An der Fassade empfängt der bekannte Kiewer Künstler Nikita Kadan mit einem Banner über dem Eingangsportal, das er mit "Fuck War" beschriftet hat, einer der zahlreichen einfachen politischen Parolen, die seit Beginn des Krieges Russland gegen Ukraine in den Protesten dagegen auftauchten. Und auch in der Secession hat sich einiges verändert, denn der Hauptraum fungiert als künstlerische Spiel-Landschaft für die digitale junge Generation, denn ohne Smartphone geht hier nichts mehr, mit aber fast alles - vom Ticket bis zum Gewinn eines Kunstwerks, jedoch auch mit üblichen Verlusten.

Die teils künstlerische Partizipation in Erzeugung und Methoden von Krypto-Kunst ist hier in sieben Stationen eines "Pandemic Pandemonium" möglich. Sofern der Strom nicht ausfällt und komplizierte Computerprogramme funktionieren. Beloufa, 1985 in Paris geboren, lebt und arbeitet in Montreuil und kooperierte für die Vorhölle mit der Gruppe EBB.

Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: Lieselott Beschorner: "Beinlust, Strumpfobjekt, Gruppensex", um 1980. - © Birgit und Peter Kainz
Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: Lieselott Beschorner: "Beinlust, Strumpfobjekt, Gruppensex", um 1980. - © Birgit und Peter Kainz

Sprechendes Virus

In der Galerie ist mit der 1987 in Denver geborenen und in Chicago lebenden B. Ingrid Olsen eine international bekannte Künstlerin mit ihren ortsspezifischen Objekten zu Gast, die klassische Fragen von Körper und Raum, aber auch der Kamera- und Selbstbeobachtung stellen, zu Gast. Sie nennt ihre Werkfolge von drei Konzepten "Elastic X", in denen Inszenierung von Macht- und Geschlechterfragen durch spezifische Materialien und Objektkonstellationen wie Kulissen gebaut werden. Dabei ist die künstlerische Selbstbeobachtung im Arbeitsprozess im Atelier wichtig und wird mit organischen und anorganischen Materialien illustriert.

Am Beginn der Schau verändert sie den Rechteckraum mit Apsiden durch Eckreliefs und deckt damit seine symbolische Form als griechisches Kreuz auf. Dramatisierende Kulissen sind ihre Wandreliefs, im zweiten und dritten Raum folgen Körper-Kamera-Perspektiven, mit Blick von oben auf nylonbestrumpfte Beine, frei nach Ernst Machs "Analyse der Empfindungen". Verspiegelte Plexiglas- und Aluminiumobjekte stehen organoiden Kamerabehältern gegenüber, die eindeutige Erkenntnis voyeuristischer Spannungen in verschiedenen Realitätsebenen verraten.

Das 95-jährige Secessions-Mitglied Liselott Beschorner - ihre Werke waren zuletzt in Folge im Musa, in der Albertina modern und der Landesgalerie in Krems zu sehen - überrascht im Grafischen Kabinett mit zwei neuen Werkgruppen aus Porzellan und ihren Impuls- und Sekunden-Zeichnungen aus den Pandemie-Jahren. Sogar das Corona-Virus selbst redet in "Weinenden Omnichronisten" der nahezu blinden ehemaligen Malerin mit. Die informelle Strichführung erinnert zurück an das Jahr 1951, als sie als eine der wenigen Künstlerinnen in die Secession aufgenommen wurde. Drei Ausstellungen im Haus gehen dieser voraus: 1954, 1966 und 1972. Dann musste die in einer Berufsschule Unterrichtende pausieren und wurde wie viele Künstlerinnen der Aufbruchszeit, auch jene des Art Clubs, fast vergessen.

Doch nun ist sie mit "Im Atem der Zeit" wieder omnipräsent. Das lange Schweigen ist durch Beschorners Nähe zu Louise Bourgeois oder auch Sarah Lucas, vor allem durch ihre surrealen "Puppas" und die an verschlungene Beine erinnernde Objektgruppe "Gruppensex", ohnehin schwer verständlich.

Kopfmonster

Aber auch Bourgeois wurde erst mit 80 berühmt! Die Kopfmonster, die sie aus mottenresistenten Kunstfaserwollfäden strickte, häkelte und mit den skurrilsten Gesichtern zu guten und bösen Hexen nähend umformte, kommentiert sie mit: "Diese Werke bin ich". Ironie, Fantasie und eine Liebe zum Fetisch zeichnen auch die sich auf einigen Sockeln ansammelnden "Behuteten Kopffiguren" aus weißem Porzellan aus, auch wenn diese abstrakter sind.

Die groteske Note der Kunstwerke und vieler Sammelstücke, teils Werkzeug, Schlüssel oder Stickbilder, machen auch Beschorners Vorstadthaus zum Gesamtkunstwerk, eine Assemblage aus Kunst und Leben, das nebst Garten dem Museumsensemble Daniel Spoerris in Hadersdorf am Kamp ähnelt. Museen für Künstlerinnen der Gegenwart gibt es in Wien noch keine, da wäre die Anregung, mit Beschorner einen guten Anfang zu machen.