Ausstellungstitel sind wie Sprüche auf Fußabstreifern. In der Regel liest man sie, bevor man reingeht. Dieser hier (von Paul Horns Einzelpräsentation in der Knoll Galerie) ist aber zufällig tatsächlich eine berühmte Inschrift von einem Eingang. Ein Klassiker. Ach, "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"? Also das, was auf der Dacke der Hölle steht? Bzw. auf dem Tor? In Dante Alighieris "Göttlicher Komödie"? Falsch. Vielmehr das, wozu die Besucher des Apollotempels in Delphi aufgefordert wurden: "Erkenne dich felbft." Allerdings damals auf Griechisch, natürlich.

Moment: felbft? Sollte das nicht "selbst" heißen? Ja, eh. Ist mir ebenfalls bereits passiert, dass ich das lange s der Frakturschrift mit einem f verwechselt habe. Aha, das soll gar kein Schreib- oder Lesefehler sein. Mehr ein Sprachfehler. (Weil wie oft kommt einem heute noch ein Text in Fraktur unter. In gebrochener Schrift.) Zumindest ein Plädoyer für mehr Fehlertoleranz in einer narzisstischen Selfie-Gesellschaft. Ein Appell, sich seiner eigenen Unvollkommenheit gewahr zu werden. Dass niemand unfehlbar ist. Bestenfalls mit Photoshop. (Und der Papst?) 

Nicht, dass er Aquaman wäre . . .

Paul Horn, 1966 im niederösterreichischen Amstetten geboren, einem Ort, an dem die Mostbirne geradezu kultisch verehrt wird (Amstetten liegt im Mostviertel, hallo?), bessert trotzdem immer wieder nach. Keine Ahnung, ob bei sich selber genauso, doch definitiv bei seinen komplexen Installationen. Installationen – demnach ein Installateur? Irgendwie schon. Wobei das Wasser quasi "sein" Element ist (nicht, dass er Aquaman wäre), sein Material, mit dem er hantiert. Das er durch Leitungen und Räume schickt.

Gleich drei Sachen auf einmal (mindestens): Zimmerbrunnen, Mobile und Soundinstallation. "Bitte warten" (2022) von Paul Horn. 
- © Sandra Fockenberger

Gleich drei Sachen auf einmal (mindestens): Zimmerbrunnen, Mobile und Soundinstallation. "Bitte warten" (2022) von Paul Horn.

- © Sandra Fockenberger

In den Tiefen seiner aktuellen Schau stößt man nun auf eine imposante, schier aberwitzige Konstruktion in roher, ungeschönter Do-it-yourself-Ästhetik, eine Art Zimmerbrunnen (Modell "Bitte warten") im scheinbar wild zusammengezimmerten Selbstbau-Look. Kanister, Alurohre, die wippend Wasser in Schalen gießen (Sind das etwa . . .? Genau: Salatschüsseln!), Stative, Bretter und jede Menge Schläuche. Hat was von einer Baustelle. Na klar. Diese Schalungsplatten zum Beispiel. ("Ich bin ja Bühnenbildner auch, und was da übrig bleibt in meiner Werkstatt, verwend‘ ich da.") Und bei Bedarf wird das Werkel nachjustiert, wird an Stellschrauben gedreht. Ein "Langzeittest" (Horn). So gesehen ein Work in Progress. Und insofern flexibel, als für Rohr 13, 14 und 15 kein Platz mehr war, weshalb man es gewissermaßen mit einer abgespeckten Version zu tun hat.

Zweifellos ein obsessiver Bastler. Wirkt außerdem alles ziemlich improvisiert. "Ich arbeit’ generell so", meint der Künstler. "Ich möchte nicht die Industrie kopieren. Ich möchte kein High-Tech-Produkt liefern, sondern ein Prinzip veranschaulichen." 

"Es ist kein Trinkwasser, sag ma so"


Und was kann das Ding, das "immer langzeittauglicher" wird (und sich bei näherer Betrachtung als äußerst raffiniert erweist, als ausgeklügeltes System)? Plätschern. Mindestens. Bewässerungssystem ist es diesmal jedenfalls keines. Okay, vielleicht erhöht es die Luftfeuchtigkeit. Immerhin muss jede Woche circa ein Liter nachgefüllt werden. Und der muss schließlich irgendwohin verschwunden sein, oder? Weggeschlürft wird ihn ja wohl keiner haben. Nicht zuletzt wegen der Chemie da drin. Gegen die Algenbildung. (Horn: "Es ist kein Trinkwasser, sag ma so.") Oder handelt es sich womöglich um ein Entwässerungssystem? Zumal fließendes Wasser bekanntlich den Harn drängt?

Nein, eigentlich um ein Shishi odoshi. Das ist Japanisch und bedeutet auf Deutsch so viel wie Reh-Erschrecker oder Hirsch-Scheuche. Ein traditionelles Wasserspiel nämlich, wo sich normalerweise ein Bambusrohr langsam füllt, bis es das Übergewicht kriegt, sich vornüberkippend entleert und beim Zurückfallen in die Ausgangsposition auf einem Stein aufschlägt und mit dem Klack-Geräusch etwaige Fressfeinde der Bonsais aus der japanischen Gartenanlage verjagen soll.

Die Zutatenliste für diese imposante "Mischtechnik" ist durchaus lang: Alurohre, Schläuche, ein Tank, eine Pumpe, Stative, Kugellager, Salatschüsseln . . . - ach ja: und Wasser. Ohne das geht GAR nichts bei Paul Horns Brunnen-Installation. 
- © Sandra Fockenberger

Die Zutatenliste für diese imposante "Mischtechnik" ist durchaus lang: Alurohre, Schläuche, ein Tank, eine Pumpe, Stative, Kugellager, Salatschüsseln . . . - ach ja: und Wasser. Ohne das geht GAR nichts bei Paul Horns Brunnen-Installation.

- © Sandra Fockenberger

In Quentin Tarantinos "Kill Bill – Volume 1" wird der Showdown im winterlichen Zen-Garten zwischen Uma Thurman als "die Braut" und Lucy Liu als O-Ren Ishii übrigens gleichfalls von einem Shishi odoshi "bewässert". Nach dem epischen Gemetzel im Asia-Restaurant ("die Braut" hat da fast sämtliche Mitglieder der Yakuza mit ihrem Samurai-Schwert massakriert): ein intimerer Zweikampf im Schnee, begleitet vom unaufgeregten Klack-Klack des Brunnens, bis die eine, die ihre Todesliste abarbeitet, die andere skalpiert hat.

Beim Horn wiederum: kein Klack. Weil die Rohre kugelgelagert sind und abgefedert werden. Und weit und breit kein Stein. Niemand muss sich folglich schrecken oder wird vertrieben. (Man ist höchstens von der beeindruckenden Größe und ausufernden Bastelwut ein bissl eingeschüchtert.) "Mir taugen die Geräusche von Wasser einfach. Dieses Blubbern und Glucksen", bekennt der Schöpfer dieser feuchten Mischung aus kinetischer Skulptur und Soundinstallation, der einmal sogar aus drei Klospülungen so etwas wie ein Gerät gegen Einsamkeit zusammengebaut hat. Für Singlehaushalte. Den "künstlichen Nachbarn". Einen Nachbarsimulator, der eine Anwesenheit in der angrenzenden Wohnung suggeriert, das Geräusch imitiert, wenn nebenan jemand runterlässt. 

Die Menschenfresser-Eule macht große Augen

Und das vom Wasser bewegte Mobile des Wasserdompteurs (oder Wasserflüsterers)? Obwohl im Grunde reine Physik (ein Wasserbehälter oben, ein Tank unten, zwei Füllstandsmelder, eine Pumpe . . .), bleibt ein Rest von Mysterium. Fasziniert beobachtet man den Kreislauf, Schaulauf dieses farblosen Lebenselixiers, wie es kontemplativ durch die Adern, Wasseradern fließt, während es fleißig Sauerstoff transportiert wie unser Blut (gut, weil H2O von Natur aus Sauerstoff enthält, Oxygen – chemisches Symbol: O), man lauscht den beruhigenden Klängen, lauert gespannt darauf, welches Rohr denn als Nächstes speien wird. Eine beschauliche Meditation über die Zeit.

Und über die Unberechenbarkeit des Daseins? Manche Rohre lassen alle zehn Minuten Wasser, andere sind hektischer, "pinkeln" einmal in der Minute, und "ein Rohr macht immer Probleme". Selbst eine Thrombose können die Leitungen kriegen. Wenn sich Luftblasen im Schlauch bilden und diesen blockieren. ("Wasser ist ein sehr eigenes Medium.")

Wieso der Blick von Paul Horns Eulen so eindringlich ist? Wegen der dicken Glaslinsen. Und weil die Pupillen dahinter echte . . . Löcher sind. 
- © Sandra Fockenberger

Wieso der Blick von Paul Horns Eulen so eindringlich ist? Wegen der dicken Glaslinsen. Und weil die Pupillen dahinter echte . . . Löcher sind.

- © Sandra Fockenberger

Warum man permanent das Gefühl hat, man würde beobachtet? Weil man es wird. An den Wänden machen riesige Vögel der Weisheit (potenzielle Menschenfresser-Eulen) große Augen. Krallen sich an ihren gemalten Ästen fest und – starren. Fixieren ihre Beute. (Den Besucher, die Besucherin.) Freilich vergleichsweise kitschig idyllisch. (Ätherische Farbsprühnebel, ein Heile-Welt-Kolorit . . .) Speziell wenn man Horns (zugegeben: auch überaus ästhetische und sinnliche) endzeitliche Katastrophenlandschaften noch im Gedächtnis hat, die er vor vier Jahren an dieser Stelle gezeigt hat, seine Weltuntergangsgefilde, in denen sich elektrokalyptische Dramen abgespielt haben, Strommasten umgekippt sind (vor Erschöpfung?) oder vom stürmischen Klimawandel (oder einem Krieg?) geknickt wurden. Dann hat noch dazu in einem Winkerl ein leibhaftiger Feuerlöscher wie in einem Horrorfilm gekreischt. 

Viereck mit barocken Rundungen

Versucht diese Eule gerade, den Betrachter, die Betrachterin zu hypnotisieren? Bild in 2 1/2 D von Paul Horn. Die applizierten Wollfäden (unten) sorgen nämlich für ein zusätzliches halbes D. Und die eingesetzten Linsen sind auch nicht unbedingt flach. 
- © Sandra Fockenberger

Versucht diese Eule gerade, den Betrachter, die Betrachterin zu hypnotisieren? Bild in 2 1/2 D von Paul Horn. Die applizierten Wollfäden (unten) sorgen nämlich für ein zusätzliches halbes D. Und die eingesetzten Linsen sind auch nicht unbedingt flach.

- © Sandra Fockenberger

Und erneut ist 3D dem 2D nicht sein Tod (die Malerei lebt!), sondern sein bester Haberer. Weil der Maler Horn die Flachware Malerei gern mit haptischen Collage-Elementen anreichert. Eingearbeitete Schnüre verleihen dem Ganzen eine reliefartige Struktur. Horn: "Man nennt es 2 ½ D." Die barocke Form der Bilder ist ebenso ein Kompromiss. Respektive ein Mittelding. Zwischen eckig und rund. Ein Hybrid aus einem Rechteck und einer Ellipse. Ergo ein Rechteck mit Rundungen oder ein Oval mit vier Ecken.

Die glotzenden Augen sind dafür perfekt rund. Kreisrund. Und was sie so unheimlich macht, so bedrohlich, ist, dass das erstens echte Linsen sind (aus Teleskopen – he, Bilder mit Weitblick!), und zweitens sind die Pupillen richtige Löcher, durch die uns die Dunkelheit, die im Hohlraum hinter der Leinwand herrscht, finster anblickt.

Blinzeln tun diese Eulen sowieso nicht. Wenngleich jene aus Fleisch und Blut und Federn gar über drei Augenlider verfügen. (Pro Auge.) So weit reicht der Realismus also auch wieder nicht. Na ja, würden sie wirklich blinzeln, wären sie einem noch weniger geheuer. Sie wurden obendrein in XL gemalt. Und wenn ein Vogel erst einmal, wie der Horn ausführt, "so groß ist, dass er einen Menschen verspeisen könnte", ist das nimmer sonderlich romantisch. Stimmt. Die Natur ist halt ambivalent wie diese Kunst.