"Sale!", steht da. Noch dazu mit einem Rufzeichen, also mit Nachdruck. Okay, Sommerschlussverkauf ist ja grad überall. Warum sollte eine Galerie nicht ebenfalls mitmachen? Ist schließlich genauso ein Geschäft. Und die Ausstellung findet nun einmal im Hochsommer statt. Der Schöpfer der im DISTRICT4art gezeigten Werke, der Peter Baldinger, hat außerdem ein Faible für "kurze, prägnante Titel". ("Auch auf die Gefahr hin, dass die Leute glauben, der haut die Bilder raus." Sprich zu Schleuderpreisen.)

Ach, das ist überhaupt kein Abverkauf? Das ist lediglich ein Titel? (Hinterfotzig.) Ist der Zuagraste mit oberösterreichischen Wurzeln, dieser in Wien lebende und hackelnde gebürtige Linzer, womöglich so einer wie die, die die Leser ihrer Preislisten glauben machen, ihre Arbeiten hätten keinen Titel, dabei lautet dieser in Wahrheit "Ohne Titel"? Preisschilder mit Prozentzeichen wird man zumindest keine finden. Oder Wühlkisten. 

Seine Bilder sind kein Fastfood

"Hot" wäre allerdings ein noch knapperer Titel gewesen. Und nicht weniger aktuell. Als die Einladungskarten gedruckt wurden, wusste freilich noch niemand, dass das der heißeste Juli seit Beginn der Erderwärmung werden würde. (Nicht, dass man es sich nicht hätte denken können. Andererseits ist es wahrscheinlich zugleich der kühlste für den Rest unseres Lebens.) Die Motive auf den Leinwänden (oder auf dem Papier) sind es jedenfalls. Heiß. Bzw. super süß und/oder super sexy.

Nicht leicht zu erkennen, was der Peter Baldinger da in Öl gemalt hat, doch zweifellos (Achtung, Spoileralarm) etwas zum Essen. Das Grüne ist jedenfalls der Salat. Der Bildtitel sagt freilich eh alles: "Burger" (2022). 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Nicht leicht zu erkennen, was der Peter Baldinger da in Öl gemalt hat, doch zweifellos (Achtung, Spoileralarm) etwas zum Essen. Das Grüne ist jedenfalls der Salat. Der Bildtitel sagt freilich eh alles: "Burger" (2022).

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Aber das sind doch nur bunt zusammengewürfelte, scheinbar willkürlich kombinierte Kastln, oder? Ja, eh. Betonung auf "oder". Und "Fragezeichen". Und "scheinbar". Eigentlich handelt es sich nämlich um zweideutige Vexierbilder. Mit Kippeffekt quasi. Ein bissl wie die legendäre Hase-Ente-Illusion, wo sich ein Entenschnabel nicht entscheiden kann, ob er nicht lieber ruhig zuhören und zwei lange Hasenohren sein will, die das Entengeschnatter aus dem Äther löffeln. Oder wie die Vase, die plötzlich in zwei Gesichtsprofile umschlägt, welche ihre Kontur formen. Bloß dass beim Baldinger die abstrakte Kunst irgendwann gegenständlich wird. Irgendwann. Diese Gemälde sind eindeutig kein Fastfood.

Nicht nur Ferraris sind rot. Porsches ebenso. Peter Baldingers "911 Drawing" (Farbstift auf Büttenpapier, 2022). 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Nicht nur Ferraris sind rot. Porsches ebenso. Peter Baldingers "911 Drawing" (Farbstift auf Büttenpapier, 2022).

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Zunächst erkennt man: nix. Wobei Quadrate selbstverständlich nicht nix sind. Sie sind geometrisch. Und aus entsprechender Entfernung enthüllt sich auf einmal, nein, keine Ente, immerhin jedoch . . . jö, ein Pokémon! (Pikachu, der knuddelige Elektroschocker mit dem blitzförmigen Schwanz. Super süß.) Oder ein Burger. (Heiß und super sexy.) Weil das "low_resolution_paintings" sind. Die sind folglich nicht abstrakt, die sind pixelig. Grobpixelig. Oh, ein feuchter Männertraum (ein benzinfeuchter) mit scharfen Kurven: ein roter Ferrari. "Bitte, es ist ein Porsche", korrigiert der, der es wissen muss. Zumal es sein Traum ist. ("Aber bis jetzt bin ich noch ned reich geworden. Der geht si nimmer aus.") Ob das diese ominöse "Autoerotik" ist? Und wenn er schon nicht am Steuer eines Sportwagens sitzen kann, kann er wenigstens bestimmen, wohin sein Pinsel fährt. (Respektive wo seine Buntstifte beim Herumkurven anecken.) 

Schlechte Augen sind besser als gute

Hm. Ist die Galerie nicht im Grunde zu klein für seine Bilder? Insofern, als man, wenn man den Rückwärtsgang eingelegt hat, schnell an einer Wand anstößt, bevor sich das Sujet einem gänzlich offenbart hat? Ist demnach nicht fast jede Galerie zu klein? Nicht generell. Auf diese hier träfe das freilich so nicht zu. Weil: "Sie hat ja Fenster." Und? "Man kann von der drüberen Straßenseite durchschauen."

Das ist jetzt aber echt nicht schwer. So gelb ist bloß das Pokémon Pikachu. Und der Peter Baldinger hat's heuer auf die Leinwand gepinselt. 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Das ist jetzt aber echt nicht schwer. So gelb ist bloß das Pokémon Pikachu. Und der Peter Baldinger hat's heuer auf die Leinwand gepinselt.

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Heißt das, er empfiehlt etwaigen Besuchern, raus- und über die Straße zu marschieren? Seine Antwort: "Absolut." Ob er die Mommsengasse gemeint hat oder den achtspurigen Wiedner Gürtel (ist ja ein Ecklokal), hab ich mich nicht getraut nachzufragen. Vermutlich beide. Nicht jeder misst so exakt nach wie Dalí, der einen Abstand von 18 Metern vorschreibt, damit seine das Meer betrachtende nackte Gala mit einigen Riesenpixeln zu einem Porträt von Abraham Lincoln verschmilzt.

Apropos "durch die Scheibe schauen". Früher hat er sich mit Strukturglas beholfen, der Baldinger, um einen frischen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Und auf Gesichter. "Ältere Damen sind mit einem realistischen Porträt meist nicht sehr zufrieden. Diese Problematik hab ich überwunden mit meinen Riffelglasbildern." Hinterglasmalerei, gewissermaßen. Die Details gehen verloren und trotzdem ist man’s. Bis zur Kenntlichkeit verunklärt.

"Sie sind die ideale Betrachterin", hat er dagegen mir attestiert. Wegen meiner neun Dioptrien. Denn schlechte Augen sind in dem Fall gut. Weil Schasaugerte wie ich (sofern sie kurzsichtig sind) einen entscheidenden Vorteil haben: Sie tragen eine Brille. Die sie halt auch abnehmen können. (Kontaktlinsen sind so gesehen weniger optimal.) Um nicht die Straße überqueren zu müssen, bis der verpixelte Realismus nach und nach aufklart. 

Gummibärchen sind halt keine Philosophen

Wo ist denn das klassische Burberry-Muster da DRAUF? Auf einem Tanga. Und die Pobacken runden sich aus dem Eckigen (aus den Kastln, die der Peter Baldinger Zeile für Zeile abgearbeitet hat). 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Wo ist denn das klassische Burberry-Muster da DRAUF? Auf einem Tanga. Und die Pobacken runden sich aus dem Eckigen (aus den Kastln, die der Peter Baldinger Zeile für Zeile abgearbeitet hat).

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Zugegeben, selbst ich hab nicht alles identifizieren können. Wonder Woman, die erste Superheld-in des DC-Comics-Universums, zum Beispiel nicht. Die geharnischte Frauenpower. Den High Heel dafür auf Anhieb. Wurscht. Wer nicht von allein draufkommt, dem verraten die eher sachlichen Bildtitel ("Burger", "Pariser Spitz", "Gummibären" . . .) ohnedies die Lösung. "Meine Titel san ned großartig philosophisch", räumt der Künstler ein. Um gleich zu präzisieren: "Die von den Ausstellungen ja, die von den Bildern nicht." "Look Twice!" war etwa der von seiner letzten Einzelpräsentation. Und ein zweites Mal hinschauen (mindestens), das muss man bei seinen Sachen. Schaust du noch oder siehst du schon?

Das Runde muss bekanntlich ins Eckige (beim Fußball), manchmal muss es aus dem Eckigen raus (die Tiefkühlpizza aus dem Karton), und bisweilen erzeugt das Eckige, Viereckige, sogar Rundungen, modelliert sie prall heraus. Weibliche Pobacken, zwischen die ein Tanga in Burberry-Karo rutscht, wölben sich dem voyeuristischen Blick keck entgegen, Brüste werben für einen Marken-BH. Darf man das vielleicht einen "unscharfen Fotorealismus" nennen? Kann man das so sagen? "Sie dürfen alles sagen." Schreiben ebenso? "Natürlich."

Die Kunst der Reduktion hat der heute 63-Jährige übrigens dereinst als Zeitungsjournalist gelernt. Als Lokal- und später Gerichtsreporter. "Man muss ganz viel vergessen." Nämlich wenn man die Geschichte "in 24 Zeilen" unterbringen muss. (Kenn ich. Die stark gekürzte Printversion dieses Artikels hat allerdings wenigstens 66 Zeilen.) Oder man hat ein tolles querformatiges Foto gemacht, "aber das Layout sieht ein Hochformat vor, und dann muss man rechts und links alles wegschneiden". Die andere Lektion: Er kennt jetzt den "Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was dahinter ist". Sein allererster Job war nichtsdestotrotz . . . Schaufensterdekorateur. 

Treffen sich der Andy und der Thomas in Peters Leben

Auch im Aquarell farbsicher: Peter Baldingers "High Heels" (2022). 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Auch im Aquarell farbsicher: Peter Baldingers "High Heels" (2022).

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

"Also irgendwie hab ich schon ein Leben wie Andy Warhol und Thomas Bernhard." Äh, inwiefern? Na ja, bevor die Ikone des Pop eine solche gewesen ist, hatte sie Auslagen dekoriert. (Baldinger, tiefsinnig: "Pop-Ikone kann man nicht studieren, studieren kann man nur das Leben.") Der Bernhard wiederum war während seines Musikstudiums, richtig: Gerichtsreporter. Und er hat sein Studium dort abgeschlossen, wo der Baldinger seines (Bühnenbild) begonnen hat: am Salzburger Mozarteum.

Nicht, dass der Baldinger ein völlig Unbekannter wäre. In Wien ist er definitiv weltberühmt. Obwohl eventuell nicht alle Wiener seinen Namen kennen. Er ist auf alle Fälle der, der den Stephansdom "gesteinigt" hat. Mit 1332 Steinen. Im Frühling 2019. Genau genommen hat er die Brocken über den Köpfen der Kirchgänger zum Schweben gebracht, in den "Sky of Stones" entrückt. Helmpflicht hat dennoch keine geherrscht unter dem imposanten steinernen Himmel, und keiner musste sich fürchten, erschlagen zu werden, falls ein Himmelskörper auf die Erde gestürzt wäre. Die stimmungsvoll beleuchteten Steine waren zwar nicht schwerelos, doch zumindest nicht sonderlich schwer, weil aus Papier.

Und bereits zweimal hat er den Altar mit einem Fastentuch verhängt (2013 mit seinen Pixeln und eben 2019). Während er 2018 "Fake News" auf die Litfaßsäulen der Stadt plakatiert hat. Mozart paart sich mit Kim Kardashian. Nix Unanständiges. Lediglich unmögliche Doppelporträts. Eine der größten Selbstdarstellerinnen und –vermarkterinnen auf dem Planeten Ego (wo bleibt die mit Blattgold überzogene Kardashian-Kugel?) posiert mit dem musikalischen Wunderkind. Und Demokrator Wladimir Putin überreicht einer seiner Kritikerinnen, einem Mitglied der aktivistischen Punkrock-Band Pussy Riot, einen Blumenstrauß. Hab ich damals gar nicht mitgekriegt, diese Aktion vom Baldinger, ausgeführt in seinem Pixelstil. Der Urheber hat eine einfache Erklärung dafür: "War auch im Sommer." Da übersieht man leicht was. 

Die Punkte sind eckig, die Leiberln dreckig

Und wie löst er nun die appetitlich angepriesenen Konsumgüter und Alltagsprodukte, diese Begierden weckende Reklame-Ästhetik und klassische Pop-Art-Ikonografie, in seinen speziellen, eckigen Pointillismus auf? In seinen Post-Pop-Pixelismus? Mit dem Computer? "Ja, er ist involviert", wird bestätigt. Und sofort klargestellt, dass es sich keineswegs um Computerkunst handelt. "Ich lege gigantischen Wert darauf, dass die Pixel mit der Hand gemalt sind. Mühsam." Weil er sich als Maler begreift. "Ich male Bilder, und am Ende hab ich ein schmutziges T-Shirt und die Wand ist bunt."

Kurzum: Wonder Woman (verpixelt von Peter Baldinger). 
- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Kurzum: Wonder Woman (verpixelt von Peter Baldinger).

- © Atelier Baldinger, Courtesy: DISTRICT4art

Mit der "Smart-irgendwas-Idee" (Baldinger) kann er sowieso nichts anfangen. "Die Leute, die mit dem Tablet herumlaufen und ,Moby Dick‘ lesen, die kann ich nicht verstehen. Weil Moby Dick kann in einem Tablet nicht sein." Der Weiße Wal, der erstmals aus der Druckerschwärze aufgetaucht ist, aus einem Meer aus gedruckten Buchstaben, muss seiner Meinung nach zwischen Buchdeckel gepresst werden. Sein natürlicher Lebensraum sind Buchseiten. Sollte der Baldinger jemals diesen Wälzer schwebend abheben lassen (über 1000 Seiten!), sollte man besser doch einen Helm aufsetzen. Zur Sicherheit. Weil Papier sehr wohl ein Gewicht haben kann.

Geradezu provokant, in einer digitalisierten Welt der HD-Geilheit, in der die gephotoshoppte Perfektion angebetet wird, Bilder mit extrem niedriger Auflösung zu fabrizieren und dabei den unvollkommenen analogen Pinselstrich zu fetischisieren. Den vorgezeichneten Raster obendrein dermaßen "schlampert" auszufüllen. Mit einem so lebendigen Duktus, der die Hand des Künstlers nicht verleugnet. Akkurat sind hingegen die Farbtöne. Sonst tät’s nicht funktionieren. (He, diese "Farbfeldmalerei" wäre fabelhaft geeignet für "Malen nach Zahlen". Baldinger: "Das geniert mich überhaupt nicht.")

Was ist also der Trick? Wie können diese rudimentären Bildinformationen letztlich so einen überzeugenden Realismus ergeben? Hat der Peter Baldinger im Groben heimlich ein paar Feinheiten versteckt? Oder denkt vielmehr das Hirn die Bilder fertig? Tatsache ist: Schauen tut man mit den Augen, sehen mit dem Hinterkopf. Dem Sehzentrum. Da versteht es einer echt, die Schau- und die Sehlust anzuregen.