"Lauwarm" heißt die Band. Die Diskussionen über die Dreadlocks ihrer Mitglieder waren jüngst jedoch heiß.

Es war nicht das erste Mal, dass Frisuren ins Fegefeuer woker Kritik gerieten. Haartracht, Hemden und Hosen, Musik und Maskottchen, Kino und Bühne: Alles gerät unter Beobachtung antirassistischen Furors. "Kulturelle Aneignung" ist der Kampfbegriff. Das Schlagwort schlägt auf die Kultur ein - und keineswegs nur auf die europäische. Es ist ein neuer Kulturkampf, der Kultur unmöglich macht.

Im engsten Sinn ist kulturelle Aneignung so definiert (laut Wikipedia): "Mit dem Begriff kulturelle Aneignung (englisch cultural appropriation) wird die Übernahme eines Bestandteils einer Kultur von Trägern einer anderen Kultur oder Identität bezeichnet. Die ethische Dimension kultureller Aneignung wird in der Regel nur dann thematisiert, wenn die angeeigneten Kulturelemente einer Minderheit angehören, die als sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt gilt."

Weißer Jazz, schwarze Kunst

Das heißt, dass eine Übernahme von Elementen gleichgestellter Kulturen akzeptabel ist. Man kann also weiterhin Haikus in deutscher Sprache dichten, ohne sich des Rassismus schuldig gemacht zu haben. Als Weißer Jazz zu spielen - das könnte indessen heikel sein. Dave Brubeck - ein Rassist?

Schon eröffnen sich andere Fragen: Geht es um Benachteiligung in der Gegenwart oder auch um Benachteiligung in der Vergangenheit? Gilt das Konzept auch rückwirkend? Wie steht es um Träger einer Kultur, die seinerzeit, als die Aneignung geschah, benachteiligt war, es heute aber nicht mehr ist?

Das ganze Dilemma mit der kulturellen Aneignung liegt klar auf der Hand: Das Konstrukt mag gut gemeint sein, aber es bleibt eine kulturferne Schreibtischtat. Denn alle Kultur besteht aus kultureller Aneignung. Und wenn man bis zu den Römern der Antike zurückgehen muss, die sich bei den Etruskern bedienten.

So verfuhren Künstler und Kulturschaffende sämtlicher Jahrhunderte. Ein Künstler, egal welcher Sparte, nimmt für sein eigenes Schaffen nur das auf, von dessen Wert er überzeugt ist, wovon er sich Impulse für sein eigenes Schaffen erwartet.

Speziell die französische Kultur nützt solche kulturellen Aneignungen: Ob es nun die Ägyptomanie war mit den gläsernen Pyramiden des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei vor dem Louvre, oder die Maler der impressionistischen Schule, die sich ihre Anregungen bei Artefakten afrikanischer und ozeanischer Völker holten. Paul Gauguins Schaffen etwa besteht im Wesentlichen aus kulturellen Aneignungen, und man mag gar nicht weiter über die Gründe nachdenken, was den pädophilen Künstler in die Südsee getrieben hat.

Soll man also Gauguin aus der Kunstgeschichte herausschneiden?

Man müsste konsequenterweise ebenso verfahren mit den Künstlern des Surrealismus und des Expressionismus, die, wie Max Ernst oder Karl Schmidt-Rottluff, ihre Stile an der Kunst Schwarzafrikas schulten, speziell an den Masken und an den typisierten Menschendarstellungen? Sogar Einzelgänger wie Pablo Picasso und Alberto Giacometti haben sich in weiten Teilen ihres Schaffens die Prinzipien afrikanischer Kunst angeeignet.

Noch extremer ist es in der Musik: Neue-Musik-Gurus wie Conlon Nancarrow, György Ligeti und Minimalisten wie Steve Reich bauten auf den "inherent patterns" schwarzafrikanischer Trommelmusik auf.

Operette ohne Sinti und Roma?

Ein paralleler Fall sind die Ziganismen. Nicht nur die Musik der Strauß-Walzerdynastie ist voller Übernahmen aus der Musik der Roma und Sinti: Johannes Brahms, Franz Liszt, die Operette von Franz Lehár bis Emmerich Kálmán ist ohne Musik der Roma und Sinti undenkbar. Selbst Richard Wagner nützt im "Parsifal" die "Zigeunertonleiter" für die Charakterisierung des Klingsor. Aneignungen in der Musik Skandinaviens wiederum betreffen die Lieder der Samen und Inuit.

Ein Spezialfall sind die tschechischen Einflüsse bei österreichischen Komponisten. Das ist der Punkt, an dem die Rolle der Geschichte zu klären ist: Die Definition einer "sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligten Minderheit" trifft auf die Wiener "Ziegel-Böhm’" akkurat zu. Sie sind mit den schwarzen Sklaven vergleichbar. Sind tschechische Einflüsse im Werk von Komponisten wie Brahms oder Gustav Mahler, die vom Leid der tschechischen Arbeiter wussten, legitim? Doch niemand verfällt auf die Idee, die Werke auf unerlaubte tschechische Einflüsse zu durchforsten und am Ende des Repertoires zu verweisen.

Doch weshalb soll Brahms dürfen, was Milhaud wohl nicht durfte? Denn der weiße Jude Darius Milhaud hat sich des schwarz konnotierten Jazz bedient, um in "La création du monde" die Erschaffung der Welt als schwarzafrikanische Legende zu erzählen. Der Geniestreich ist ein klarer Fall von kultureller Aneignung.

Überhaupt der Jazz: Er prägt die Musik der USA, auch die der Weißen. Die Oper "Porgy and Bess" ist die Aneignung schwarzer Themen und schwarzer Musik durch den weißen Angelsachsen DuBose Heyward und den weißen Juden George Gershwin. Die regelkonforme Oper wäre "Treemonisha" von Scott Joplin - ein Meisterwerk, zweifellos, aber spielbar gemacht durch den weißen Komponisten Gunther Schuller.

Hitler wartet an der Hintertür

Geht es nach den Regeln der kulturellen Aneignung, müssten die weißen Amerikaner immer noch die protestantischen Kirchenhymnen der Gründerväter als ihre Musik haben, während die Europäer bei gregorianischen Chorälen verweilen.

Ist es nicht sinnvoller, wenn nicht gar notwendig, statt kulturelle Aneignung prinzipiell zum Rassismus zu erklären, nachzusehen, wie mit dieser kulturellen Aneignung umgegangen wird? Was aus ihr folgt?

Hitler kommt sonst zur Hintertür herein: Seine irre Vorstellung einer arischen Kunst basierte auf der völlig kulturfremden Idee, Kunst rein zu halten von den Einflüssen der Minderheiten. Ein schwarzer Saxophonist mit Judenstern war demnach auch auf dem Plakat der Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen.

Das Konzept der kulturellen Aneignung geht von der Gegenseite aus - und kommt unversehens zum gleichen Ergebnis: Man betrachtet Kunst unter ethnischen Aspekten und gewinnt daraus Wertvorstellungen und Moral. Kunstfremder, kulturfeindlicher geht es nicht. Denn das Wesen der Kultur sind Aneignungen über Nationengrenzen und Ethnien hinweg. Gerade das macht sie zum Ausdruck allen Menschseins.