Die Fläche erzählt hier angeregt vom Raum, allerdings von einem anderen als dem, in welchem sie sich grad befindet. Also nix von der Galerie Krinzinger. Über die lassen sich dafür diverse Spiegel aus, ebenfalls flache Dinger, die aber zu Skulpturen agglomerieren, sich zu etwas Dreidimensionalem vereinigen, während die anfangs erwähnte Fläche weiterhin in ihrer zweidimensionalen Welt bleibt, die eine Scheibe ist – oder in dem Fall ein Blatt Papier, nämlich jenes, auf das das jeweilige Foto gedruckt worden ist.

Kurzum: Eva Schlegel hat Modelle von recht abstrakten, fiktiven Räumen gebaut, Kulissen für die Leere und das Licht, und sie dann abfotografiert. 2D hält das 3D in Schach. Präzis konstruierte Interieurs, die letztlich unfassbar bleiben, weil die Unschärfe und eine geradezu mystische Beleuchtung, wobei die Helligkeit gern geheimnisvoll von außen oder von nebenan eindringt, die klaren architektonischen Grenzen (und jene zwischen faktischer Fläche und illusionistischer Tiefe) atmosphärisch verwischen. Schwellenräume eben, "liminal spaces" (Ausstellungstitel), die die Wahrnehmung herausfordern. Flächen, die sich vage als Wände positionieren, sich als Raumfänger outen. 

Nicht der Spiegel zerbricht, sondern die Welt, die er sieht

Unscharfe Fotos sind folglich nicht zwangsläufig "verhaut". Und die von der gebürtigen Tirolerin und langjährigen Professorin für Kunst und Fotografie an der Wiener Akademie der bildenden Künste schon gar nicht. Die sind genauso wenig misslungen wie Gerhard Richters legendäre "Abmalungen", sein verwischter Fotorealismus. Bei der Biennale-Teilnehmerin von 1995, die später selber Kommissärin für den österreichischen Biennale-Beitrag wurde, ist unscharf jedenfalls das neue Perfekt. Förmlich ein Qualitätsmerkmal. Besonders weil sie den vermeintlichen Makel ästhetisch absolut einwandfrei inszeniert.

Der Ausstellungsraum steht Eva Schlegels Fotos verdammt gut. 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Der Ausstellungsraum steht Eva Schlegels Fotos verdammt gut.

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Hat sich früher eine reale Architektur, eine, die tatsächlich betretbar ist, in eine ätherische und dabei trotzdem akkurate ungegenständliche Komposition aufgelöst, so ist die Selbstbau-Architektur jetzt maßgeschneidert. Für eine Räumlichkeit mit 2D-Effekt. Die demnach auch in der Fläche funktioniert. Als Bild.

Die Spiegel, diese glatten Flächen mit guten Reflexen, diese Vorrichtungen zur Anfertigung von flüchtigen Selbstporträts und anderen Abbildern, die liefern hingegen sehr wohl scharfe Bilder, sind zumindest nicht verschmiert. Eingehängt in ein Gerüst stiften sie Verwirrung, fragmentieren Ambiente und Besucher gleichermaßen. Die Eitelkeit kann sich nie auf einmal, von Kopf bis Fuß, bewundern. Offenbar kann nicht nur der Spiegel selbst zu Bruch gehen, sondern ebenso das, was in ihn hineinfällt, von ihm reflektiert wird.

Raumfänger: Die Spiegel sind jedenfalls auf Empfang. (Ein die Wahrnehmung herausforderndes Objekt von Eva Schlegel.) 
- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Raumfänger: Die Spiegel sind jedenfalls auf Empfang. (Ein die Wahrnehmung herausforderndes Objekt von Eva Schlegel.)

- © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Ein andermal steckt Schlegel kreisrunde Scheiben aus glänzend poliertem Edelstahl zu einer Asymmetrie zusammen, die vom Plafond baumelt und ihre Umgebung in sich aufnimmt, mit dieser amalgamiert und sich plötzlich ihrer eigenen Form nimmer ganz sicher ist. Das Gegenstück wiederum ist aus gezundertem Stahl, schottet sich mit einer rohen, schwarz-blauen Oxidschicht, dem "Zunder", ab und demonstriert anschaulich, wie eine abweisende Oberfläche den Charakter eines Objekts radikal verändern kann. 

Malewitschs "Schwarzes Quadrat" wurde verpixelt

Und plötzlich schwebt ein Wasserball in der Luft. Aber eigentlich eh nur auf dem Handy-Display. Eva Schlegel nimmt den Besucher eben auch mit in die "erweiterte Realität". 
- © Laura Spes, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Und plötzlich schwebt ein Wasserball in der Luft. Aber eigentlich eh nur auf dem Handy-Display. Eva Schlegel nimmt den Besucher eben auch mit in die "erweiterte Realität".

- © Laura Spes, Courtesy: Galerie Krinzinger und Eva Schlegel

Und was macht der QR-Code da gleich beim Eingang? Darauf warten, dass jemand seine Handykamera darauf richtet, auf diese Pixelgrafik, die aussieht wie die upgedatete Version von Malewitschs "Schwarzem Quadrat". (Womöglich ist das Schwarze Quadrat der japanischen Firma Denso Wave nicht minder revolutionär wie dem in der Ukraine geborenen russischen Suprematisten seins.) Und sobald man sich eine App heruntergeladen hat, überlagern sich auf dem Display die Realitäten (die, in der man sich leibhaftig aufhält, und die virtuelle) zur erweiterten Realität, zur "Augmented Reality", kurz AR.

Versteckt sich etwa ein Pokémon vor einem und man soll es fangen? Das zwar nicht, aber immerhin schwebt ein Wasserball schwerelos über dem Boden. Nein, nicht so einer zum Aufblasen. Einer aus digitalem Wasser! (Oder Eis? Aus gefrorenem Digi-Wasser? Schließlich steht unterm QR-Code "ICE WHITE".) Regelrecht hineinköpfeln kann man. (Doch nicht gefroren, sonst hätte ich mir die Birne angehaut.) Und aus dem Innern der Kugel, der Blase, zuschauen, wie alles um einen herum verschwimmt.

Ein weiteres Schwarzes Quadrat 2.0, ein verpixeltes Tor zur AR, verheißt Lesestoff ("READ ME"). Ein Spruch, der vermutlich nicht von der Flugscham infolge des Klimawandels handelt (" . . . I will not fly today . . ."), schlängelt sich durch die Luft und zieht durch die offene Balkontür auf die Seilerstätte raus. Ein spannendes Raumerlebnis, dessen diffuse Stellen den Blick seltsamerweise schärfen.