Pianostar Igor Levit hat eine recht treffende Diagnose für die Documenta Fifteen bereitgestellt: Sie habe "einen "Super-Screw-up" hingelegt. Also auf Deutsch gesagt, so richtig Scheiße gebaut. Am Sonntag geht dieses alle fünf Jahre stattfindende Kunstevent für heuer wieder zu Ende. Anfang der Woche hieß es aus Kassel, dass man mit den Besucherzahlen zufrieden sei. Nun, immerhin etwas, kann man dazu nur sagen. Denn ansonsten gibt es wenig, womit die diesjährige Documenta zufrieden sein kann. Und das wird schon dadurch deutlich, dass sich ein Interims-Geschäftsführer über die Besucherzahlen freut. Denn mitten in den traditionellen 100 Tagen der Documenta ist die Geschäftsführerin Sabine Schormann abhandengekommen - sie legte ihr Amt nach massiver Kritik an ihrem Umgang mit den Antisemitismusvorwürfen im Juli zurück.

Dem vorangegangen war ein Skandal, der die Documenta zum Schlachtfeld für die verschiedenen Auffassungen von Kunstfreiheit machte. Und ein Skandal, der keineswegs überraschend kam. Denn schon Monate vor Start der Großausstellung gab es Warnungen, dass das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa Künstler beziehungsweise Gruppen eingeladen hätte, die für eine antizionistische beziehungsweise israelfeindliche Politik stehen - und sich selbst als Israelgegner positioniert. "Die Welt" recherchierte, dass mindestens 84 Teilnehmer der Documenta Fifteen israelfeindliche Briefen und Boykottaufrufe unterschrieben hätten. Scheu vor der Vorverurteilung und die Differenzierung zwischen Israelkritik und Antisemitismus verhinderte, dass man genauer hingeschaut hat. Allerdings: Wer hätte das auch tun sollen? Das Kuratorenkollektiv mit allerlei gleichwertigen Künstlerkollektiven konnte die Verantwortung auf viele Köpfe verteilen, bis sie schließlich ganz pulverisiert war. Die Geschäftsführung sah sich nicht zuständig, weil sie ja den Künstlern nichts reinreden kann. Die Politik - Kulturministerin Claudia Roth - meinte damals noch: "Ich hebe oder senke nicht als Kulturpolizistin den Daumen."

Überschrittene Grenzen

Und so kam es, dass ungehindert ein riesiges Werk namens "People’s Justice" der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi aufgebaut wurde, voll mit judenfeindlichen Stereotypen der übelsten Art. "Zweifellos überschreitet die Karikatur des Juden die Grenzen dessen, was in Deutschland gezeigt werden sollte", kritisierte die Kunstzeitschrift "Monopol", die zuvor die Gruppe noch verteidigt hatte. Elke Buhr, Chefredakteurin, hat nach wie vor eine differenzierte Ansicht: "Der Ursprung dieser Art von Karikatur ist definitiv Europa. Vor allen Dingen in der Nazizeit wurden genau solche Stereotypen und Karikaturen auf bösartigste Weise benutzt. Das hat sich aber weltweit als Chiffre für die kapitalistische Ausbeutung verbreitet. Das ist etwas, was in den Kontexten, in denen diese Gruppe unterwegs ist, lange nicht so problematisiert wird wie bei uns. Ich glaube, dass es auch in Deutschland jahrzehntelang gedauert hat, bis die Öffentlichkeit gelernt hat, was ein antisemitisches Bild ist und warum. Offensichtlich ist diese Debatte in Indonesien überhaupt nicht oder nur wenig präsent und wahrscheinlich ist das Teil dieses Bildreservoirs. Man muss auch sagen, dass alle Soldaten, die da dem Kapital zugeordnet werden, als Tiere dargestellt werden, auch die Amerikaner und die Vertreter des eigenen Regimes." Damit meint sie die Diktatur Suhartos, unter deren Eindruck die Kunst von Taring Padi steht.

"People’s Justice" wurde abgebaut. In weiterer Folge tröpfelten aber immer wieder Sichtungen von bedenklichem Material in der XL-Schau ein. Zum Beispiel ein Bild der palästinensischen Gruppe Eltiqa, auf dem durch Uminterpretation von Picassos "Guernica"-Gemälde Israel mit dem Naziregime gleichgesetzt wird.

Das inkriminierte entfernte Bild ist übrigens 20 Jahre alt, wurde mehrfach zuvor ausgestellt. Man muss im freundlichen Fall von hochgradiger Naivität ausgehen, dass hier nicht vorab eingegriffen wurde. Die Reaktion von Ruangrupa, die sich im Vorfeld der Documenta nicht gerade vorgedrängelt haben, den Antisemitismusvorwurf zu entkräften, nach wie vor wenig einsichtig wirken und teilweise mit Rassismus-Vorwürfen konterten, lässt auch mehrere Interpretationen zu. Vielleicht fehlt einfach wirklich das Verständnis für die Gewalt, die in diesen Darstellungen steckt, zumal auf deutschem Boden. Vielleicht war es aber auch eine ganz bewusst herbeigeführte Provokation.

Kunst als kollektiver Prozess

Ruangrupa wurden als Kuratoren ausgewählt im Namen einer Politik der Weltoffenheit, in einem Interesse am Kunstgeschehen des globalen Südens. Kunst als kollektiver Prozess sollte im Mittelpunkt stehen, Austausch, soziale Anliegen, "Make Friends, Not Art" war ein Motto. Diese "Entkunstung" sahen aber auch viele Kritiker als Problem: "Von ausgestellten Kunstwerken kann keine Rede sein", urteilt der Kasseler Kunstwissenschafter und Documenta-Kenner Harald Kimpel. Es sei die ernst gemeinte Absicht erkennbar, aus der Perspektive des globalen Süden den westlichen Kunstbegriff aus den Angeln zu heben. "Kunst soll ersetzt werden durch kulturelle Lebensäußerungen."

Die sehr deutliche Abkehr vom Intendanten-Mythos, weg vom einzelnen Mächtigen, der sagt, was bedeutende Kunst ist, zum demokratischen Kollektiv-System, ist hier episch gescheitert. Die Folge dieser Strukturreform ist nun der Schrei nach einer neuen Strukturreform. Die sogar so weit geht, dass die Ministerin, die keine Kulturpolizistin sein wollte, forderte, sich in Zukunft mehr einmischen zu dürfen. Hinter sich hat sie das schlagende Argument der Millionenförderung. Wer zahlt, schafft an? Das ist in der Kunst nie eine gute Idee und muss um jeden Preis verhindert werden. Doch ein Kollektiv im unbetreuten Blindflug agieren zu lassen, das sollte nicht mehr geschehen. Zumindest ein Beratergremium sollte für die Documentas der Zukunft eingeschaltet werden. Auch im Sinne all jener teilnehmenden Künstler, die heuer kein Fitzelchen des Rampenlichts abbekommen konnten - weil ein zu großer Schatten fiel. Was dann wieder gar nicht so demokratisch ist.