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Privatsphäre

Die Kunstform der Vergesslichkeit

Die Parallel und Viennacontemporary eröffnen den überbordenden Wiener Kunstmesse-Reigen.

von Christof Habres

Das Vergessen und der Mut zur Gedächtnislücke - in beiden Verfasstheiten hat Wien respektive Österreich schon immer Meisterschaft bewiesen. Sei es nun in der Politik und Gesellschaft, aber auch in der Kunst. Wenn der Vorsitzende der Erste Stiftung, Boris Marte, in seiner vor Pathos triefenden Rede zur Eröffnung der Viennacontemporary nicht nur den Neubeginn der Kunstmesse propagiert und dass sie im Zentrum der Stadt angekommen ist. Sondern auch die Aufmerksamkeit hervorhebt, die die globale Kunstszene der Donaumetropole widmet, dann hat er das vergangene Jahr vergessen. Denn bereits damals hat er die gleichen Faktoren hervorgehoben.

Neuer Standort

Das Zentrale der Messe war die Baustelle der alten Post, der Neubeginn endete mit dem kompletten Rückzug der Leitung unter Dmitry Aksenov. Und auf der "Road Map" der internationalen Kunstszene liegt Wien nicht wirklich. Wenn Wien im Fokus stünde und Sammler wie Kuratoren das unprofessionelle Tohuwabohu über Jahre beobachtet hätten, würde kaum jemand mehr in den Flieger nach Wien steigen. Die Gastfreundschaft und das Sammlerprogramm funktionieren und daher lassen sich internationale Kunstliebhaber nicht von desaströsen Ausgaben abschrecken und zu einem Wienbesuch überzeugen.

Eine Gegenüberstellung der Arbeiten des Outsider-Künstlers Rohulla Kazimi und den filigranen Skulpturen von Viktoria Morgenstern. (© kunst-dokumentation.com)

Heuer gibt es einen neuen Standort, den Kursalon, den Untertitel "Boutique" und frische Eigentümer, wie Rechtsanwalt Bernhard Hainz oder die Immobilien-Zampanos Daniel Jelitzka und Reza Akhavan. Die Liebe zur Kunst und das Sammeln haben sie dazu bewogen, sich hier zu engagieren, unterstreichen sie. Ein Abschreibposten bei erwartbaren Verlusten der Messe.

Mit derartigen Verlusten hat die zweite stattfindende Kunstmesse nicht zu kämpfen. Wenn, dann bei der Qualität. Die Parallel feiert heuer die zehnte Ausgabe in der imposanten Semmelweisklinik und das Programm verzeichnet nicht weniger als 170 Aussteller - Galerien, Einzelpositionen von Künstlerinnen und Künstler, Institutionen, Initiativen und Off-Spaces. Dem Team von Kaveh Avi, Daniel Haider und Stefan Bidner ist es gelungen, die ehemalige Satellitenmesse zu einer Kunstholding zu formen: von der Messe über die Ausgabe mit Editionen bis zur Organisation von Skulpturenparks.

Worauf bei der Parallel vergessen wird, ist, mehr Bedeutung auf Qualität zu legen. Es wird zwar gebetsmühlenartig gepredigt, dass die Aussteller vorab streng selektiert werden, aber die Realität sieht anders aus. "Das ist die große Achillesferse", unterstreicht eine Galeristin. "Es muss unbedingt stringenter ausgewählt werden!" Die Forderung ist verständlich, denn die Preise für Schwesternzimmer oder Kreißsäle sind empfindlich gestiegen. Die Kosten der großen "Stände" liegen bereits bei 2.500 bis 2.900 Euro. Sie sind damit höher als Stände bei der Viennacontemporary.

Qualitätsprobleme

Genug der Theorie. Wie erwähnt hat die Parallel ein Qualitätsproblem. Es ist ermüdend, sich in einer Tour de Force durch Uninspiriertes wie Eklektisches arbeiten zu müssen, um wenig Sehens- und Beachtenswertes zu entdecken. Wie die farbintensiven Farbplastiken von Eduard Tauss (Preise 3.900 bis 7.500 Euro) oder Margherita Grassellis Keramiken, die den poppigen "Balloons Room" bespielen (Projektraum Lucas Cuturi). Lena Freimüller von der Galerie 3 punktet mit der Gegenüberstellung der Arbeiten des Outsider-Künstlers Rohulla Kazimi und den filigranen Skulpturen von Viktoria Morgenstern. Sehr stark und originär präsentiert sich die Malerei von Kinga Jakabffy bei Marschalek Art. Bemerkenswert ist die schlüssige Personale von Éva Bodnar bei der Galerie Thoman. Eine nuancierte, fordernde wie poetische Präsentation findet sich bei der Initiative "unsichtbar" der Kuratorin Livia Klein. Die interdisziplinäre Initiative zur Sichtbarmachung sexualisierter Gewalt stellt unter "Torn Bodies" Arbeiten aus unterschiedlichen Medien von drei Künstlerinnen und Künstler intelligent gegenüber - ein Video der Künstlerin Hilla Ben Ari, kleine Übermalungen von Carlos Vergara und Skulpturen aus Knochen und Pferdeschinken von Aaron Nora Scherer. Berührend und sehenswert!

Bei der Viennacontemporary stellen 62 Galerien aus 17 Ländern aus - jeweils ein Drittel aus Österreich, Central Eastern Europe und Westeuropa. Als Höhepunkte stechen unter anderem die opulente Unterwasser-Malerei von Hugo Canoilas (16.000 Euro) und die detailreiche Porzellanskulptur von Chin Zsa (3.000 Euro) bei Martin Janda, eine vielschichtige Leinwand von Anne Schmidt (7.000 Euro) bei Vin Vin und die schwermütig-romantische Malerei von Simon Sykora bei der Prager Galerie Polansky ins Auge. Bei Crone beweist sich einmal mehr, dass Ashley Hans Scheirls collageartig-malerische Positionen auch vortrefflich ohne Jakob Lena Knebls Arbeiten funktionieren (16.000 bis 31.000 Euro). Am Stand von Sophia Vonier stehen zwei mediale Gegenpole nebeneinander: Die Lichtskulpturen von Raphaela Riepl treffen auf die feine Architektur-Abstraktion von Dominik Louda (zwischen 2.600 und 5.900 Euro).



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