Der 1952 in Neapel geborene Maler und Grafiker Francesco Clemente gilt seit den 1980er Jahren als einer der Hauptmeister der italienischen "Transavanguardia". Damals brach in vergeistigten Zeiten von Minimalismus und Konzeptkunst der neue Elan für figurative Malerei aus, obwohl diese davor schon totgesagt worden war. Clementes Mythen und Selbstbildnisse waren weniger expressiv als die neue wilde Malerei in Deutschland. Er nahm als Reisender um die ganze Welt - Selbstbezeichnung: Nomade - Eindrücke aus Volksglauben und alten Literaturen zurück bis Homer als Anregungen auf. Obwohl er oft nach Italien zurückkehrte und sein erstes Künstlerbuch über die Argonautensage mit Alberto Salvino, dem Bruder des Malers Giorgio de Chirico, gestaltete, zog er kurz nach 1980 von Rom nach New York.

Allen Ginsberg, Jasper Johns und viele andere Künstler wurden dort seine Freunde. Er verewigte sie in den verschiedenen Gestalten der Tarotkarten, die er als Narr in einem Zyklus von Aquarellen begleitet: Doch dabei, wie in anderen Lithografien und Pastellen, treten auch ständig Zeugen der antiken Kunstgeschichte auf - wie in der Serie "Alba’s Amalfi" der rätselhafte Turmspringer aus dem archaischen Grab "Tomba del Tuffatore" in Paestum. An anderer Stelle ist neben den Griechen und Römern, eine Vorliebe für die altägyptische Götterwelt zu sehen.

In Brasilien lernte Clemente die von afrikanischen Sklaven nach Salvador de Bahia mitgebrachte Naturreligion der Yoruba mit ihrem Ritual des Condomblé kennen, nach dem er einen weiteren Pastell-Zyklus betitelt. Das Geheimnis dieser Voodoo-Mysterien spiegelt sich auch im Gemälde "Kreuz des Südens" wider, das an ein Sternbild erinnert, aber auch eine besondere Geste aus einem Werk Albrecht Dürers übernimmt.

Kunstgeschichte, Literatur und nach den Reisen zudem aus Afghanistan und Indien übernommene religiöse Rituale sind typisch für die italienische Postmoderne, die - neben Motiven wie dem mythischen Einhorn oder Kentaur - mit starker Farbigkeit gegen die karge Palette der davor liegenden Phasen monochromer Abstraktion ankämpfte. Der Fantasie setzt er keine Grenzen, ein auf einer Leiter Kletternder ist aus dem Mithraskult angeregt, die Tintenfische und Delfine aus der kretischen Malerei in Knossos. Mysten mit verbundenen Augen begleiten die lyrischen Anspielungen.

Clemente liebt den Vergleich zwischen Bild und Text. Er ist mit Salman Rushdie befreundet. Sein Selbstporträt umgibt er oft mit vielen Augen und thematisiert gerne die Widersprüche zwischen Seele und Körper. Rot auf Schwarz als alte Gegensatzfarben integrieren christliche Symbole wie Fisch und Haus, unter Wasser tauchen Edelsteine auf, ein Gestirn wird beobachtet und die wiederkehrenden Augenpaare können aus dem Körper treten und das Gesicht als Maske zurücklassen. Eine Kentaurin tritt vor einen Liegenden, die Geschichte bleibt für uns offen interpretierbar.

Die von Sammler Rafael Jablonka mit Elsy Lahner kuratierte Schau wurde vom Künstler selbst gehängt, ist aber durch die klaren Gruppen und Zyklen, Themen und Chronologie, nicht künstlerisch chaotisch, sondern von Clementes wissenschaftlichen Blick geprägt.