Rosen, Tulpen, Nelken, alle drei verwelken – außer, sie sind aus Plastik. Oder Stoff. Wie die exotischen Blumen, die Johanna Binder einmal in den Tropen "ausgewildert" hat. Um die Vergänglichkeit ist es ihr dabei allerdings gar nicht gegangen. Oder um die bleibenden Werte. (Plastik?)

Eher um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Um das Bild, das er sich von ihr macht. Wie er sie sich aneignet, an seine Bedürfnisse anpasst. Sie zu seinem Spielplatz, Erholungs-, Freizeit- und Sehnsuchtsraum umfunktioniert. Sie verkünstelt. Und einen Unterhaltungswert muss sie sowieso haben, die Natur. 

Die Natur hat Hausarrest

Im Bildraum 07 macht die Künstlerin (geboren, lebt und arbeitet in Salzburg) jetzt mit dem Besucher, der Besucherin einen multimedialen "Ausflug ins Grüne". Selbst eine Ecke hat sie begrünt. Grüner gestrichen, als die Natur erlaubt. Auf alle Fälle ist es das "falsche" Grün. Mint statt Chlorophyll. Die Flora, die hier als bühnenhafte Naturkulisse installiert worden ist, ist dafür sehr haltbar und robust. Binder (Jahrgang 1985) musste sie lediglich ein einziges Mal gießen. Nämlich aus Porzellangips. Richtige Monster hat sie da erschaffen. Bzw. Monstera. (Der wissenschaftliche Name.)

Zu einer extrem populären Zimmerpflanze domestiziert, die brav aufs Topferl geht, hat dieses Aronstabgewächs bei uns meist Hausarrest und fristet ein Dasein in völliger Abhängigkeit von seinem Herrchen oder Frauerl. Wie die Haustiere, die ohne uns doch ebenfalls verhungern würden. (Warum bloß muss ich nun ausgerechnet an das denken, was ein Schulkollege meiner Schwester dereinst in ihr Poesiealbum geschrieben hat? "Unsere Freundschaft ist wie eine Blume. Drum lass sie uns begießen, damit sie nicht eingeht." Offenbar eine weniger euphorische Variante des Rosen-Tulpen-Nelken-Spruchs, der am Schluss immerhin behauptet: "Stahl und Eisen bricht, aber unsere Freundschaft nicht.")

Johanna Binder (diesmal in Zivil, OHNE Safarihut) vor ihrer mintgrünen Ecke: Die Installation aus Teilen ihrer "Monster Series" (2022) eignet sich also auch perfekt als Hintergrund. Für einen FOTOGRAFISCHEN "Ausflug ins Grüne". 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Johanna Binder (diesmal in Zivil, OHNE Safarihut) vor ihrer mintgrünen Ecke: Die Installation aus Teilen ihrer "Monster Series" (2022) eignet sich also auch perfekt als Hintergrund. Für einen FOTOGRAFISCHEN "Ausflug ins Grüne".

- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Monstera-Blätter führen quasi als Leitpflanzen durch die gesamte Schau. Auf der kleinen, mintgrünen Bühne, den sogenannten Brettern, die die Welt bedeuten, haben sie einen Auftritt als Blätter, die die Welt bedeuten (sozusagen). Und sie werden mit pastelligen Zuckerlfarben "gesüßt", die nach der Natur geformten Immergrünen. Dass man sie mit den Blicken regelrecht abschleckt. 

Kein Abenteuer ohne Hut (wusste schon Indiana Jones)

Eine Expedition ins Blaue (ins Berliner Blau), wovon postkartengroße Fotos zeugen, hat die Absolventin der Universität für angewandte Kunst, Wien (Malerei und Animationsfilm), auch mit ihnen unternommen. In die monochrome Welt der Cyanotypie, des "Eisenblaudrucks". Das ist ein historisches fotografisches Druckverfahren aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus der Frühzeit der Fotografie. Saugfähiges Papier wird mit einer speziellen Lösung ("so a Chemiezeugs") lichtempfindlich gemacht, in der Sonne belichtet (die Künstlerin hat ein auf Folie geprintetes Negativ draufgelegt), die belichteten Teile werden blau, die unbelichteten wasserlöslich und können ausgewaschen werden. Binder hat deshalb lieber gleich zu Aquarellpapier gegriffen. Denn das ist bestimmt nicht wasserscheu, hat das Wasser bereits im Namen (lateinisch "aqua"), ist es gewohnt, nass zu werden. (Aquarelle sind bekanntlich Feuchtgebiete.)

Als Abenteurerin in typischer Safari-Montur hat sich die Salzburgerin inszeniert. In freier Wildbahn, unterschiedlichen Biotopen (im Gebirge, im Wald, an einem See . . .), in denen sie vorher Exemplare aus ihrer keramischen "Monster-Serie" platziert hatte. Wie vertraute Fremdkörper. Oder wie Neophyten, diese zuagrasten Pflanzen, Gewächse mit Migrationshintergrund, mit ausländischen Wurzeln. Diese irdischen Botanik-Aliens. "Ich bin mit den Blättern in der Landschaft herumspaziert", gibt sie zu. Eine geständige Schlepperin? Und Blätter in den Wald zu tragen, ist das so wie mit den Eulen und Athen? Das Grünzeug macht jedenfalls blau. Die komplette Vegetation. (Verweist das intime, briefkastentaugliche Format auf die Natur als beliebtes Ansichtskartenmotiv?)

Die Ruhe vor dem nächsten Abenteuer: Johanna Binders Expeditions-Hut und ihre Picknickdecke, die zugleich ein Gemälde ist, hängen beschaulich an der Wand. 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Die Ruhe vor dem nächsten Abenteuer: Johanna Binders Expeditions-Hut und ihre Picknickdecke, die zugleich ein Gemälde ist, hängen beschaulich an der Wand.

- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Den Hut (nicht nur der Indiana Jones hat einen, Abenteurerinnen brauchen so was genauso), den hat sie mittlerweile an den Nagel gehängt. In der Galerie. In einer Fensternische. (Laut Binder – mit Augenzwinkern – "das wertvollste Stück in der Ausstellung". Weil da "viel Schweiß drinnen" wäre.) Was nicht heißt, dass sie ihn, den Abenteurerinnen-Hut, nicht jederzeit wieder runterholen könnte. Vom Nagel. Schließlich ist die Kopfbedeckung mit Krempe unverkäuflich. ("Meinen Kopfschweiß verkauf‘ ich nicht.")

Ein anderes Requisit der Naturverbundenheit und –aneignung (und aus ihrem Cyanotypie-Abenteuer), also die Decke, auf der sie mit weiteren Hutträgern gepicknickt hat, ist zugleich ein Gemälde und wird wie ein solches präsentiert. Ist auf den üblichen Bildträger Wand montiert. Ist ja tatsächlich bemalt worden. Mit dem Pinsel. Hat irgendwie was von einer fleckig aufgelösten Blumenwiese, vom flüchtigen Eindruck eines bunten Blühens. Könnte sich folglich um einen abstrakten Impressionismus handeln. Mehr Impression als Expression. 

Auf der Picknickdecke tunlichst nicht schwitzen

Dass die Malerei am 28. Juli, einem Donnerstag, um 19 Uhr als Picknickdecke reaktiviert werden wird (da ist ein Artist Talk inklusive Picknick geplant), bedeutet freilich nicht, sie wäre für den A-. Auch wenn die Künstlerin und ihre Gesprächspartnerin, die Andrea Kopranovic vom Belvedere 21, darauf sitzen werden. Um zu plaudern. Vor Publikum, das derweil auf verlegten Teppichinseln zuhören und nicht allein mit Worten, sondern ebenso mit Brötchen, Obst und "vielleicht mit Kuchen" (Binder) gefüttert werden wird. Moment: Tusche und Lack auf Satin. Färbt die Decke nicht ab? Antwort: "Wenn sie nass wird, schon." Nachsatz: "Wir dürfen nicht schwitzen." Oder sie dürfen halt nix Helles anziehen.

Noch einmal die mitgrüne Ecke. Man beachte das geometrisch-abstrakte Bild ganz links. Was ist künstlicher? Die Kunst oder die nachgemachte Natur? 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Noch einmal die mitgrüne Ecke. Man beachte das geometrisch-abstrakte Bild ganz links. Was ist künstlicher? Die Kunst oder die nachgemachte Natur?

- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Das strenge, abgesteppte Raster, das von einer luftig leichten, impressionistischen Abstraktion überspielt wird, korrespondiert übrigens mit einem klassischen Leinwandbild im Stil der geometrischen Abstraktion. Und was, bitte, hat dieses "unnatürliche" Muster aus Kastln mit illusionistischer Räumlichkeit in der "grünen Ecke" zu suchen, der mintgrünen? Bei den künstlichen Monstera-Blättern? Es veranschaulicht die "Idee der totalen Konstruktion" (Binder), einer konstruierten Natur.

Kleine Stadtfluchtoase: zwei Liegestühle für den bequemen Konsum der Wildnis, aus der Johanna Binder ein Video mitgebracht hat. 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Kleine Stadtfluchtoase: zwei Liegestühle für den bequemen Konsum der Wildnis, aus der Johanna Binder ein Video mitgebracht hat.

- © Eva Kelety, Bildrecht 2022

Für die, die die Wildnis vorzugsweise bequem im Sitzen konsumieren (vor dem Fernseher, aus der sicheren Entfernung des Wohnzimmersofas), hat man zwei Liegestühle aufgeklappt. Der Film auf dem Monitor entführt einen kommentarlos (keiner quatscht dazwischen, in die "authentischen" Naturgeräusche rein) in eine entlegene, schwer zu erreichende Region im tropischen Kolumbien. Die letzten eineinhalb Jahre hat Binder nämlich in diesem südamerikanischen Land verbracht, an dessen Küsten sowohl Wellen aus dem Pazifik als auch aus dem Atlantik schwappen und wo die Fensterblätter (Monstera) omnipräsent sind. ("Die wachsen überall. Und noch vü größer als bei uns. Da sind sie ja Topfpflanzen.") 

Schöner versumpfen

Mit einem Sack voller Fake-Blumen ist sie also in ein Boot gestiegen und hat die gefälschte Blütenpracht im Mangrovenwald eingepflanzt. In den schlammigen Boden. Oder auf Äste gehängt wie Lametta oder Girlanden auf den Weihnachtsbaum. Da schwimmt ein rosa Farbtupfer zwischen den Wurzeln, dort leuchtet ein Orange aus dem Laub heraus, ein Fuchsia weht im Wind. Bereitwillig glaubt man die Lüge anfangs. Doch irgendwann wird man stutzig. Wenn es die Gärtnerin mit ihrer Paradies-Deko zu bunt treibt. Spätestens aber, wenn ein gemischter Strauß aus dem Gatsch sprießt. Oder man beim Monstera-Blatt den Draht bemerkt. Jö, Kirschen! (Binder: "Kirschen wachsen natürlich ned im Mangrovensumpf. Oder gelbe Rosen.")

Und wieder hat Johanna Binder etwas "gefunden". Diesmal in den Mangrovensümpfen Kolumbiens. Ein hübsches Blumenstillleben im Schlamm. Zuerst hat sie diese KUNSTBLUMEN gepflanzt, und jetzt pflanzt sie UNS. (Filmstill, 2021.) 
- © Johanna Binder

Und wieder hat Johanna Binder etwas "gefunden". Diesmal in den Mangrovensümpfen Kolumbiens. Ein hübsches Blumenstillleben im Schlamm. Zuerst hat sie diese KUNSTBLUMEN gepflanzt, und jetzt pflanzt sie UNS. (Filmstill, 2021.)

- © Johanna Binder

Kunstblumen in natürlicher Umgebung gleichsam. Unwelkbare Imitate. Schier unverwüstlich. Wie unsere artifiziellen Vorstellungen von einer "unberührten", "natürlichen" Natur? Am Ende hat sie trotzdem alles wieder gepflückt, die Johanna Binder. Eingesammelt. Es zurückzulassen, "das hätt‘ i ned z’sammbracht. Da hätt‘ i mi echt schuldig g’fühlt".

Ist die Kunst nun freilich natürlich oder die Natur ein Kunstwerk, ein Artefakt? Vermutlich beides. Und Binder verschmilzt die Sphären geschickt zur "Natunst" respektive zur "Kunstur". Hinterfotzig.