stoll
Rebecca Warren kehrt zur Tradition zurück: "The Now Voyager". - © Belvedere Wien / Johannes Stoll

Warren arbeitet wieder im alten Dreischritt-Werkprozess vom Tonmodell zur Wachsabformung bis zum Bronzeguss, der uns seit der Antike bekannt ist. Sie begann mit ungebrannten Tonfiguren in den 1990ern und wollte während ihres Studiums am Goldsmiths College weg vom konzeptuellen Denken und zurück zu figuralen Meisterschaften, aufgeladen mit absurden Seitensprüngen.

Die ins Groteske und Ironische gesteigerten Formauswüchse stammen aus Filmen, von Plattencovers, aus Comics und von Anregungen durch zahlreiche Vorbilder wie Auguste Rodin, Giacometti, bis hin zu Pop-Art und den Modefotografen Helmut Newton. Mit hieroglyphischen Zeichen von Neonspiralen und anderen Rätselbuchstaben, sowie der Verwendung unterschiedlicher Materialien für die Wandcollagen kombiniert sich darin wild Experimentelles mit alltäglicher Rückschau auf die Tradition. Der neckische Einsatz einer malerischen Geste ist wie der Rückgriff auf eine Dialektik, die eigentlich in Zeiten des Kalten Krieges die Kunstphilosophie beherrschte.

Rebecca Warren: "The inscrutable passage of an alien or godly intelligence" (2019, Detail).  
- © Rebecca Warren / Maureen Paley / Galerie Max Hetzler und Matthew Marks Gallery / Angus Mill

Rebecca Warren: "The inscrutable passage of an alien or godly intelligence" (2019, Detail). 

- © Rebecca Warren / Maureen Paley / Galerie Max Hetzler und Matthew Marks Gallery / Angus Mill

Alte Patina

Rebecca Warren: "And who would be my mother (of Invention)" (2013/2022). 
- © Belvedere Wien / Johannes Stoll

Rebecca Warren: "And who would be my mother (of Invention)" (2013/2022).

- © Belvedere Wien / Johannes Stoll

So wie die aktuelle Krisensituation uns oft dahin zurückkatapultiert, passiert es natürlich auch in künstlerischen Gefilden, wobei der Aufbruch in neue Welten, wie schon bei Joseph Beuys, ein Zurückspulen bis in die Vorzeit bedeutete, mit der auch das "Uncanny" von Sigmund Freud wieder liebevoll zur Brust gezogen wird.

Auch wenn Warren ihr plastisches Arbeiten mit einer 3D-Leinwand vergleicht: Die alte Patina tritt als einer von vielen Widersprüchen auf, Fremdheit ist hier ein Chor von Aliens, und bleibt letzten Endes doch ein Wunsch auf das Wiedererstehen mit alten Götterbildern der Antike. Der Fortschrittsgedanke in Sachen Kunst, der von Romantik bis Moderne über allem schwebte, ist endgültig angeleint und verworfen. Das Balancieren im nächtlichen Zwischenraum hält aber noch an. Warren und wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht.