Kunst kommt von Können, sagt man, und nicht von Wollen, denn sonst hieße sie ja Wulst. Und die Collage? Kommt definitiv von "kleben". Und warum heißt sie dann nicht "Klebage"? Weil das Wort vom französischen Kleben abgeleitet ist (von "coller") und nicht vom deutschen. Zugegeben, nicht bei allem, was in der zs art galerie unter dem Titel "Collage II" subsummiert ist, ist etwas auf eine Fläche geleimt. Manches ist auch festgeklammert. Und außerdem ist nicht jede Unterlage flach.

Wie einfalls- und abwechslungsreich diese "Klebe-" oder "Montagetechnik" genutzt werden kann (von der klassischen Papiercollage bis hin zu Hybridformen, Kreuzungen mit Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur), davon zeugen rund 70 Arbeiten von sieben Künstlern und vier Künstlerinnen, die in dieser unbedingt besuchenswerten Schau fleißig mit Materialien und Möglichkeiten experimentieren. 

Kreatives Chaos am Stiel

Sieben zu vier? Klingt nicht sehr ausgewogen. Andererseits lässt sich elf doch erstens eh nicht geschlechtergerecht durch zwei teilen (höchstens, wenn Nummer elf ein non-binäres kunstschaffendes Wesen wäre), und zweitens hat der Guido Zehetbauer-Salzer dafür sogar den Bruder Baum gegendert. Bzw. neutralisiert. Der ist nun das "Geschwister Baum".

Die Drahtzeichnung scheint dezent durch das Papier durch, das das Chaos bändigt: Guido Zehetbauer-Salzers "Geschwister Baum". 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Die Drahtzeichnung scheint dezent durch das Papier durch, das das Chaos bändigt: Guido Zehetbauer-Salzers "Geschwister Baum".

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Seine aus Draht "gekritzelten" Bonsais (kreatives Chaos am Stiel), die jeweils aus einem kleinen Sockel aus Nuss- oder Lärchenholz sprießen, dem Stoff, aus dem die großen Bäume sind, überzieht der Wiener neuerdings mit einer Haut aus weißem Transparentpapier, die der Linie im Raum (und jetzt im Baum) ein organisches bildhauerisches Volumen verpasst, geradezu meißelt. Ausnahmsweise ist die Zeichnung nicht auf dem Papier, das übrigens ebenfalls aus Baum gemacht ist, das Papier ist vielmehr auf der Zeichnung, ist dieser durchscheinend und duftig aufcollagiert.

Apropos Transparenz. Veronika Rodenberg verdichtet sie sogar. Zum vielschichtigen Minimalismus-Konzentrat. "Verdichtete Transparenz" nennt sie ihre monochromen Quadrate hinter und aus Glas, die sie einer mathematischen Analyse unterzogen hat, nicht von ungefähr. (Fenster zur berechenbaren Geometrie.) Abwechselnd und akkurat schichtet sie hellen Karton und Buntglas, das dabei Ersteren färbt, übereinander, woraufhin sich Azurblau, Zinnoberrot, Violett, Türkis oder Fuchsia in unterschiedlichen Intensitätsgraden selber sättigen und vertiefen. Die leichte Unruhe im antiken Glas sorgt obendrein für einen dezenten malerischen Effekt, der die spiegelnde Glätte mit einem gefühlvollen "Plätschern" aufweicht. 

Monsieur Sumac ist andersrum

Einmal zwängt sich ein Kreis ins Eckige, in eine Lücke. Ein nahezu gleich großer aus blauem Durchschlagpapier antwortet ihm als Echo und zieht einen sofort in die harmonische Papierwelt von Jesse Willems hinein. Ausgewogene Kompositionen in grafischer Schärfe und Klarheit, gefertigt aus alten Papieren, also welchen mit Vergangenheit, zugeschnitten zu markanten, suggestiven Formen. Und wer, bitte, ist dieser "Sumac", nach dem das Opus mit dem blauen Kreis betitelt ist? Wahrscheinlich der französische Schriftsteller, Philosoph und Literaturnobelpreisträger, dessen Vorname Trebla lautet.

Drei Kreise in harmonischer Koexistenz: Den linken hat Veronika Rodenberg ihrer "Verdichteten Transparenz 19" eingepasst, die rechten zwei sind die i-Tüpferln in Jesse Willems' sehr ausgewogener Papier-Komposition "Sumac". 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Drei Kreise in harmonischer Koexistenz: Den linken hat Veronika Rodenberg ihrer "Verdichteten Transparenz 19" eingepasst, die rechten zwei sind die i-Tüpferln in Jesse Willems' sehr ausgewogener Papier-Komposition "Sumac".

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Unzweideutig literarisch sind hingegen die auf eine Holztafel getackerten Buchdeckel und –rücken. Thomas Koch hat schließlich Bücher ausgeweidet, sämtliche Inhalte und Titel entfernt ("Ohne Titel" trifft es folglich genau) und die leeren, anonymen Hüllen (das farbige Leinen und den nackten Rücken – he, lauter Rückenakte, gewissermaßen!) zu Farbflächen abstrahiert und diese wiederum zu seiner typisch lebendigen, subjektiven Strenge geordnet.

Buchstabenfreie Lektüre: Beim Thomas Koch finden Buchdeckel und -rücken zu einer abstrakten Ordnung. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Buchstabenfreie Lektüre: Beim Thomas Koch finden Buchdeckel und -rücken zu einer abstrakten Ordnung.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Auch Irene Wölfl setzt auf Realitätsfragmente und Fundstücke, legt freilich keine Monokulturen an, sondern komprimiert Erinnerungsfetzen (Foto-, Tapeten- und Briefschnipsel, Notizen . . .) einfühlsam zu intimen Wandreliefs, zu nostalgischen Geschichten, die man sich aus der Nähe erschauen muss. Und eventuell erriechen. Weil die "Habano"-Serie (nach der kubanischen Zigarre) kann ja nur mit einer echten Havanna geräuchert worden sein, oder? Richtig: oder. 

Eigentlich hätten die Bilder ja Rahmenarrest

Die nach Wien übersiedelte gebürtige Kremserin hat nämlich Teile von der Verpackung eingebaut. Zigarren sind noch dazu scheinbar gesünder als Tschick oder zumindest weniger schädlich für die nähere Umgebung. Man liest jedenfalls nie, dass ein Waldbrand durch eine weggeworfene Zigarre ausgelöst worden wäre. Oder jemand sich und seine Wohnung abgefackelt hätte, weil er mit einer brennenden Zigarre eingeschlafen wäre. Es sind immer die Zigaretten.

Aus Irene Wölfls "Habano"-Serie: Kompakte Erinnerungsstücke. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Aus Irene Wölfls "Habano"-Serie: Kompakte Erinnerungsstücke.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Die mit verblassendem Farbband getippte Botschaft einer altertümlichen Schreibmaschine kann man allerdings wirklich erst entziffern, wenn man förmlich mit der Nase draufpickt; "Herzlichen Dank für Ihre MÜHE." Und die Aufforderung "Bitte Rückseite beachten" im Kleingedruckten? Künstlerinnenhumor? Die Pointe befindet sich entweder hinten oder das ist sie bereits.

Was Marie-France Goerens mit ihren Leinwandfleckerln (roh belassen, weiß grundiert oder grob schwarz bemalt) anstellt, das ist sowieso witzig. Und abnorm. ("Hors Normes – Außerhalb der Norm.") Eine rotzige Restlverwertung, die unentwegt einen Ausbruchsversuch unternimmt. Das Bild (eine verwegene Mischung aus Malerei und Collage) will den einengenden Normen, seiner Einfriedung, entkommen, sprengt die Fesseln des Rahmens. Lässt dauernd etwas drüberhängen, streckt quasi die Zunge raus. Bäh ist eigentlich ein gutes Schlusswort.