Gemälde mit Fenstern zu vergleichen, Fenstern zur Welt, obwohl sie an blickdichten Wänden hängen, ist nicht unbedingt neu. Hier haben sie aber sogar Fensterläden. Echte. Gestrichen in den pastelligsten Tönen. Rosa, Mintgrün, Hellblau, Gelb. Ja okay, sie sind ziemlich windschief montiert. Das gehört allerdings so. Denn erstens ist da jemand offenbar kein Perfektionist und zweitens heißen diese farbenfrohen Mischtechniken auf Holz (eine Serie von Hybriden aus Tafelbild und Assemblage) "Nature Winds". "Winds" – Winde. Und die waren sichtlich nicht sonderlich sanft.

Laut dem sehr ausführlichen Ausstellungstitel geht’s um etwas, das über die Luft übertragbar ist. Ein Virus? Kalt. Pollen? Wärmer. Den Duft! (Die Natur riecht bekanntlich gut. In der Regel.) Und es wird behauptet, das, was man in der neuen Dependance der Galerie Ernst Hilger in der Ballgasse zu sehen kriegt, wäre eine Sammlung von historischen Reklameschildern. Außerdem wird noch ein Parfum-Hersteller auf den Florida Keys erwähnt. ("Nature Winds" – a collection of early 20th-century advertisement signs by the perfume company in Key West, Florida.") 

Die Natur an-malen, nicht ab-malen

Werbung? (Braucht die nicht einen Slogan?) Welche "Werbung"? Wohl eher Blumenstillleben. Von den Läden teilweise verdeckt. (Und von deren Lamellen grafisch beschattet.) Ein blumiges Parfum ist andererseits irgendwie eh auch ein duftender Strauß und der Flakon die Vase. Die floralen Sujets wiederum sind flächig-dekorativ aus bunten Blättern komponiert, die nicht der Herbst gefärbt hat, dieser Quartalsmaler, sondern ein gewisser Clifton Childree, ein Ganzjahreskünstler aus Birmingham, Alabama. Ursprünglich ist er von dort. Seine Geburtsstadt. Inzwischen hat er, ein 1971er Jahrgang, freilich Atelier und Garten im Sunshine State. In Florida. Miami. Bzw. ist der Garten das Atelier.

Clifton Childrees "Nature Winds" wehen duftig durch die Filiale der Galerie Hilger in der Ballgasse. 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Clifton Childrees "Nature Winds" wehen duftig durch die Filiale der Galerie Hilger in der Ballgasse.

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Die Natur, die da sprießt, hat er aber nicht etwa abgemalt, er hat sie angemalt. Blatt für Blatt quasi. Und nachher auf den Malgrund geklatscht. Eine Methode, die man vielleicht vorschnell als Kindergartentechnik abtun möchte, als infantiles Druckverfahren. Doch hat nicht Leonarda da Vinci ebenfalls einmal auf einen solchen "Naturselbstdruck" zurückgegriffen und ein Salbeiblatt als Druckstock verwendet? (Und da war er längst erwachsen, schon über 50!) Und damit man die Technik endgültig ernstnehmen kann, gibt’s eine lateinische Bezeichnung dafür ("Typographia naturalis") und hat man einen gescheit klingenden Terminus erfunden: Physiotypie.

Childrees Bilder dürften ihrerseits wie Pflanzen gewachsen sein, haben nach und nach mehr Blätter bekommen, die nun ornamental herumwirbeln, sich zu Vasen formieren, zu Bouquets, zu wuchernden Mustern, sich überlagern, auf dem Holzbrett gedeihen. Ein Bastler ist er, der Filmemacher, Performer, Installationskünstler und Maler. Und ein Sammler von Dingen mit Vergangenheit, von Gegenständen, die ihm Geschichten erzählen. Als "analogen Künstler" versteht er sich. Auf einem zusehends digitaler werdenden Planeten. Ein Nostalgiker mit Pinsel und Werkzeugkoffer. 

Wind – schnelle Luft

Bereits als Kind soll er sich sein Spielzeug selber gebaut haben. Vor mehr als zehn Jahren hat er dann für den project space der Kunsthalle einen wildromantischen Vergnügungspark zusammengezimmert, einen, der den Anschein erweckt hat, ein Hurrikan hätte ihn verwüstet (mit den Winden hat er’s offenkundig, mit der schnellen Luft), und an jedem Opus der aktuellen "Nature Winds"-Reihe hat er jetzt rechts unten eine Kurbel angebracht. Für so altmodische Mechanismen hat er ja ein Faible. Und fürs Abgefuckte.

Und was kann die Kurbel im rechten unteren Eck, die sich auf jeder dieser Mischtechniken befindet? Sich drehen. ("Nature Winds #16" und "Nature Winds #14", 2022, von Clifton Childree.) 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Und was kann die Kurbel im rechten unteren Eck, die sich auf jeder dieser Mischtechniken befindet? Sich drehen. ("Nature Winds #16" und "Nature Winds #14", 2022, von Clifton Childree.)

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Für den Transport müssen die assemblierten Teile übrigens abgenommen, die Bilder zerlegt werden. Um sie vor dem nächsten Aufhängen erneut zusammenzuschrauben. Selbstbaubilder sozusagen. Und bei denen wird die Ehe zwischen Malerei und Bildhauerei obendrein in der Farbe vollzogen, in die Childree Marmorstaub hineinmischt, ihr mehr Substanz gibt mit dem zermahlenen skulpturalen Material, dem Stoff, aus dem Michelangelos David ist.

Und was kann sie, die Kurbel, dieses Fundstück in der Tradition von Dada und Surrealismus? Sich drehen. Eine kreisförmige Kratzspur hat sie, die Kurbel, die erschöpft herunterhängt wie der Zeiger einer stehengebliebenen Uhr, jedenfalls hinterlassen. Eine Rille. Hat sich selbst eingekreist wie ein Zirkel, sich eingegraben ins Gedächtnis der Malerei. Und vor allem kann sie eines: die Fantasie anregen. Selber herumkurbeln darf man nämlich nicht. Weil diese Objektbilder, die das verblichene Kolorit einer alten Parfum-Werbung zitieren, lediglich theoretisch interaktiv sind. Ist sowieso besser. Sonst wäre man nur enttäuscht. Sobald man merkt, dass sich nichts tut, sich die Fensterläden gar nicht bewegen. (Höchstens, wenn man sie manuell verstellen würde. Ohne Besteck. Ohne Kurbel. Zumal die Scharniere voll funktionsfähig sind.) Die Suggestionskraft dieser Kurbelattrappe lässt sie hingegen heftig klappern, die Klappläden, als würden sie vom stürmischen Wetter durchgebeutelt.

Man beachte die Glühbirnen im Christbaumkugel-Look. Zwei weitere Blumenfenster aus Clifton Childrees Serie "Nature Winds" (2022). 
- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Man beachte die Glühbirnen im Christbaumkugel-Look. Zwei weitere Blumenfenster aus Clifton Childrees Serie "Nature Winds" (2022).

- © KATHARINASTOEGMUELLER, Courtesy: Galerie Ernst Hilger

Und die Christbaumkugeln, die die vegetabilen Stillleben schmücken? Aber es ist doch noch nicht Weihnachten! Na ja, das sind auch keine Christbaumkugeln. Das sind banale Glühbirnen. Mit einem silbrig spiegelnden Überzug. Im Christbaumkugelkostüm? Theater, Varieté, Zirkus spielen da mit herein, Orte, von denen Childree fasziniert ist (nicht zuletzt, weil seine Großmutter bei einem Wanderzirkus war). Erfrischend fröhliches "Sommertheater", unterschwellig melancholisch. Bühnen für die Imagination.